Bildende Kunst : Seelen malen

Prachtvoll: Das Max Liebermann Haus ehrt die Künstlerfürsten Liebermann, Lenbach und Stuck.

Christina Tilmann
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Vater, Mutter, Töchter. Franz von Lenbachs repräsentatives Großporträt seiner Familie, 1903. Foto: Lenbachhaus München

Schimmernde weiße Haut, dunkel getürmte Locken, weich schmeichelnde Pelze und dramatisch tiefe Blicke. Und die Rollen: Salome. Medusa. Circe. Die Frau, das geheimnisvoll lockende Wesen. Bezaubernd, verführerisch, gefährlich. Ein Rollenspiel voller Fantasie – und Sex. Man braucht sich nur die großartigen Frauenporträts anzusehen, um die einzigartige Melange zu begreifen, die sich Ende des 19. Jahrhunderts in Süddeutschland verwirklichte. München zur Zeit des Prinzregenten Luitpold – das war Märchenland und Künstlerparadies, Vergangenheitsbeschwörung, Bildungskult und Großmannssucht. Im Zentrum standen zwei Künstler, Franz von Lenbach und Franz von Stuck, die sich ihre Träume von Reichtum und Ruhm erfüllten, die sich in einer Reihe mit den ganz Großen, mit Tizian, Rembrandt, Rubens und Velázquez sahen. Künstlerfürsten wurden sie genannt, nach dem Vorbild ihres Wiener Kollegen Hans Makart. Und hatten als Bauernsöhne begonnen.

Im Max Liebermann Haus am Pariser Platz werden diese Münchner Künstlerfürsten nun in Verbindung gesetzt mit dem „Hausherrn“, der als Berliner Pendant begriffen wird. Die von der Stiftung Brandenburger Tor ausgerichtete prachtvolle Ausstellung, die rund 80 Bilder zeigt, darunter viele wenig bekannte Leihgaben aus Privatbesitz, folgt der Anregung eines „Museumsfürsten“. PeterKlaus Schuster, der aus dem Amt geschiedene Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, hat sich mit einem Aussstellungsreigen zum „Kult des Künstlers“ verabschiedet und in der Alten Nationalgalerie die Künstlerbilder des 19. Jahrhunderts untersucht. „Künstlerfürsten“, kuratiert von Anke Daemgen, ist Auskopplung und Erweiterung der These.

Dabei hatte Schuster selbst 1997 zur großen Liebermann-Ausstellung geschrieben: „Nicht mit der Allüre eines Künstlerfürsten, sondern als Großbürger bewohnte Max Liebermann mit seiner Familie das Haus am Pariser Platz Nr. 7.“ In der Tat fallen zunächst die Unterschiede auf. In München Sinnlichkeit, Vergangenheitsseligkeit, Selbststilisierung, in Berlin Nüchternheit, Geschäftstüchtigkeit, Bescheidenheit. Hier 19. Jahrhundert, mit Rückbezügen auf Renaissance und Antike. Dort der Beginn der Moderne, der gesellschaftlichen wie der künstlerischen. Nicht umsonst hat Lenbach Tizian kopiert, Liebermann dagegen den „impressionistischen“ Realisten Frans Hals.

Das beginnt schon mit der Selbstinszenierung im Atelier. Lenbach und Stuck in München bauen sich neue, prächtige Häuser, Traumwelten, Lebenskulissen. Beide Häuser stehen noch: Das Lenbach-Haus am Königsplatz, in Form einer italienischen Villa, heute Museum, in Lenbachs Zeiten ein prachtvoll mit Antiken, Renaissancestücken und Altmeistern ausgestatteter Repräsentationsort. Und die Villa Stuck in der Prinzregentenstraße: ein Gesamtkunstwerk, ein an der Antike orientierter Künstlertraum mit schweren Kassettendecken, Marmorsälen, Wandfresken, Antikenkopien und einem Altar für das Hauptwerk „Die Sünde“. Hier hielt man Hof, hier wurde Stuck mit einem Künstlerfest am Fackelzug zum 50. Geburtstag geehrt – und hielt das Ganze stolz in zwei Bildern fest.

