Ausstellungen : Heilige sind auch nur Menschen

Zwei große Ausstellungen in London zeigen den Abglanz von Byzanz und den Zauber der Renaissance. Besonders die National Gallery weiß mit "Renaissance Faces" zu überzeugen.

Rüdiger Schaper

LondonVon den Weltreichen bleiben die kleinen Dinge. Münzen, Schalen, Silbergefäße, Elfenbeinschnitzereien, Schmuck. Sie liegen in Vitrinen, vor Staub und Licht und Berührung geschützt, und tragen die ungeheure Last der Repräsentation. Tote Kultur: Die nach rein musealen Kriterien spektakuläre "Byzantium"-Ausstellung der Royal Academy of Arts in London liefert ein Schulbeispiel dafür, wie ein Imperium zum Artefakt gerinnt.

Über ein Jahrtausend lang, von 330 bis 1453, war Konstantinopel eine Weltstadt. Zentrum des oströmischen Reiches - ein missverständlicher Begriff - und der christlichen Religion, bildete es die Brücke von Antike und Hellenismus in die Neuzeit. Und die Sollbruchstelle zwischem dem sogenannten Westen und den anderen, lange als minderwertig betrachteten Kulturen des Nahen Ostens und Zentralasiens: Die Byzantiner waren im Krieg mit den aufkommenden islamischen Dynastien, mit den Persern, mit den katholischen Kreuzfahrerhorden, die 1204 Konstantinopel plünderten, und mit den Türken, die Byzanz den Todesstoß versetzten. An diesen Grenzen entlang verlaufen noch heute weltpolitische Konfliktlinien, und wer über Europa und europäische Integration nachdenkt, kommt an Konstantinopel nicht vorbei.

Und doch gehört das Byzantinische zu den Randwissenschaften. Die Londoner Ausstellung, entstanden zusammen mit dem Benaki Museum Athen, wirkt auch nur wenig erhellend. Sie konzentriert sich auf prächtige Einzelstücke wie den goldenen Erzengel aus San Marco und blendet Politik und Alltag fast aus. Eine akademische Schatzkammer, voller Beutestücke für die Nachwelt. Was die Berliner "Babylon" Schau - derzeit im British Museum zu sehen - im Übermaß versuchte, nämlich die Assoziation mit dem Mythos bis in unsere Zeit, fehlt hier vollends. Die byzantinischen Dramen bleiben im Reich der Fantasie. Die legendären Wagenrennen, der exemplarische Bilderstreit, die wilden Kaiserinnen und Kaiser: All das war großes historisches Kino, und den Kuratoren fiel dazu nichts ein.

Mit der Ikonen-Schau des Getty-Museums in LA kann London nicht mithalten

Diese splendide Abweisung ist aber auch in der Hermetik der byzantinischen Bilderwelt begründet. Ikonen dominieren die Schau, Mikromosaike, Buch- und Tafelmalerei. Zeitgenossen schilderten Konstantinopel mit der von Justinian erbauten Hagia Sophia als strahlendes Himmelreich auf Erden. Die Byzantiner waren in der Ausschmückung des christlichen Kosmos ebenso erfindungsreich wie streng. In den Ikonen lebt die Symmetrie antiker griechischer Architektur fort, doch das Raumgefühl, die Sensibilität für den menschlichen Körper, wie man es bei attischen Vasen und Skulpturen findet, tritt in den Hintergrund. Ikonen gehorchen einer eigenen Physik. Die Schwerkraft der Heiligenfiguren scheint aufgehoben, für unsere Augen verbergen sie mehr, als sie offenbaren. Darin liegt ihre letztlich exotische Anziehungskraft.

