Ausstellung Ursula Kelm : Fisch im Feuermeer

Ovid als fotografisches Experiment: Ursula Kelms Bilder in der Galerie Imago.

Hans-Jörg Rother

BerlinKönnen Fotografien eine Wirklichkeit abbilden, die nur in der dichterischen Phantasie existiert? Zum Beispiel jenes Chaos, „ein verworrenes rohes Gemenge“, das der Dichter Ovid am Anbeginn aller Zeit den Weltenraum ausfüllen sah? Ist es überhaupt möglich oder sinnvoll, einen antiken Schöpfungsmythos in Bilder fassen zu wollen?

Wie das doch gelingen kann und wo die Tücken dieses waghalsigen Experiments liegen, demonstriert eine Serie digital bearbeiteter, zum Teil jedoch analog aufgenommener Fotoarbeiten von Ursula Kelm bei Imago Fotokunst. Sie versuchen, den Anfang von Ovids Hauptwerk „Metamorphosen“ in Bilder zu fassen: das wimmelnde Durcheinander der Materie, wie aus einem formlosen Feuermeer die Sonne entstand, Erde, Wasser und Luft sich schieden, Bäume wuchsen, Fische im Wasser schwammen und endlich – „es fehlte noch ein Geschöpf, das, höher an Würde, mit tief denkendem Geist den anderen könnte gebieten“ (Ovid, Verse 5-88) – der Mensch die Erde betrat. Für den steht hier ein verschwommenes Foto der Autorin selbst, aber statt wie Ovids Geschöpf stolz „zu den Sternen das Antlitz“ zu wenden, schaut sie verlegen zu Boden. Pathos passt wenig zur Gegenwart, umso mehr aber ein Erschrecken vor den Urgewalten, die unseren Planeten hervorbrachten und jederzeit erneut losbrechen können. Die fünf Feuerbilder fesseln darum auf grausige Art am meisten, der von großen Flecken überzogene Sonnenball in weiter Ferne dagegen ist schlichtweg schön. Grau-blaue Spiegelungen stehen für die formlose physikalische Vorzeit, während der Fisch an Ursula Kelms Aquarium fröhlich in seinem Element zu schwimmen scheint. Textauszüge bei jeder der vier Fotogruppen führen immer wieder zu Ovid zurück.

Ursula Kelms grenzüberschreitendes Projekt zeigt wieder einmal, wie man mit Filtern, Tricks und einem entsprechendem Computerprogramm der Wirklichkeit entfliehen kann und sogar in ferne Mythen eintauchen. Als wäre die bislang durch ihre eindrucksvollen Reisebilder aufgefallene Fotografin der authentischen Eindrücke überdrüssig, hat sie sich zu einem wahren Zauberwerk entschlossen, das zum Beispiel aus einer wehenden Gardine eine geheimnisvolle Metapher macht. Für 1300 Euro kann man diesen unikaten großen Werkdruck nach Hause tragen. Die eher normalformatigen Prints (Auflage: 7 Exemplare) sind für 530 bis 980 Euro zu haben. Billiger kommt weg, wer ein Exemplar der großformatigen Buchausgabe der gesamten Serie für 129 Euro erwirbt. Einen schöneren Anlass kann es kaum geben, Ovids „Metamorphosen“ einmal selbst zur Hand zu nehmen.

Imago Fotokunst, Auguststr. 29c; bis 17. April, Di-Fr. 12-19 Uhr, Sa 14-18 Uhr.

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