Ganz anders Liebermann, der Großbürgersohn. Der hatte schon einen Palast, ererbt vom Vater. Am Pariser Platz 7 residierte er, der „Gegenkaiser“, der Malerkönig. Auch ein reich ausgestattetes Haus, mit alten Möbeln, Gobelins, Bildern. Nur bestand die Kunstsammlung hier nicht aus Tizian und Tizian-Kopien, sondern aus dem Modernsten, was damals zu haben war: französische Impressionisten. Das Atelier war kein Repräsentationsraum, kein „fürstliches Arbeitszimmer“, sondern ein kahler Raum im Dachgeschoss, mit malerfreundlichem Oberlicht statt geheimnisvollem Dämmer.

Als sich Liebermann doch noch ein Haus baut, ist es eine Villa am Wannsee, ein Bürgerhaus. Und er schreibt: „Sehn Sie sich doch mal mein ,Schloss am See’ an, übermütig siehts nicht aus (wie Lenbachs oder Stucks Paläste), aber ich glaube, dass es nach mir aussieht.“– „Übermütig siehts nicht aus“, hatte Goethe über sein Gartenhaus geschrieben, wie Peter-Klaus Schuster klug bemerkt. Selbstbewusst war man schon. Auch der Weimarer Dichterfürst war ein Bürger. Und Thomas Mann hat sie beide bewundert. Wie das Haus, so der Herr: Das Atelier dient als Bühne und die Familienangehörigen spielen ihre Rollen. Auch hier ist in München alles Theater, alles Tradition. Lolo von Lenbach, die zweite Frau des Malers, posiert mit Blüten im Haar, im reichbestickten weißen Kleid als Orientalin, die entzückenden Kinder Marion und Gabriele erscheinen in Ritterrüstung, der Maler malt sich und die Seinen im repräsentativen Großporträt, nach einer Fotografie. Mary Lindpaintner, die spätere Frau von Franz von Stuck, wird als Salome gezeigt, der befreundete Dirigent Hermann Levi posiert für den abgeschlagenen Kopf von Johannes dem Täufer. Alles ist öffentlich in dieser Welt. Und alles ist Kunst. Großartige Kunst.

Auch Liebermann, der über fünfzig Jahre brav verheiratet war, der ein zurückgezogenes Leben mit seiner Tochter und der geliebten Enkelin führte, hat die Seinen gemalt, vor allem in späteren Bildern, die im Sommerhaus am Wannsee entstanden. Es sind zarte, private Bilder, Bilder eines unbeschwerten Familienlebens: das Kind im Garten, die Frau auf der Gartenbank. Hingetupfte, impressionistische Momente, Augenblicke des Glücks.

Natürlich hat auch Liebermann repräsentiert, als Sezessionsgründer, als Akademiepräsident. Hier finden die unterschiedlichen Temperamente und Lebensauffassungen in der Ausstellung dann doch zusammen: In den Porträtaufträgen, von denen die drei Maler gut leben konnten. Lenbach und Liebermann haben sie alle gemalt, die Mächtigen, Reichen, Künstler und Intellektuellen des Kaiserreichs. Allein 80 Bismarck-Porträts gibt es von Lenbach – die Ausstellung zeigt drei, plus eine Vorstudie. Und auch dem 90-jährigen Kaiser Wilhelm I. gibt der „Seelenmaler“ Lenbach ein Jahr vor dessen Tod Lebensmüdigkeit und einen stillen Blick, Zerbrechlichkeit und geduldige Ergebung, die dieses Bild zu einer berührenden Altersstudie machen. Liebermann hingegen bemüht sich um Hindenburg. Und gibt der Berliner Gesellschaft mit ihren Unternehmern, Industriellen und Verlegern ein nüchtern-realistisches Gesicht.

Sie sind uns recht nah, diese befrackten Herren, die es, wie den Geheimrat Friedrich Carl Duisburg, kaum auf dem Stuhl hält vor Ungeduld. Unwillkürlich denkt man an Immendorffs Porträt von Gerhard Schröder, an Heisigs Bild von Helmut Schmidt. Wer wäre heute Malerfürst?

Max Liebermann Haus, Pariser Platz 7, bis 5. Juli, tgl. außer Di 10 - 18, Sa und So 11 - 18 Uhr. Katalog 20 €. Am Mo, 6.4. hält Peter-Klaus Schuster einen Vortrag über den „Kult des Künstlers“ (19.30 Uhr).

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