Berliner Galerienszene : Arme Würstchen

Die letzte Klappe: Die Galerie Gilla Lörcher präsentiert den österreichischen Maler Thomas Jocher.

Jens Hinrichsen

Im Westen nichts Neues? Wer das für die Berliner Galerienszene behauptet, guckt nicht richtig hin. So packt Martin Klosterfelde in der Zimmerstraße schon die Umzugskisten, um mit seiner Galerie gen Westen zu ziehen – in die Potsdamer Straße 93, wo am 24. September neu eröffnet wird. Schon lange da, gleich um die Ecke in der Kurfürstenstraße, sind die Galerien von Giti Nourbakhsch und Sassa Trülzsch, die erst 2008 mit Sommer & Kohl sowie Tanya Leighton interessante Nachbarn bekommen haben.

Nur einen Katzensprung entfernt, in der Pohlstraße, hat Gilla Lörcher im Februar ihre Einraumgalerie eröffnet. „Eigentlich sollte es schon im letzten Dezember losgehen“, erzählt die in der Nähe von Kassel geborene Galeristin, aber dann sei doch noch eine störend niedrige Zwischendecke entfernt worden. Mehr Platz für die Kunst. Mit ihrem kleinen, feinen Showroom erfüllt sich Lörcher einen langem Traum. Die studierte Philosophin hat in den späten achtziger Jahren als Assistentin in einer Galerie in Frankfurt am Main gearbeitet und sich in der Folge vor allem als Journalistin um die zeitgenössische Kunst gekümmert.

Auf der Suche nach der geeigneten Immobilie radelte sie durch halb Berlin, liebäugelte kurz mit dem neuen In-Standort Heidestraße und entschied sich doch für den „Potse-Kiez“ – weil hier Kunst und Alltag eng beieinanderliegen. „Das Rotlichtmilieu gehört für mich zum spröden Charme der Gegend“, sagt Lörcher.

Ein wenig obszön wirken da die beiden Gemälde des österreichischen Malers Thomas Jocher. Die kühl und glatt wirkenden Settings für seine Szenen malt er nach Internet-Vorlagen. Es sind Zimmer, in denen er irreal vergrößerte Lebensmittel platziert. So häuft sich zwischen behaglichen Sofas und einem Kamin ein Berg Riesenkartoffeln. Auf einem mit drei Metern Länge wesentlich größeren Bild („Devolver a lo Desnudo su vello“, 2007) liegt im Vordergrund ein überdimensionierter Haufen Wienerwürstchen. Man assoziiert Gruppensex und denkt an Pornodarsteller, die nach der letzten Klappe ins nächste MöbelkatalogAmbiente hetzen. Jochers lakonische Bilder sind auf vertrackte Weise künstlich. Sie zelebrieren das Ungenaue, die nachlässige Übertragung und scheren sich nicht um perspektivische Präzision. Manchmal scheint es, der Künstler nähme in ironischer Absicht die Haltung eines Herstellers von (Wohn-)Objekten ein. Tatsächlich plant Jocher eine Serie von Gemälden in unterschiedlichen Größen, die alle denselben Inhalt zeigen und die einen Ausstellungsraum gleichsam möblieren sollen.

Solche komplexen Installationen würden das Raumvolumen in der Pohlstraße 73 wohl sprengen. Zunächst will Gilla Lörcher sich in der Szene etablieren, sich einen Kundenstamm aufbauen, bevor sie darüber nachdenkt, für umfangreichere Projekte temporäre Räume anzumieten. Mit ihren bisher vier Ausstellungen hat die Galeristin ein Gespür für Qualität bewiesen, ohne dass sich bereits eine eindeutige Richtung abzeichnet. Vor Thomas Jocher lud Lörcher die Frankfurterin Monika Romstein ein - Ausstellungstitel: „The Chrystal Gazer“ -, aber die Einsteigerin will ihre Galerie nicht auf Malerei festlegen. Selbstbewusst verweist die Nachwuchs-Kunsthändlerin auf ihre langjährige Seherfahrung und bekennt: „Ich will einfach nur spannende Positionen ausstellen.“

Ihren Einstand gab sie mit den Zeichnungen von Jürgen Eisenacher, der sich mit Themen wie Migration und Kolonialismus beschäftigt (und dessen Malerei ab September gezeigt wird), gefolgt von Fotos und einer Videoarbeit des Franzosen Joël Curtz. Seine Werkgruppe „Intrusion“ kreiste um das Einverständnis, vor allem den Unwillen von Autobesitzern, sich in ihrem Allerheiligsten fotografieren zu lassen. Das Gros der Gefragten empfand dies offenbar als zu intim. Schließlich bedeutet „Auto“ im Griechischen „Selbst“. Und der von Curtz aus der Geologie entlehnte Begriff „Intrusion“ meint das „Eindringen von fließfähigem Material in bereits existierende Gesteinskörper“.

Im Vergleich dürfte es Gilla Lörcher wesentlich leichter fallen, in der durchaus ausbaufähigen Galerienszene an der Potsdamer Straße weiter Fuß zu fassen.

Galerie Gilla Lörcher – Contemporary Art, Pohlstraße 73, bis 18. September; Mi-Fr 15-19 Uhr, Sa 12-18 Uhr.

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