Biennale : Balancieren auf der grünen Linie

Das neue Kuratorenteam der Berlin Biennale über politische Kunst und historische Bürgschaften.

Biennale
Stärker zu zweit. Adam Szymczyk (37) und Elena Filipova (35). -Foto: Spiekermann-Klaas

Es scheint unter Kuratoren Mode zu sein, Teams zu bilden. Warum arbeiten Sie zusammen?

ADAM SZYMCZYK: Um nicht nur mit sich selbst sprechen zu müssen. Der Dialog ist eine Grundvoraussetzung, um Dinge voranzubringen.

Sie haben die drei Locations der 5. Berlin Biennale bekannt gegeben: Die KunstWerke in der Auguststraße, die Neue Nationalgalerie und den Skulpturenpark im ehemaligen Mauerstreifen. Ein Ort im Westen, einer im Osten, einer dazwischen. Spielt die alte Ost-West-Topografie Berlins eine Rolle?

SZYMCZYK: Danach haben wir nicht explizit gesucht. Die Orte sind als Ausstellungsorte sehr verschieden; das war uns wichtig. Sie sollten leicht erreichbar sein.

Ist der Einzug der Berlin-Biennale in die repräsentative Neue Nationalgalerie auch ein Zeichen dafür, dass sie etabliert ist?

SZYMCZYK: Die Wahl der Neuen Nationalgalerie bedeutet nicht, dass wir deutsche Nationalkunst zeigen. 1968 hat Mies van der Rohe das Gebäude als Antwort auf die Alte Nationalgalerie gebaut, die durch den Mauerverlauf in Ost-Berlin lag.

ELENA FILIPOVIC: Die Neue Nationalgalerie ist schwer zu bespielen – zumindest die obere Halle, die wir benutzen werden. Wir wollen Künstlern die Möglichkeit geben, sich mit dieser Ikone der Moderne auseinanderzusetzen und Arbeiten für diesen speziellen Ort zu entwickeln.

SZYMCZYK: Einer sehr späten Ikone, denn die Idee des Glashauses stammt vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Für einen Museumsraum ist Transparenz eher hinderlich. Wir begreifen die Glashalle als Herausforderung und werden nahezu keine Wände hineinbauen.

Am spannendsten, weil für die Berliner am unbekanntesten, ist der Skulpturenpark. Haben Sie bewusst nach einem Off-Space gesucht? Ist das ein Statement für die zunehmend wichtigere Rolle von Skulptur?

SZYMCZYK: Das Genre Skulptur interessiert uns nicht besonders, eher die Gegend an der ehemaligen Mauer. Viele Grundstücke dort sind bis heute nicht bebaut und eine Art aufgegebener Ort in der Stadt. Wie eine grüne Linie, eine Linie der Möglichkeiten.

Sie haben die Ausstellung in „Tag“ und „Nacht“ geteilt. Ist das eine organisatorische Trennung, zwischen dem klassischen Ausstellungspart und den abendlichen Diskussionen? Oder spielen Sie auch mit den Tag- und Nachtseiten der Kunst?

SZYMCZYK: Die Frage ist doch, wie sich Kunst überhaupt zu Themen verhalten kann. Letztlich hatte auch die letzte Berlin Biennale kein Thema. Sie besaß mit „Von Menschen und Mäusen“ einen provokanten Titel und verschiedene Stränge, entlang derer sie sich bewegt hat. Sicher finden sich auch bei uns bestimmte Motive wieder. Aber wir wollen die Besucher nicht mit einer Themenvorgabe durch die Ausstellung schicken, mit der Aufgabe, diese wieder zu finden. Dann wird nur die Vorstellung bestätigt, die man schon vorher hatte.

Wie steht es mit politischen Aussagen?

FILIPOVIC: Die Künstler, für die wir uns interessieren, stammen aus verschiedenen Kulturen und historischen Kontexten, mit denen sie sich natürlich auseinandersetzen. Aber das muss nicht offensichtlich politisch sein. Interessanter sind jene, die nicht die Fahne „politische Kunst“ vor sich hertragen.

SZYMCZYK: Wenn man aus einem totalitären Land kommt oder einem Land mit totalitärer Vergangenheit, ist Politik eine wichtige Erfahrung. Es gibt zwei Arten, damit umzugehen: Entweder man vermeidet Politik komplett, denn nicht jeder muss auf die Barrikaden gehen und kann trotzdem gute Kunst machen. Oder man konfrontiert die politischen Verhältnisse direkt. Wir werden einige Künstler dabeihaben, die den Weg der direkten Konfrontation gewählt haben.

An der letzten Berlin-Biennale wurde die enge Vernetzung mit dem Kunstmarkt kritisiert. Viele Werke waren schon am Eröffnungsabend verkauft. Sehen Sie die Gefahr einer Beeinflussung durch den Markt?

SZYMCZYK: Eine Biennale schafft für Galerien die Gelegenheit, beim Publikum Glaubwürdigkeit aufzubauen, wenigstens für jene Galerien, die neue Arbeiten hervorzubringen helfen. Natürlich kommt dabei die Frage auf: Wer profitiert davon? Ich glaube nicht, dass die Biennale von irgendwelchen Galerien abhängig ist. Es ist amüsant, Verschiebungen auf dem Markt zu beobachten und die Erwartungen des Mainstream durcheinander zu bringen, aber Künstler verkaufen ihre Werke immer über ihre Galerien, auch ohne Biennale.

— Das Gespräch führten Nicola Kuhn und Christina Tilmann.

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