Baukunst : Maghrebinische Lehren

Europäische Architektur für Afrika: eine Ausstellung im Haus der Kulturen

Michael Zajonz
227760_0_0453e9c6
Apartments der Schweizer Architekten André M. Studer und Jean Hentsch (1951). -Foto: HKW

Die dritte Deutsche Afrika-Woche glänzte 1966 mit der Ausstellung „Neue Architektur in Afrika“, dargeboten in der Berliner Kongresshalle. Wohlgemerkt: Architektur in, nicht aus Afrika. Vorgeführt wurden vor allem Massenwohnungsbauprojekte der französischen Kolonialmacht. „Französisch-Nordafrika“ lautete das Zauberwort für ein gewaltiges Bauvolumen, dass damals die gesamte europäische Architektenszene umtrieb. Seither dürfte man in der Kongresshalle und andernorts jedoch nur noch wenig über diese Architektur gehört haben. In den fünfziger bis siebziger Jahren emanzipierten sich die afrikanischen Kolonien Alteuropas zu selbstständigen Staaten (die zunächst oft andere Sorgen hatten, als eine nationale Architektursprache auszubilden).

Der Kolonialismus als Bauherr hatte jedenfalls ausgedient. Allerdings nicht ganz, wie die Ausstellung „In der Wüste der Moderne“ – wiederum in der Kongresshalle – nun deutlich machen will. Die von der Künstlerin Marion von Osten, dem Architekten Tom Avermaete und dem Soziologen Serhat Karakayali kuratierte Ausstellung geht von der Grundthese aus, dass die in den vierziger und fünfziger Jahren in Algerien, Marokko und Tunesien entwickelten Konzepte des sozialen Massenwohnungsbaus nach dem Ende des kolonialen Baubooms in der Banlieue der französischen Großstädte weiter ihre Betonsumpfblüten trieben. Mit den bekannten Folgen. Die sozialen Probleme – und oft sogar die gleichen Menschen, nun als Migranten – hatte man nur verschoben. Dass sich an diesem eurozentrischen Ideentransfer schließlich das Selbstverständnis einer jüngeren, politisierten Architektengeneration rieb, ist kaum verwunderlich.

Am Anfang der wenig übersichtlichen Ausstellung hängt der Generalbebauungsplan für Casablanca, den Michel Écochard, seit 1946 Leiter des Service d’Urbanisme der Kolonialverwaltung, entwickelt hat. Mit ihm sollte das Bevölkerungswachstum der Mittelmeermetropole kanalisiert werden. Seit 1936 hatte sich die Einwohnerzahl durch Landflucht mehr als verdoppelt.

Stadtplanung als Ordnungsinstrument: Um das alte pittoreske Zentrum plante Écochard einen Kranz von Satellitenstädten, konstruiert nach den von Le Corbusier geprägten modernistischen Grundsätzen der Funktionstrennung. Dafür wurden die Bidonvilles, spontan errichtete „Kanisterstädte“, dem Abriss preisgegeben. Die Bewohner siedelte man kurzerhand um: zu ihrem eigenen Glück, wie man meinte. Im Dezember 1952 kam es in Casablanca zum Aufstand, der nach zwei Tagen blutig niedergeschlagen wurde. Die Neubauten stehen oft noch heute.

Bemerkenswert ist, dass einzelne am Planungsprozess beteiligte Architekten wie Georges Candilis und Shadrach Woods durch die Auseinandersetzung mit der traditionellen arabischen Architektur die Seite gewechselt haben: von einer paternalistisch–technokratischen Vorvätermoderne à la Le Corbusier (in dessen Atelier sie sich kennengelernt hatten) zu einer strukturalistischen Kritik der Moderne. Nur ein paar Jahre später entwarfen die beiden für die Freie Universität Berlin die „Rostlaube“ in Dahlem: ein antiautoritäres Containerdorf für nomadisierende Studenten.

Doch selbst so schillernde Figuren wie Candilis und Woods oder das Schweizer Architektenduo Jean Hentsch und André M. Studer bleiben enttäuschend blass zwischen all dem theoretischen und soziologischen Überbau und Grafik-Kleinklein, zwischen den historischen Fotos von Henri Cartier-Bresson und Robert Doisneau sowie aktuellen Videos von Studierenden der Akademie der bildenden Künste Wien und der Universität Delft.

Unweigerlich stellt sich die Frage: Warum ist Berlin die Eröffnungsstation, und nicht Paris? HKW-Chef Bernd Scherer bezeichnet die Ausstellung, die immerhin nach Frankreich und Nordafrika weiterwandern soll, als paradigmatisch für die künftige Programmgestaltung seines Hauses. Sicher, die Kuratoren können auf neueste Forschungsergebnisse zurückgreifen. Doch „In der Wüste der Moderne“ macht unfreiwillig deutlich, dass manche Themen für eine klassische Ausstellung – auch wenn sie sich noch so unklassisch gibt – einfach zu komplex sind. Mit weit mehr Gewinn sind sie in Büchern oder auf Kongressen zu erfassen.

Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, bis 26. 10. Kostenlose Ausstellungszeitung, das umfangreiche Begleitprogramm unter: www.hkw.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar