Austellung : Billy und seine Brüder

Ikea besteht auch im Museum, wie eine Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne zeigt

Mirko Weber
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Wie fest gemauert. Billy-Regal in München. Foto: p-a/dpa

Wer die Treppenstufen in jenem Teil der Münchner Pinakothek der Moderne hinuntersteigt, wo sich die Designergrube mit dem Allerheiligsten (Braun, Thonet, Corbusier) auftut, muss, sofern gewiefter Ikea-Kunde, direkt ein wenig an sich halten: Die haben hier nämlich bereits alles ausgepackt und zusammengeschraubt, also Billy, Pendel, Jules etc., und das ist nun mal ein ungewohnter Anblick und ein kleiner Schock. Fast schon ein wenig provozierend thronen also ganz normale Ikea-Klassiker auf der jeweils drunter hübsch gestapelten Kartonage und scheinen dreierlei sagen zu wollen: Erstens: Wir sind schon da! Zweitens: Wir gehören hier auch hin! Drittens: Noch irgendwelche Fragen? Aber gleich, scheint mancher Besucher, der hier erstaunt hineingerät, zu denken, nämlich vor allem: Reichen nicht über 260 Einrichtungshäuser in 24 Ländern und satte 21 Milliarden Euro Jahresumsatz? Müssen diese alten Schweden sich wirklich in der Pinakothek breitmachen? Und auch noch tun, als seien sie Kunst?

Ja, das müssen sie, hat der Direktor der Münchner Sammlung, Florian Hufnagl sich gedacht, und gleich sein Billy-Regal aus Studentenzeiten (also von vor nahezu dreißig Jahren) beigesteuert. Hier steht es nun, fast wie fest gemauert, und erinnert durch seine starke und strahlende Präsenz zu Beginn des Rundgangs noch einmal daran, dass Ikeas meistverkauftes Teil doch tatsächlich einmal verblendeterweise aus dem Sortiment gestrichen worden war, Anfang der Neunziger, damals sollten die Leute ihre Literatur statt dessen im System Kavaljer ablegen. Aber von wegen! Die wollten ihren guten, alten Billy wiederhaben. Und? Bekamen ihn nach zwei Jahren zurück. Hätte die Welt ähnlich aufgestöhnt, wenn ihnen, sagen wir, Corbusiers Liege, auf diese Art genommen worden wäre?

Der Witz ist, dass die ausgestellte Ikea-Ware unter dem riesenhohen Dach der Pinakothek beim Betrachten den Vergleich mit den Klassikern des modernen Designs keinesfalls scheuen muss, von einem ästhetischen Alptraum namens Skopa abgesehen: in diesem Fall handelt es sich um eine orangene Sitzgarnitur, die selbst unter Freunden und unter Retro-Gesichtspunkten wohl kaum mehr vermittelbar ist. Aber Jules, Pöang und Ögla? Die bestehen mühelos vor den Formen der musealen Stammgäste hier. Und wie auch nicht, schließlich handelt es sich in allen drei Fällen jeweils um ein Zitat. Jules, der Stuhl mit dem Loch im Rücken, geht zurück auf Hans Corays Landi-Stuhl; Ögla hat sich die Kaffehausbestuhlung Thonets zum Vorbild genommen, und Pöang, der Freischwinger, bezieht sich direkt aufs Bauhaus und Aavar Alto. So gesehen hat Ikea geschafft, was den Bauhäuslern in der Realität versagt geblieben ist. Es wurde möglich, dass auch Leute mit weniger Geld sich ein paar relativ hübsche – wenn auch nur kopierte – Sachen für den Alltag leisten konnten, worüber nun wieder viele (meist kinderlose) Chefästhetiker peinlich berührt die Nase rümpften und rümpfen. Ob die Ausstellung deswegen „Democratic Design“ heißt?

Man wird den Titel als dialektischen Reiz verstehen müssen. Hufnagl und sein Team wollen eine Diskussion anstoßen, die sich über den Raum der Designabteilung hier hinaus entwickeln müsste: dabei kann die kleine Münchner Schau natürlich nur Anstöße geben. Ausdrücklich zu problematisieren, wie stilprägend Ikea weltweit ist, und warum das nun auch wieder nicht nur gute Seiten hat, dafür ist hier vorerst kein Raum. Allein die Tatsache jedoch, dass es ein paar Exemplare von Billy und seinen Brüdern (und Schwestern) in diesen Münchner Museumstempel geschafft haben, ist ein Aufmerken wert. Und wer demnächst wieder bei Ikea am Rande der Stadt steht, sieht die Wohnwelt dort mit anderen Augen. Auch ein Erfolg!

Die Ausstellung dauert bis zum 12. Juli.

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