Bettina Rheims : Safer Sex mit der Kamera

Auf der Suche nach Glück: Die Fotos von Bettina Rheims bei c/o Berlin locken - aber leben sie auch?

Christina Tilmann
Rheims
Das Bild "Le lait miraculeux de la Vierge a.d s. I.N.R.I". -Foto: ddp

BerlinFrauen. Immer hat sie Frauen fotografiert. Und glaubt man ihr, haben Frauen sich immer gern von ihr fotografieren lassen. „Ich mache Fotos mit Frauen und für Frauen. Nie würde ich meine Modelle zu etwas zwingen, von dem ich nicht wollte, dass man es mit mir täte“, hat Bettina Rheims einmal gesagt. Und so sieht man, Saal für Saal, starke Frauen. Schöne Frauen. Selbstbewusste Frauen. Berühmte Hollywoodstars und gänzlich Unbekannte, Schauspielerinnen, Models oder auch Zufallsbekannte im Hotelzimmer in Paris, ganz egal. Der Blick ist immer der gleiche. Der Look ist es auch.

Glamour. Erotik. Inszenierung. Dafür ist die französische Fotografin Bettina Rheims berühmt. Für starke Farben und provokante Posen. Für Hochglanzfotografie, die doch nichts preisgibt von ihren Sujets. Sex im Hotel oder Jesus am Kreuz, Hure oder Heilige. Da mögen sich die Models per Zungenkuss ineinanderschieben, im Hotelbett räkeln, ja, einander den rotlackierten Fingernagel in die Vagina schieben, ganz egal. Es dringt nichts unter die Oberfläche. Dick wie ein Panzer ist die perfekt geschminkte Haut.

Bettina Rheims ist selbst Model gewesen. Und als Model weiß sie um die Wirkung von Inszenierung und Pose. Immer wieder kehren die gleichen Elemente wieder: der Griff ins Haar, der die blonden Strähnen verwuschelt. Der Träger des BHs, der über die Schulter gleitet. Das Kleid, das sich öffnet, über der Brust oder über der Scham. Beherzt der Griff dieser Frauen, die einander berühren, kraulen, dem Betrachter ihre Brüste entgegenheben. Nichts Vergängliches hat dieses Fleisch, keinen Geruch, keine Temperatur, keine Spur von Schweiß, keine Unreinheit. Makellos glatt die Oberfläche, und wohlkalkuliert noch das verwischteste Make-up. Es könnten auch Plastikpuppen sein.

Es ist ein Spiel, ein Rollenspiel. Und eine Übereinkunft: Ist ja alles gar nicht echt. Ein bisschen wie bei Quentin Tarantinos Filmen: Da spritzt das Blut, fliegen die Gliedmaßen, und darüber wacht die augenzwinkernde Übereinkunft der Künstlichkeit. Von Filmen hat Bettina Rheims sich einiges abgeschaut, nicht nur, wenn sie Estelle Hallyday mit Rasiermesser und Blutspur im Bad ablichtet, und auf dem Spiegel steht mit Lippenstiftschrift „Repulsion“ – Roman Polanski und Catherine Deneuve lassen grüßen. In ihren Schwarz-Weiß-Fotos winken Stummfilmposen von Marlene Dietrich über Charlie Chaplin bis Asta Nielsen, und zur besseren Verständlichkeit hat die Fotografin die Beleuchtungsapparatur im Bild stehen lassen und ihre Fotos mit schwarzem Kodak-Rand versehen.

Das erinnert im Look, auch in der knallbunten Künstlichkeit, der Lust am Verkleiden an Cindy Sherman. Eher Nan Goldin verwandt ist die Lust zur provokanten Pose. Die glamouröse Star-Inszenierung kennt auch Annie Leibovitz. Und das Spiel mit Stilettos, Lack und Dessous mag eine Hommage an Helmut Newton sein, bei dem sie gelernt hat. Sehr bewusst gesetzt ist auch der Gegensatz zwischen Glanz und Schäbigkeit, die glamourösen Models in den ärmlichen Hotelzimmern von Paris. Da steht der nackte Heizkörper in der Ecke, die Tapete blättert ab, Leitungen liegen grob über Putz, und die Betten sind bedeckt mit rosa Noppendecken. Altrosa, beige, grünlich und grau, das sind die Farben der Umgebung, die die nackte Haut erst recht zum Strahlen bringen. Eine reine Kunstwelt, ein Filmset auch hier, da ist nichts zufällig, alles gewollt. Nicht vorstellbar, dass eine spontane, natürliche, unverstellte Geste den Weg ins Bild fände. Wie eingefroren in ihrer Künstlichkeit wirken die Frauen.

Gehört wirklich Mut dazu, sich so zu zeigen? Die Fotos wollen es glauben machen, behaupten den Tabubruch, vor allem in der jüngsten Serie „Héroines“. Ein Setting aus Pappmaché, kunstvoll zerrupfte, zerrissene Haute Couture, und die Models wirken erschöpft, ausgelaugt. Rot geränderte, tränende Augen, fahle, stumpfe Haut, die ihre Adern, ihre Unreinheiten erkennen lässt. Doch auch das ist Pose, Übereinkunft, wirkungsvoll hervorgehoben oder inszeniert. Sie sind sehr schön, diese Frauen, in ihrer vermeintlichen Abgekämpftheit. Doch auch die behauptete Authentizität ist eine Rolle. Das Elend des Model-Wesens, derzeit im Fernsehen in der Fortsetzung von „Germany’s Next Topmodel“ zu erleben, und bei c/o Berlin demnächst in der Studioausstellung „Zweiunddreißig Kino“ mit Fotos magersüchtiger Mädchen thematisiert, kommt hier nicht vor. Stattdessen: Müdigkeit als neue Mode.

Illusorisch die Vorstellung, man könnte aus diesen Bildern etwas erfahren, was das Sujet nicht preiszugeben bereit wäre. Illusorisch auch zu denken, man würde ein anderes Bild präsentiert bekommen als das, welches die Frauen selbst von sich haben. Frauen zumal, die gewohnt sind, die Kontrolle über ihr Bild zu behalten. Da ist Charlotte Rampling, in roten Hosenträgern, selbstsicher und stark. Kristin Scott Thomas, die mit blonder Perücke experimentiert, wirkt kontrolliert, beherrscht. Madonna provoziert im Nuttenlook, Sharon Stone spielt verführerisch mit einem Diamantarmband, Salma Hayek zeigt sich verheult im Blümchenkleid, ganz das kleine Mädchen, Monica Bellucci isst, bodenständig genug, in der Küche Spaghetti mit Ketchup, und Marion Cotillard posiert mit dem Billard-Queue à la garconne.

Bei ihnen allen: Keine Spur von Verunsicherung, Scham oder Scheu, kein Blick hinter die Maske, keine Ahnung von Leben. Safer Sex mit der Kamera sozusagen. Die Fotos sind Hingucker, das gewiss, doch länger verweilen, rätseln, suchen mag der Blick auf ihnen nicht. Voyeure kommen auf ihre Kosten bei Bettina Rheims. Seelen-Sucher eher nicht.

c/o Berlin, Oranienburger Straße, bis 11. Mai täglich 11 bis 20 Uhr. Katalog (Schirmer/Mosel) 24,80 Euro. Ein Interview mit Bettina Rheims erscheint am Sonntag.

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