Die Royal Academy schätzt sich glücklich, einen Raum ausschließlich mit Ikonen aus dem Katharinenkloster vom Sinai präsentieren zu können; darunter die berühmte Himmelsleiter des Klimakos aus dem 12. Jahrhundert. Ikonen vom Sinai gehören zu den ältesten und kostbarsten überhaupt, die geschäftstüchtigen Mönche leihen nur selten Stücke aus ihrem Hochsicherheitsmuseum in der Wüste aus. Mit der sensationellen Ikonen-Schau, die das Getty-Museum Los Angeles vor Jahren veranstaltete, kann London nicht mithalten.

Der Abglanz von Byzanz ist das Bildnerisch-Religiöse, in all seinem ausgeprägten Formalismus. Man könnte denken, dass die Byzantiner in ihren Kirchen eine höhere Ordnung schufen, die im scharfen Kontrast zu den chaotischen politischen Verhältnissen stand. Ein ewiges Rätsel: ob die Allgegenwart der Ikonen, die das römische Kaiserbild ersetzten, religiöse Inbrunst steigerte oder regulierte. Ob dies eine fortschrittliche oder rückwärts gewandte Gesellschaft war, und warum das "Byzantinische" so lange mit bizarren Ritualen, höfischem Wahnsinn und überbordender Bürokratie identifiziert wurde. Die Kuratoren verzichten auf Thesen, aber stellen leider auch keine Fragen.

Was für ein Kontrast - hier Artefakt und dort das Leben

Die Faszination Byzanz wurde stets aus extremer Distanz erlebt, so wie W. B. Yeats in seinen Versen "Sailing to Byzantium" rhapsodiert. Die Ausstellung unterstützt diese traditionelle westereuropäische Haltung. Gemessenen Abstands segelt sie an der Welt der Byzantiner vorbei.

Und nun: Was für ein Kontrast! In der National Gallery gehen einem bei den "Renaissance Faces. Van Eyck to Titian" die Augen über. Hier explodiert die Individualität, etwas unfassbar Anderes beginnt in Italien und Nordeuropa, als Byzanz von der Landkarte verschwindet. Fluch und Segen, Schönheit und Makel, Charakter und Stellung eines menschlischen Wesens sind plötzlich greifbar in Kunstwerken.

Im ersten Raum der grandiosen Ausstellung wird diese neue Zeit manifest - in der Holzbüste der Heiligen Constanze aus dem Louvre, die vielleicht eher das idealisierte Bild einer zarten jungen Schönen ist. Sie datiert um 1450, als die Türken zum letzten Schlag gegen die Byzantiner ausholten. Es ist passiert: Die Heiligen werden Menschen. Später begegnet man der Büste eines Jungen, geschaffen um 1500 von Guido Mazzoni - was für ein spitzbübischer, lebendiger, moderner Ausdruck!

Kinder und Alte, Handwerker und Gefängnisinsassen, oder wie bei Pontormo, "zwei Freunde" werden zu Subjekten der Malerei, nicht mehr nur Herrscher und Päpste. Und auch die Kirchenfürsten stellen sich bei Raffael und Tizian als vom Leben gezeichnete Greise dar. Eine Revolution in der Darstellung des Humanen. Die "Gesichter der Renaissance" - Bellinis Doge, van Eycks seltsames Kaufmannsehepaar oder Lorenzo Lottos Männer mit ihren abgrundtiefen Augen - künden aufregend von Leben. Und ringen mit der Sterblichkeit.

Vom Vergänglichen war die Renaissance besessen, und im Physiognomischen erfassen ihre Maler von nun an radikal die Seele. Wir machen uns ein Bild, auch von Gott. Das taten auch die byzantinischen Ikonenmaler - nur dass sie festen Glaubens waren, immer das eine und dasselbe Urbild zu malen, nach heiligem Gesetz. Die Künstler der Renaissance - wunderbar klar in beiden Ausstellungen zu sehen - fielen nicht vom Himmel. Sie haben den mittelalterlichen Astralleib übermalt, mit Gewalt und Leidenschaft.

"Byzantium", Royal Academy of Arts London, bis 22. März. www.royalacademy.org.uk. - "Renaissance Faces", National Gallery, bis 18. Januar. www.nationalgallery.co.uk

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