Berliner Kunst : Raum für Anarchie

Immer mehr junge französische Künstler ziehen nach Berlin. Eine Ausstellung zeigt, was sie hier suchen

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Über dem Eingang von Nicolas Dusolliers Atelier steht ein Wort geschrieben, das er da nicht selbst hingekrakelt haben wird: Anarchie. Aber es wird ihm gefallen. Neben dem Graffito kleben Sticker für Demos, Lebensweisheiten und Parolen von Vorbeieilenden. Genau das ist es, was der französische Künstler an Berlin mag. In den neunziger Jahren war er schon mal in der deutschen Hauptstadt, lebte für kurze Zeit in einer Wagenburg. Der damals 18-Jährige war fasziniert von der Aufbruchstimmung. „Alles schien möglich“, sagt er. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er zurückkehren würde. Dusollier hat sich nicht gegen Paris entschieden, sagt er. Er hat sich für Berlin entschieden. Und mit ihm viele andere junge französische Künstler. „Eine ganze Generation kommt gerade aus Paris herübergeschwappt“, sagt Nicolas Dusollier. Seit anderthalb Jahren hat er nun sein eigenes Atelier in Kreuzberg. In Frankreich wäre das nicht möglich gewesen. Zu teuer.

Auch Nicolas Manenti hat es in die Hauptstadt verschlagen, er ist bereits seit vier Jahren hier. Der 29-Jährige, der in Lyon studiert hat, kam wegen der Liebe – und blieb. Beide Künstler sind zurzeit in der Ausstellung „Ein Koffer in Berlin“ im Institut français zu sehen. Gezeigt werden Installationen und bildhauerische Arbeiten von zehn jungen Franzosen, die hier in der Stadt arbeiten. Die Direktorin des Instituts, Carine Delplanque, schätzt, dass etwa dreihundert junge französische Künstler hier ihren Platz gefunden haben, manche für ein paar Wochen, andere für ein paar Jahre. Sie kann aus einem reichen Fundus schöpfen. Anfang nächsten Jahres möchte Delplanque eine zweite Ausstellung organisieren, dann mit Malerei. Vor einigen Monaten hatte bereits das Freie Museum in der Potsdamer Straße zur Eröffnung eine ähnliche Schau organisiert: „Die neuen schönsten Franzosen sind in Berlin“ hieß sie. Nicolas Manenti sagt, unter seinen Landsleuten gebe es bereits eine Art Sprichwort: „Steige in Berlin in eine Bahn oder die Tram ein, und du wirst nicht der einzige Franzose sein.“

2004 schrieb die „Los Angeles Times“ noch von den US-amerikanischen Hipstern, den Kreativen, die alle vom „Buzz“ Berlins angezogen werden, von der Energie der Stadt. Nun sind es die Franzosen – das zeigt sich schon am Prix Marcel Duchamp, einer Auszeichnung für junge aufstrebende Franzosen oder in Frankreich lebende Künstler, dotiert mit 35 000 Euro. Der Gewinner darf im Centre Pompidou ausstellen. 2009 waren unter den vier nominierten Künstlern gleich drei, die in Berlin leben und arbeiten. Damien Deroubaix und Nicolas Moulin, sowie der Preisträger, der 39-jährige Saâdane Afif. Zufall, wie die Jury beteuerte.

„Wunderschön ist’s in Paris auf der Rue Madleen / Doch ich denk, wenn ihr auch lacht, heute noch an Berlin“, singt Marlene Dietrich in dem Lied „Ein Koffer in Berlin“, an das der Titel der Ausstellung angelehnt ist. Die Dietrich, die passt heute wieder. „Paris ist ein historisches Museum“, findet Nicolas Dusollier. „Berlin dagegen ist das Hier und Jetzt.“ Die Stadt an der Seine sei komplett reglementiert. Berlin dagegen: unfertig, offen.

Franzosen treffen hier auf ein kleinteiliges, dynamisches kulturelles Milieu, das sie aus ihrer Heimat nicht gewöhnt sind. „In Paris gibt es keine Projekträume, keine privaten Galerien“, sagt Nicolas Manenti. Und sein Kollege Dusollier wird ganz ärgerlich, wenn er erzählt: „In Frankreich läuft viel mehr über Institutionen, über öffentliche Gelder.“ Nicht sehr gesund für die Kunst, findet er. Sein aktuelles Projekt hat er selbst finanziert. Neben der Franzosen-Ausstellung am Kurfürstendamm bespielt Dusollier noch bis Ende des Monats das Stattbad Wedding. „Hyperworld#berlin“ heißt die Installation. Mit gezielt eingesetztem Licht und riesigen Wandbauten hat er die Dimensionen der Schwimmhalle dramatisch aufgeblasen. Das Becken ist ein großes, leeres Loch. Besser, man fällt nicht hinein. Dusollier mag diesen Ort, dieses trockengelegte Schwimmbad. „Dieser Ort ist echt“, sagt er. So wie Berlin. Der Franzose kann lange über die Wende schwärmen, darüber, welche Spannungen sich zwischen Ost und West immer noch über der Stadt entladen, wie man täglich mit der Geschichte lebt.

Für Franzosen ist Berlin, Mauerfall hin oder her, immer noch eine Insel. „Berlin ist nicht Deutschland“, sagt Dusollier. Findet aber auch sein Künstlerkollege Manenti. Die Stadt ist ein Glied einer Kette, die sich zwischen Paris, London und New York spannt. Denn so viel ist auch klar: Berlin ist Produktionsstätte, verkauft wird woanders. „Zum Geldverdienen kommt hier niemand her“, stellt Manenti klar.

Seine Arbeit „Perspektiven“ im Institut français passt sehr gut zu dem Lebensgefühl, dass die jungen Franzosen in Berlin suchen. Der Besucher betritt einen Raum in heillosem Durcheinander. Bürostühle liegen achtlos in den Raum geworfen, drumherum ein Meer aus Rechnungen und Mahnungen. Der Konferenztisch ist in Schieflage geraten, seine Tischbeine, unnatürlich vervielfacht, können ihn nicht tragen, sie sind unterschiedlich lang. Die Fläche eines Flipcharts füllt sich per Videoprojektion mit Flecken. Ein Büromensch scheint mit Filzstiften Dart zu spielen. Noch in Frankreich hatte der Künstler als Nachtwächter gearbeitet. Die Langeweile war die Initialzündung für seine Arbeit. Das Geordnete, das Geregelte – das kann Nicolas Manenti seitdem nicht mehr leiden. Da ist sie wieder: Die Anarchie.

„Une valise à Berlin – Ein Koffer in Berlin“, Institut français, Kurfürstendamm 211, bis 25.1., Mo 10-18, Di-Fr 10-19, Sa 11-15 Uhr. „Hyperworld#berlin“, Stattbad Wedding, bis 31.1., Gerichtsstraße 65, nach telefonischer Vereinbarung: 0176/488 090 43

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