Baden-Baden : Frisch gestrichen

Kunsthalle Baden-Baden: die erste Ausstellung der neuen Leiterin Karola Grässlin heißt "Who's Afraid of Red, Yellow and Blue". Unter Grässlin soll zukünftig den "konzeptuellen und kontextuellen Fragestellungen der zeitgenössischen Kunst" nachgegangen werden.

Oliver Tepel

Die neoklassizistische Hülle der Kunsthalle Baden-Baden verkörpert die Idee des Musentempels in solcher Vollendung, dass das bald 100 Jahre alte Gebäude heute nahezu skurril erscheint. Doch damit nicht genug. Seit 2004 konkurriert es mit dem effektvollen Neubau des Museums Frieder Burda, in dem gegenwärtig Werke der Berliner Sammlung Marx zu sehen sind (bis 7.10.). Ein gläserner Gang verbindet beide Kunsthäuser und bildet damit eine Brücke zwischen öffentlichem Haus und Public-Private- Partnership-Unternehmen. Betreten wird sie nun frisch von Karola Grässlin, der neuen Kunsthallen-Leiterin und selbst Spross einer bedeutenden Sammlerfamilie. Die bisherige Direktorin des Braunschweiger Kunstvereins ließ den Bau sogleich renovieren. In weißer Eleganz auf seine reine Formensprache reduziert, zeigt das Haus im diffusen Schein der Oberlichte nun seine Stärke: Räume, die ihrem Zweck und nicht dem Architektenego dienen.

„Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue“ heißt Grässlins erstes Ausstellungsprojekt. Der einer Bilderserie Barnett Newmans entliehene Titel verweist auf verschiedene Versionen der Farbfeldmalerei. Die farbstarken Bilder vermitteln in ihrer Intensität im frisch renovierten Haus fast ein Gefühl der Enge, des Wettstreits um Aufmerksamkeit. In der Haupthalle dominieren Imi Knoebel und Ellsworth Kelly – hier die Farbe auf Holzfläche, dort auf gespannter Baumwolle. Solch Gegensätze schaffen Unruhe, die Bilder spielen ihre Positionen gegeneinander aus, auch wenn sie zunächst farbige Eintracht vortäuschen.

Nahezu dem Verschwinden preisgegeben ist Barnett Newmans „Now I“ von 1965 – ein schmaler Streifen Bild, das nichts Narratives oder gar Kommentierendes zulässt. Der Maler ironisierte mit dem Titel „Now“ die damals omnipräsente Pop-Art und fügte den Begriff des „Jetzt“ mit seiner Farbfeldmalerei in eine scheinbar zeitlose Unbeweglichkeit. Erst aus der Nähe sind Spuren des Pinselauftrags zu sehen. Doch wer lässt noch Besucher in die Nähe eines Newman kommen? Die Präsenz des Wachpersonals verweist nicht nur auf den monetären Wert der Werke, sondern auch auf den Grund für die Abwesenheit der titelgebenden Bilder. Zwei der vier Varianten von Newmans „Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue“ wurden von Bilderstürmern attackiert. 1982 erwischte es Version IV, just nachdem es die Berliner Nationalgalerie erworben hatte. 1986 zerschlitzte dann ein Mann Version III im Amsterdamer Stedelijk Museum.

Kraftvoll antwortet Imi Knoebel auf Newmans herausfordernde Frage. Die Flächen von „Ich nicht“ knallen Rot, Gelb und Blau in den Raum und lassen wenig Zweifel an ihrer Eindeutigkeit. Der raue Farbauftrag auf diversen Materialien kontrastiert hart mit den gegenüber hängenden zarten Stoffbildern Blinky Palermos. Die mit Nessel industriell gefärbte Baumwolle erzeugt geradezu Illusionen handschriftlicher Textur. Erst Gerhard Richters Palette der „Achtzehn Farben“ und Stephen Prinas graue Wand erscheinen vollends monochrom.

Diese Verschiedenheit der Ansätze in einer Schau, die kein historisierender Überblick sein will, eher persönliche Auswahl, könnte beliebig wirken. Doch die Kunsthalle Baden-Baden ist nicht nur Museum, sie versucht mit jeder Ausstellung zugleich ein Experiment. Unter Grässlin soll fortan den „konzeptuellen und kontextuellen Fragestellungen der zeitgenössischen Kunst“ nachgegangen werden. Ihre undogmatische Befragung von Farbe und deren Erscheinungen in der Kunst ist ein gelungener Start für die neue Leiterin. Ob Morris Louis’ Schüttungen oder Dan Flavins Neonröhreninstallation, die grüne Schatten wirft – die Werke entziehen sich einer Beherrschbarkeit des Sichtbaren. Sie leisten mehr als allzu oft konzeptuell überfrachtete Kunsthallenshows. Dem Startschuss sollen Einzelausstellungen von André Cadere, Dirk Skreber, Nairy Baghramian und Lucy McKenzie folgen. Der kleine Kurort ist für Kunstbesucher fortan noch um einiges mehr eine Reise wert.

Kunsthalle Baden-Baden, bis 30.9.

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