Ausstellung : Verborgene Insel

Das andere Italien: Wenn man an Sardinien denkt, kommen einem zumeist die herrlichen Stränder der Insel in den Sinn. Berlins Museum Europäischer Kulturen zeigt das Mittelmeereiland in einer Fotoausstellung von seiner schroffen Seite.

Steffen Richter

Viele Italiener sind fest davon überzeugt, dass es nirgends auf der Welt schönere Strände gibt als auf Sardinien. Das stimmt natürlich nicht, ist aber auch nicht ganz falsch. Zumindest kann man verstehen, warum sich Silvio Berlusconi ausgerechnet im Nordosten Sardiniens, seinen Villenkomplex inklusive Atombunker errichten ließ. Die Strände jedenfalls gehören zum Sardinien-Klischee wie Pecorino sardo und Korkeichen, wie die Nuraghi, prähistorische Steintürme, oder die berüchtigten „Banditen“ aus der kleinen Stadt Orgosolo. Es gibt einiges, was der Sardinien-Tourist wissen kann. Von sardischer Kultur weiß er deswegen wenig. Denn sie entzieht sich, ist eine Kultur des Indirekten und Verborgenen.

Wenn das Museum Europäischer Kulturen in Dahlem nun seine diesjährigen Kulturtage Sardinien widmet, könnte das gut für ganz Italien sein. Das italienische Image ist miserabel. Selbst ohne die Kapriolen des Ministerpräsidenten: von Privilegien der politischen Klasse (beschrieben von Gian Antonio Stella und Sergio Rizzo in dem Buch „La Casta“) bis zu politisch gewollten Grenzverwischungen zwischen Legalität und Illegalität (Roberto Savianos „Gomorrha“). Es gibt gute Gründe für die deutsch-italienische Entfremdung. Zu den schlechten gehört enttäuschte Liebe. Wenn die Nachrichten aus dem einstigen Bel Paese sich nicht mit deutschen Projektionen decken, wendet man sich ab – anstatt genau hinzusehen.

Natürlich zeigt die Ausstellung des Dahlemer Museums Exponate aus dem eigenen Depot: sardische Alltagsgegenstände vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Herzstück aber ist die Annäherung an die Insel mittels Fotografien, die Sardinien von „drinnen und draußen“ beleuchten. Für das „Draußen“ steht zunächst eine „Bildtafel“ mit Aufnahmen aus dem vorletzten Jahrhundert. Sie geht auf ein Projekt der von Rudolf Virchow gegründeten Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte zurück. Dabei ging es um nicht weniger, als die fotografische Inventarisierung verschiedenster Lebensformen. Von „Draußen“ hat auch der deutsche Fotojournalist Bernd Lohse in den 1930er Jahren auf die archaische Lebenskultur Sardiniens geschaut. Nicht zuletzt Herlinde Koelbl ist mit zwei Foto-Serien aus den 1990ern vertreten. Vor allem ihre folklorefrei inszenierten Alltagsbilder sind beeindruckend.

Um das „Drinnen“, die sardische Innensicht, kümmern sich die italienischen Fotografen Mario Arca, Luca Gabino, Massimo Mastrorillo und Salvatore Ligios. Zunächst erscheint die Ausstellung klein und übersichtlich. Je länger man aber vor den Fotos von Salvatore Ligios steht, desto größer wird sie. Ligios ist Leiter eines Fotomuseums in dem kleinen Städtchen Villanova Monteleone. Seine Bilder zeigen Menschen, Alte wie Kinder, mit Tiermasken, die an Rituale denken lassen. Genau darum aber geht es nicht. Ligios sucht die gegenwärtige sardische Identität in Konfrontation mit dem Alten. Wenn er über seine konstruierten Ensembles spricht, redet er von einer „Sprache der Fotografie“, die der Literatur Konkurrenz machen solle. Ligios Fotografie operiert mit Konnotationen, Zeitenschichtung und der Überlagerung verschiedener Codes, die nicht auf Eindeutigkeit abzielt, sondern Vieldeutigkeit produziert. Diese Bilder bilden nicht ab, sie schaffen Räume für die Imagination des Betrachters und machen Identität als kulturelle Konstruktion erkennbar. So sieht das Gegenteil von biederer Heimatkunst aus.

Dass Verschlossenheit und Argwohn gegenüber Fremdem zur sardischen Tradition gehören, ist nachvollziehbar. Die meisten, die auf die Insel kamen, waren Besatzer: Vandalen, Araber, Genuesen, Staufer, spanische, dann österreichische Habsburger und zuletzt Savoyer – immer war Sardinien Ziel von Okkupanten. Aus der Rebellion gegen Fremdbestimmung rührt auch das Phänomen des „Banditismo“ mit seinen Entführungen und Lösegeldforderungen. Zum Räuber, erklärte der neorealistische Filmemacher Vittorio de Seta in „Banditi a Orgosolo“ (1961), wird ein sardischer Schäfer jedoch nicht aus Abenteuerlust, sondern durch die Zumutungen äußerer Gewalt und fremder Werte. Lange waren die „Banditi“ sozialromantisch verklärte Helden, mittlerweile gelten sie als Kriminelle. Noch vor zehn Jahren konnte man in Orgosolo Einschusslöcher in der Rathaustür bewundern. Heute dürften sie zu den gepflegten Touristen-Attraktionen zählen. Ebenso wie die „Murales“, Wandmalereien, die politische Themen vom antifaschistischen Partisanenkampf bis zum Irak-Krieg kommentieren und eine aktuelle Form der widerständigen sardischen Kultur darstellen.

Die Kulturtage, die das Museum Europäische Kulturen gemeinsam mit dem Sardischen Kulturzentrum und dem Italienischen Kulturinstitut ausrichtet, wollen Sardinien in allen Facetten zeigen. Jeden Donnerstag im August gibt es eine Führung durch die Ausstellung mit anschließenden Veranstaltungen zu Literatur, Musik und Film. Besuchern sollte anschließend mehr zum Thema Sardinien einfallen als Strand und Pecorino. Salvatore Ligios jedenfalls versteht den sardischen Auftritt in Berlin dezidiert als untouristisch, unfolkloristisch und unmerkantil. Das ist äußerst sympathisch – und vielleicht ein gutes Mittel gegen Italiens schlechten Ruf.

Arnimallee 25, bis 30.8., Di-So 11-18 Uhr, Programm: www.sardanet.de, Katalog 15 €.

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