Ausstellung : Wir Schmuddelkinder vom Bahnhof Zoo

Früher war das Amerika-Haus in Berlin Feindesland für die 68er, ein Symbol für die inzwischen als „imperialistisch“ etikettierte, ehemalige Besatzer- und Befreiungsmacht. Heute findet sich die Generation in der Ausstellung „68 – Brennpunkt Berlin“ dort wieder.

Caroline Fetscher
Amerika-Haus
Die Ausstellung im Amerika-Haus. -Foto: dpa

Der kleine Junge auf dem Foto wird heute etwa Anfang vierzig sein. Vielleicht arbeitet er in der Werbung, vielleicht wurde er Lehrer, oder er fährt Taxi. Damals jedenfalls, im Berlin von 1968 hockte das Kind ergeben auf den Schultern seines Vaters, der als Demonstrant im Protest gegen den Vietnamkrieg durch die Straßen zog, um mit Tausenden anderer dem Imperialismus zu trotzen, dem Kapitalismus und Kolonialismus. Um den Hals des kleinen Jungen hing, an einer Kordel befestigt, ein Schild aus weißer Pappe, auf das Erwachsene in schwarzer Schrift den Namen eines Revolutionärs gemalt hatten, zum rhythmischen Slogan erweitert: „Ho Ho Ho Chi Minh“. Ein Name, der den Anspruch auf Selbstevidenz erhob.

In der Ausstellung „68 – Brennpunkt Berlin“, die seit gestern, kuratiert von der Bundeszentrale für politische Bildung, im Amerikahaus nah am Bahnhof Zoo zu sehen ist, wirkt dieses Bild als Verdichtung, als unbeabsichtigte Ikone einer Phase der westdeutschen Geschichte, die vierzig Jahre später ihren Weg in die Musealisierung findet. Mit der Kamera auf Schwarz-Weiß-Film festgehalten hatte die beiden der Szene-Fotograf Günter Zint, geboren 1941 in Fulda. Zint war „Ganz unten“ mit Günter Wallraff, an der Basis des Öko-Widerstands bei Brokdorf oder Gorleben, und „ganz oben“ mit Popstars wie Frank Zappa oder John Lennon. Unter dem Titel „Zintstoff“ gab der Bildermacher 2007 seine eindrucksvollen gesammelten Werke heraus.

Jetzt sind Zints Bilder das tragende Element der Ausstellung, die vierzig Jahre danach und bis Ende März an den Aufruhr, die Straßenschlachten in Berlin erinnert. Vor dem Amerikahaus, das seit 2006 leer stand, thront friedlich fixiert ein polizeigrüner Wasserwerfer, aus dessen Lautsprechern das Tondokument einer Demonstration erschallt, wie das Echo einer untergegangenen Epoche. Auch die überlebensgroße Silhouette Che Guevaras auf rotem Fahnengrund im Treppenhaus fehlt hier nicht.

Gerade das Amerikahaus als Symbol für die inzwischen als „imperialistisch“ etikettierte, ehemalige Besatzer- und Befreiungsmacht jenseits des Atlantik, war ein beliebtes Ziel der Aggression für die Menge in Aufruhr. „Damals“, sagt der Schriftsteller Peter Schneider, der 1940 in Lübeck zur Welt kam, „zeigten uns bürgerliche Passanten empört einen Vogel, wenn wir Slogans gegen die USA skandierten.“ Heute hingegen, bedauert Schneider, der sich vom radikalen Studentenführer und Mitorganisator des „Springer-Tribunals“ zum moderaten Demokraten entwickelt hat, „ist Antiamerikanismus majoritär“. Es schlägt einem, sagt er, regelrecht „Hass“ entgegen, sofern man die USA nicht als Hort und Quelle globalen Übels abqualifiziert. Trotz totalitärer Idole wie Lenin oder Mao, deren Portraits und Texte die Revolte schmückten, ist für Schneider rückblickend klar: „Ohne die Achtundsechziger wären wohl kaum Bürgerinitiativen entstanden.“ Auch das Verhältnis zur Autorität, die Beziehung zwischen Eltern und Kindern, hätte sich wohl nicht so grundlegend geändert.

Peter Schneider, Katharina Rutschky, Dan Diner, Elke Heidenreich, Oskar Negt, Claus Peymann und weitere Protagonisten jener Tage bestreiten das diskursive Begleitprogramm von „Brennpunkt Berlin“. Es wird Debatten über das Amerikabild geben und über die Befreiung der Frauen. Zum Abschluss findet ein von Peter von Becker moderierter Abend statt, der Handkes „Publikumsbeschimpfung“ neu belebt, um die Rolle des Theaters als Bühne jener Generation zu erörtern. Flankiert wird er von einer Aufzeichnung der legendären „Optimistische(n) Tragödie“ in der Inszenierung von Peter Stein 1972.

Im fernen Vietnam bekam der Held Ho Chi Minh (1890 – 1969), dessen selbst gewählter Name sinngemäß „der Erleuchtete“ bedeutet, vom Resultat der jugendlichen Revolte hier wahrscheinlich nur noch wenig mit. Zu den Sprechchören und Sprüchen der postfaschistischen Straße Westdeutschlands muss er ein eher ambivalentes Verhältnis gehabt haben. So er sie überhaupt kannte, dürfte „Pflaster“ dem bärtigen Kommunisten nähergelegen haben, als „Strand“. Erst recht wären ihm die meisten Worte Adornos, des intellektuellen Vorbilds vieler Revoltierender, vorgekommen, wie aus einer anderen Welt. Dessen langjähriger Student Ulrich Erckenbrecht notierte während einer Vorlesung im November 1967 die Empfehlung Adornos an den akademischen Nachwuchs: „Ein gutes Doktorthema wäre eine Geistesgeschichte der Phantasie. Die Phantasie wurde vom szientifischen Geist verdrängt. Phantasie ist weit mehr, als sich ein Objekt vorstellen.“ (Erckenbrecht in „Grubenfunde“, 2007).

Heute ginge es auch darum, die politische Fantasie und den Pragmatismus derer zu erforschen, die mit ihrer Politik der Re-Education und Re-Orientation dafür sorgten, dass preußische, faschistische Phänomene wie Autoritätshörigkeit überhaupt in Frage gestellt werden konnten. Genauer: Amerikas Nachkriegsplanung für „Germany“, die bereits in den frühen vierziger Jahren begann, stellt ein spannendes, weitgehend unentdecktes und teils noch tabuisiertes Feld historischer Forschung dar, das nur wenige Wissenschaftler, wie etwa die brillante Heidelberger Soziologin Uta Gerhardt, ins Auge fassen. Berlins Amerikahaus, das hier beweist, wie gut es als Ausstellungsforum funktionieren kann, und das einer neuen, dauerhaften Bestimmung harrt, wäre der ideale Standort für ein „Museum of Re-Education“. In ganz Deutschland erinnert, was kaum zu glauben ist, keine einzige Institution an dieses zentrale Kapitel deutscher Geschichte.

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