Bahman Jalali : Zeuge des Kriegs, Auge des Friedens

Iranische Innenansichten: Die späte Entdeckung des großen Fotografen Bahman Jalali.

Peter von Becker

Eine Entdeckung? Ein Künstler von internationalem Rang – und trotzdem im alles ansaugenden Kulturbetrieb noch fast unbekannt und durchs Netz gefallen? So etwas scheint es in der Ära der globalen Allgegenwärtigkeit nicht mehr zu geben.

Hier ist nun eine große, großartige Ausnahme. Es geht um den iranischen Fotografen und Sammler Bahman Jalali: ein Auge des Jahrhunderts in einem Schlüsselland zwischen West und Ost, zwischen ältester Hochkultur und neuzeitlichem Fundamentalismus. Catherine David, die französische Kuratorin und 1997 Chefin der legendären Documenta X, ist eine Reisende und Aufspürerin in den politisch-kulturell so brisanten Regionen des Nahen und Mittleren Ostens, und sie hat Bahman Jalali entdeckt. Hat ihm in der noblen Fundació Antoni Tàpies in Barcelona vor gut einem Jahr eine imposante Ausstellung ermöglicht, mit einem 300-seitigen Katalog.

Doch trotz des illustren Orts und des Namens David ist diese Präsentation erstaunlicherweise über Barcelona nicht hinausgedrungen. Bahman Jalali blieb selbst unter Kennern der internationalen Fotoszene bestenfalls ein Gerücht. Jetzt hat Catherine David einen zweiten Anlauf unternommen und die bisher nur in Barcelona (und nie im Iran) gezeigte erste Retrospektive des Teheraner Künstlers nach Graz gebracht, in die „Camera Austria“. Das ist die engagierteste Fotokunst-Institution Österreichs, und die Begegnung mit Jalalis bewegendem, oft dramatischem Werk macht Graz derzeit eine Reise wert.

Die Ausstellung wirbt vor allem mit den emphatischen Bildern der vor 30 Jahren gefeierten, dann gefürchteten iranischen Revolution, die Jalali von den ersten Demonstrationen gegen den Schah bis zur Machtergreifung Khomeinis im Februar 1979 in den Straßen Teherans aufgenommen hat. Doch im Seitenflügel des ansonsten hoch avantgardistischen, von multimedialen Installationen bespielten neuen Kunsthauses Graz öffnet sich zunächst eine ganz andere Welt. Man taucht mit dem Blick in tiefe, schmale Gassen einer noch mittelalterlich wirkenden, allmählich verfallenden islamischen Altstadt. Oder schweift über Lehm- und Ziegelkuppeln, über Dächer wie Dünen und Häuser mit geometrischen, bisweilen fantastisch ornamentalen Formen, die viertausend Jahre alt sein können und ebenso eine Architektur der Zukunft: unter glühendem Himmel ein Schutz und Schmuck in der Wüste.

All das in Schwarz-Weiß und voller Kontraste, im doppelten Sinne. Denn die verfallende Altstadt gehört zum Hafen von Bushehr, wo zu Schahzeiten bereits von westdeutschen Ingenieuren Persiens erster Atommeiler gebaut wurde. Diese Sprünge oder verborgenen Nahtstellen zwischen Archaik und Moderne hat der heute 65-jährige Bahman Jalali von den siebziger Jahren bis in die Gegenwart dokumentiert. Und das ohne direktes Verwertungsinteresse, ohne fremden Auftrag: allein mit dem teilnehmenden, jahrzehntelang prüfenden Auge des Zeit- und Zeitveränderungs-Zeugen. Jalalis Bilder entstehen, trotz seines Gespürs für Schatten, Licht und den glückhaften Moment, nicht im schnellen Augenblick des Reporters oder in der exotischen Schnappschussperspektive des europäisch-westlichen Reisenden.

Hier kommt auch die im Westen weitgehend unbekannten Geschichte der persischen Fotografie ins Spiel. Schon kurz nach seiner Erfindung gelangte das neue Medium Mitte des 19. Jahrhunderts in den Orient. Weil in den islamischen Regionen jedoch seit Jahrhunderten keine Kultur der realistischen Abbildung und des göttlichen oder menschlichen Porträts mehr existierte, blieb der fotografische Blick von den arabischen Ländern bis nach Indien zunächst ein kolonialistischer, europäisch geprägter. Allein in Persien bildete sich früh, gefördert unter anderem von den fotobegeisterten Schahs der Quajar-Dynastie eine eigene fotografische Tradition.

