Berlin : Die brave Hausfrau und der wilde Schwarze

Juden mit großen Nasen, weibliche Putzteufel und entfesselte Wilde - eine historische Ausstellung in Berlin zeigt, wie klischeehaft Minderheiten in der Werbung dargestellt wurden. Das allein reicht den Kuratoren aber noch nicht. Zeitgenössische Künstler treiben die Wirkung der Exponate auf die Spitze.

Christine Ketzer[ddp]
Ausstellung "typisch!"
Ausstellungsansicht aus "typisch! Klischees von Juden und Anderen". -Foto: Jüdisches Museum Berlin

BerlinDas Bild in einer neuen Berliner Ausstellung zeigt vornehme Herren mit heller Hautfarbe auf ihren Pferden. Im Vordergrund stolpert ein schwarzer Diener vorbei und balanciert ein großes Tablett mit Tassen. Das war die Werbung für Uhlmann Kaffee vor hundert Jahren. Im Hintergrund der Ausstellung laufen die Songs "Griechischer Wein" von Udo Jürgens und "Jewish Princess" von Frank Zappa. "Wir holen die Besucher bei ihren Seh- und Hörgewohnheiten ab", sagt Thorsten Beck, Kurator der Sonderausstellung "typisch! - Klischees von Juden und anderen" im Jüdischen Museum, die ab Donnerstag in Berlin zu sehen ist.

Im Eingangsbereich werden dort zahlreiche Werbemotive gezeigt. Die Fotoinstallation ist ein Sammelsurium von Stereotypen: Die Hausfrau, die kocht und wäscht, der wilde Schwarze, der primitive Eingeborene. Neben Werbung aus der Kolonialzeit stehen aktuelle Anzeigen. "Das Thema ist alles andere als historisch", sagte Beck - auch wenn die Bilder von heute weniger rassistisch sind als Anfang des 20. Jahrhunderts. Schließlich hat sich auch das, was "politisch korrekt" ist, mit der Zeit gewandelt.

Deshalb stellt die Ausstellung den historischen Exponaten moderne Kunst gegenüber, die deren Aussagen und Klischees konterkarieren soll. So auch bei der Sammlung des Wiener Anthropologen Josef Wastl. "Er hat im Zweiten Weltkrieg Juden vermessen und ihnen Haare abgeschnitten - aus Forschungsinteresse. Danach wurden die Menschen deportiert", erzählt Kuratorin Miriam Goldmann. Daneben hängt die Schamhaarsammlung eines zeitgenössischen Künstlers. Sie führt die alte Haarsammlung ad absurdum, sagt Goldmann.

Einige Exponate sind eine Leihgabe des Jüdischen Museums Wien und stammen ursprünglich aus der Sammlung des österreichischen Unternehmers Martin Schlaff. Viele Ausstellungsgegenstände thematisieren den Antisemitismus. Der zeitgenössische US-Künstler Dennis Kardon beschäftigt sich mit dem Vorurteil der langen jüdischen Nase und zeigt mit seiner Skulptur "49 Jewish Noses" tatsächlich Nasenabdrücke bekannter jüdischer Menschen. Das Thema Juden als Jesusmörder wird mit Filmausschnitten von Monty Phytons-Bibelfilmpersiflage "Das Leben des Brian" umgesetzt.

Osama bin Laden-Spielzeug schaffte es nicht in die Ausstellung

"Nicht jede Karikatur eines Juden ist schon antisemitisch", stellt Kurator Beck klar. Stereotypen seien notwendig, um das Leben zu strukturieren, sagt Goldmann. "Aber irgendwann kippt es dann um." Die Grenze zwischen Klischee und Rassismus sei oft verschwommen. "Die Besucher sollen merken, in welchen festgefahrenen Bahnen sie selbst denken. Die Frage, wann Rassismus beginnt, können wir nicht beantworten. Das muss jeder Besucher alleine entscheiden."

Schwierig war die Auswahl der einzelnen Objekte trotzdem. "Wir wollen das Thema präsentieren, und nicht neue Stereotype verankern", sagt Beck. Die Frage, ab wann man etwas nicht mehr zeigen darf, ist im Team diskutiert worden. Ein Exponat, das es nicht in die Ausstellung geschafft hat, sei das Hunde-Beiß-Spielzeug "Osama bin Laden". Das wird unter anderem in den USA unter dem Motto "Wenn Sie Gerechtigkeit nicht herstellen können, ihr Hund kann es", vertrieben. "Da war die Gefahr groß, dass das Objekt missverstanden wird."

Weglassen mussten die Kuratoren auch einige Themengebiete. "Innerdeutsche Klischees hätten wir auch gerne dargestellt", sagt Beck und nennt "Bayern und Preußen oder Türken in Berlin". Da die Ausstellung auch in Chicago und Wien gezeigt werden soll, sind diese Themen aber eher unpassend. Die Ausstellung konzentriert sich vor allem auf Klischees, die auf Juden, andere Ethnien und Homosexuelle bezogen sind. Die Resonanz auf "typisch!" war schon vor der Ausstellungseröffnung hervorragend. "Die Plakate sind bereits ausverkauft." Aber Nachschub ist schon unterwegs.

Die Sonderausstellung wird bis zum 3. August gezeigt.

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