Ausstellung : Von Wespen und Menschen

Eine Korsettfabrik wird zum Video-Museum: Sammlerin Julia Stoschek hat sich in Düsseldorf einen Traum erfüllt.

Christina Tilmann
Stoschek Foto: Hans-Jürgen Bauer
Lady in Black. Julia Stoschek vor Olafur Eliassons "When Love is not enough wall". -Foto: Hans-Jürgen Bauer

Der Umbau steckt ihr noch in den Knochen. Keine Biennale-Eröffnung samt Geburtstagsparty in Venedig in diesem Jahr, keine Documenta-Eröffnung, und auch nach Münster, dem von Düsseldorf aus gesehen nächstgelegenen KunstEvent, fährt sie erst an diesem Wochenende. Julia Stoschek hatte in diesem Mega-Kunstsommer anderes zu tun: Am 23. Juni hat in Düsseldorf ihr Privatmuseum, die Julia Stoschek Collection eröffnet. Noch immer sind die Wände im Büro nicht trocken, werkeln die Bagger im Garten, ist im Dachloft, wo die 32-Jährige in Zukunft wohnen möchte, der Boden nicht gelegt. „Erst wenn wir hier wirklich eingezogen sind, werde ich das Gefühl haben, angekommen zu sein“, bekennt sie etwas erschöpft. Die Besucher, die immer samstags auf Anmeldung in die Sammlung dürfen, rennen ihr dafür schon jetzt die Bude ein: Schon sind die Termine bis Ende August vergeben.

Was Wunder, dass sich auch Stoscheks erste Präsentation, die für ein Jahr 40 Arbeiten aus der rund 300 Werkkomplexe umfassenden Sammlung präsentiert, mit dem Thema Abriss, Umbau, Erneuerung befasst. „Destroy, she said“ lautet der Titel, nach einer Arbeit von Monica Bonvicini, und gleich am Eingang fährt wummernd Bonvicinis Hammer in die Wand, reißt tiefe Löcher in den Putz („Hammering Out: an old argument“ von 2003). Nicht die einzige Destruktion: Gordon Matta-Clark lässt in „Conical Intersect“ 1974 ein abrissgeweihtes Pariser Wohnhaus zerlegen, Christian Jankowski hält in „16-mm Mystery“ 2004 den Zusammensturz eines Hochhauses filmisch fest, und in Clemens von Wedemeyers „Bit Business“ toben sich jugendliche Straftäter an einem unschuldigen Holzhaus aus, bis nur noch ein Schutthaufen übrig bleibt.

Schutthaufen gab es auch bei Stoscheks Umbauten genug, tonnenweise Schutt. Das Haus in Düsseldorf-Oberkassel, ein imposantes Fabrikgebäude mit wechselvoller Geschichte, stand zuletzt jahrelang leer. Für den Umbau gewählt hat sie das Berliner Architekturbüro Kühn Malvezzi, das von der Kasseler Binding-Brauerei für die Documenta 11 bis zu den von Friedrich Christian Flick genutzten Rieck-Hallen hinter dem Hamburger Bahnhof genügend Erfahrung in der Umnutzung alter Fabrikräume für Kunstzwecke besitzt. Auch in Düsseldorf ist wieder ein echter Kühn-Malvezzi entstanden: minimalistisch-kühle Ausstellungsräume, viel Weiß, Schwarz und Grau, und auf dem Dach, dort, wo die Sammlerin ihr Domizil aufschlagen wird, eine grandiose Dachterrasse.

Vom Charme des burgartigen Fabrikgebäudes, das vor hundert Jahren erbaut und nacheinander als Malersaal für Theaterkulissen, Prüfstand für Luftschiffmotoren, Korsettfabrik und zuletzt als Rahmenfabrik für den bekannten Düsseldorfer Rahmenmacher Fritz Conzen genutzt wurde, ist nicht mehr viel erhalten. Moderne Ausstellungsräume haben Kühn Malvezzi geschaffen, allerdings mit viel Licht und Luft für Videokunst. Keine dunklen Kabuffs, und schon gar keine Vorhänge: „Vorhänge sind mein Horror“, erklärt die Sammlerin. Stattdessen ein raffinierter Wechsel zwischen Licht und Dunkel, offen und geschlossen, der den Fabrikhallencharakter der Räume nicht verbirgt. „Dass hier, wo einst Theaterrequisiten und Bilderrahmen angefertigt worden sind, nun wieder Kunst, wenn auch ohne Rahmen, zu sehen ist, finde ich besonders passend“, erklärt Julia Stoschek ihre Standortwahl.