An sie knüpft Bahman Jalali ganz vielfältig an. Selber studierter Ökonom und fotografischer Autodidakt, der mit fünfundzwanzig die private Souvenir-Knipsphase übersprang und sich sofort als Bild-Dokumentarist verstand, hat Jalali in den vergangenen 40 Jahren nicht nur selber die Kamera in die Hand genommen. Er hat, nach zwei Gastjahren bei der Royal Photographic Society in England, auch begonnen, moderne visuelle Kulturgeschichte an verschiedenen iranischen Universitäten zu lehren, und war 25 Jahre Direktor der Fotoabteilung der Teheraner Soroush Press. Mit seiner Frau und Freunden gründete er das erste Museum für Fotografie in einem Land, dessen fundamentalistischen Machthabern der freie Blick besonders suspekt ist. Zudem hat Jalali, der selber nie für Werbung oder Medien fotografiert hat („Ich brauche meine Unabhängigkeit“), eine eigene Sammlung zur 150-jährigen Geschichte der persischen Fotografie angelegt und selbst als Künstler mit historischen Fotos gearbeitet.

Man sieht diese Facetten in Graz und ist erst gefangen vom herben Zauber der Architektur- und Wüstenbilder oder von den Fahrten mit Fischern im Persischen Golf, die Jalali mit fast filmischer Dynamik und zugleich einer schwarz-weiß-malerischen Anmut aufnimmt. So werden Alltagsszenen zu Ikonen: ohne damit die Härten und Gefahren der Männer mit ihren immer leereren Netzen in einem von Krieg, Öl, Tankern geschundenen Meer zu beschönigen. Eben dieses Zusammenspiel von Poesie und Realismus zeigt Jalalis dokumentarische Kunst. Anders als etwa seine international arrivierte Landsfrau Shirin Neshat verzichtet er auf jede Inszenierung von Menschen und Dingen.

Eine Kunst, die durch Jalalis Bilder des Krieges noch dramatisch gesteigert wird. Abgeschirmt in einem Kubus und auf Wunsch Jalalis nicht in gerahmten „Kunst“-Exponaten, sondern nur als Videoprojektion ist der ungeheure Zyklus zu sehen, den der Fotograf als Zeuge des irakisch-iranischen Krieges geschaffen hat. Kurz nachdem Saddam Hussein am 22. September 1980 bei Korramshar den größten Flughafen Irans angegriffen hatte, fuhr Jalali auf eigene Faust in die umkämpfte Stadt und hat sie die nächsten acht Jahre immer wieder fotografiert.

Es sind die Zeugnisse einer mehr und mehr apokalyptischen Welt. Ein Stalingrad in den südiranischen Wüsten und Sümpfen, eine Geisterlandschaft mit den Leichen verstümmelter, verbrannter Soldaten: junge Männer mit Sand und der erstarrten Grimasse des Schreckens in den offenen Mündern und Augen, groteske Szenerien mit verkohlten Baumstrünken, surreal kopfstehenden Autos, halb versunkenen Schiffen in Flüssen und den Geschützwolken über den letzten Bewohnern. Mit schwarzen Himmeln überm Inferno. Das erinnert an die stärksten Kriegsbilder eines Robert Capa oder James Nachtwey, wirkt aber nie voyeuristisch – es ist vielmehr, als hätte jemand statt Feder und Pinsel einem Goya die Kamera in die Hand gedrückt.

Jalali, man muss das Unglaubliche nochmals betonen, er hat diese Zeugnisse nie verkauft, hat sie nie auf den Medienmarkt gegeben. So wenig wie seine in der Dramatik des Geschehens aufgenommenen Fotos der Khomeinischen Revolution. Jalali hat aus den Szenen auf Teherans Straßen 1978/79 nur ein in zwei Auflagen gedrucktes Buch gemacht, das übersetzt „Bluttage, Feuertage“ hieß. Es wurde ab der dritten Auflage im Iran verboten. Verboten vielleicht, weil man darin auch die mit gereckten Fäusten und freiem Haupt, also noch ohne Schador gegen den Schah demonstrierenden Studentinnen sieht, die so selbstbewusst wie letztlich vergebens für mehr Freiheit kämpften.

Damit korrespondiert, dass Jalali am Ende, in neuesten Arbeiten nicht nur frühe Bilder der höfischen oder großbürgerlichen persischen Fotografie als seine „Images of Imagination“ teilweise doppelt belichtet und in historisches Sepia taucht. Jalali greift sodann auch noch kräftiger zur Farbe: Er übermalt blutrot und wie mit flammenden Zeichen der altpersischen Kalligrafie einige frühe Fotografien von jungen, unverhüllten Frauengesichtern. Diese scheinbare Zerstörung, dieser künstliche Bildersturm macht die Bilder zugleich zur offenen Wunde – und entstellt die wirklichen Bilderstürmer, die Gesichtsverhüller zur Kenntlichkeit.

Eine Ausstellung, die in alle Welt gehört. Auch nach Berlin, ins Postfuhramt oder in den Martin-Gropius-Bau.

Bahman Jalali, Retrospektive bis 13. 4. im Kunsthaus Graz (Di - So, 10 - 18 Uhr).

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