Passend zum Innenausbau ist auch die Hausherrin zum Gespräch streng in Schwarz erschienen und posiert wirkungsvoll vor Olafur Eliassons extra für sie geschaffenen kaleidoskopartig über die Wand verteilten Spiegelöffnungen. Häme gab es genug im Voraus, für die 32-jährige Unternehmertochter, die sich innerhalb kürzester Zeit eine beachtliche Sammlung zeitgenössischer Videokunst zusammengekauft hat. Sei es ihr als Szene-Event begangener 30. Geburtstag vor zwei Jahren in Venedig oder der in Berlin ehrgeizig gestartete Kunst-Salon, sei es die Farbe ihrer Stilettos oder ihre Vorliebe für extravagante Auftritte: Dass es ihr mehr um gesellschaftliche Anerkennung als um Kunst gehen müsse, ist ein Vorurteil, dem Julia Stoschek sicher oft begegnet – erst recht, seit sie mit dem Düsseldorfer Fotografen-Star Andreas Gursky liiert ist. Doch wie sie nun in ihren neuen Räumen sitzt und bekennt, dass Sammeln für sie vor allem Lernen bedeutet, ist das von geradezu entwaffnend liebenswürdiger Offenheit. Einen Art-Consultant oder eine beratende Galerie habe sie nicht engagiert, erklärt sie stolz, sie suche sich ihre Künstler selbst, in Ateliers und Galerien. Sicher, vieles in der Sammlung ist der engen Verbindung zu Klaus Biesenbach und den Berliner Kunst-Werken geschuldet, die sie mit Künstlern wie Paul Pfeiffer, Robert Reynolds, Mathilde ter Heijne, Klara Liden und Taryn Simon in Verbindung gebracht haben dürften. Aber Schwerpunkte wie die Auseinandersetzung mit weiblichen Rollenbildern oder die geschickte Mischung jüngster Werke mit historischen Arbeiten von Robert Smithson, Marina Abramovic, Bruce Nauman oder Anthony McCall lassen schon einen sehr eigenen Sammler-Kopf erkennen.

Ihr Initiationserlebnis sei Douglas Gordons sich zum Sterben niederlegender Elefant in der Gagosian Gallery New York gewesen, erzählt Julia Stoschek. Eine monumentale, komplexe Reflexion über Schein und Sein, in der Tier- wie in der Kunstwelt. Es spricht für Stoschek, dass sie in ihrer Ausstellung stattdessen Paul Pfeiffers „Empire“ von 2004 zeigt: ein in Realzeit drei Monate lang gefilmtes, im Aufbau befindliches Wespennest, in dem lange Zeiträume überhaupt nichts passiert. Ähnliche Geduld, ähnlich langen Atem sei der jungen Sammlerin für den Aufbau ihrer Sammlung gewünscht.

DIE SAMMLERIN

Julia Stoschek, 32, sammelt seit 2002 zeitgenössische Kunst. Ihr Urgroßvater Max Brose begründete in Coburg ein Fahrzeugteil-Unternehmen, in dem Stoschek heute Gesellschafterin ist. Gleichzeitig sitzt sie im Direktoren-Board der Berliner Kunst-Werke und im Medien-Board des Museum of Modern Art, New York.

DAS MUSEUM

Die ehemalige Rahmenfabrik Conzen in Düsseldorf-Oberkassel ist von den Berliner Architekten Kühn Malvezzi aufwendig umgebaut worden. In der Ausstellung Destroy, She Said sind rund 40 Arbeiten aus der Kollektion zu sehen, auf 3500 Quadratmetern. Besichtigung samstags zwischen 11 und 16 Uhr, Anmeldung unter 0211/1752166.

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