Cartier-Bressons : 15 Jahre in einem Album

Als 1943 das Kriegsende herbei gesehnt wird, gelingt dem französischen Gefreiten und Fotografen Henri Cartier-Bresson die Flucht aus deutscher Gefangenschaft.

Thilo Resenhoeft[dpa]
Cartier-Bresson
Cartier-Bresson: Fotograf mit besonderem Talent.Foto: ddp

München Europa im Jahr 1944: Das Kriegsende wird herbei gesehnt. Im Jahr zuvor gelang dem französischen Gefreiten und Fotografen Henri Cartier-Bresson (1908-2004) die Flucht aus deutscher Gefangenschaft. Vor dem Krieg hatte er seine Leica in den Vogesen vergraben. Jetzt holt er sich die Kamera zurück, bekommt einen ersten Auftrag von einem Verleger. Im Spätsommer 1944 erfährt er, dass das Museum of Modern Art (Moma) in New York eine Ausstellung seiner Bilder plant, die Organisatoren aber glauben, er sei in Gefangenschaft gestorben.

Nach einem klärenden Briefwechsel macht sich Cartier-Bresson ("HCB") 1946 mit vielen seiner mühsam neu abgezogenen Bilder der
vergangenen Jahre - Fotopapier war knapp, Strom floss nur sporadisch - in die USA auf. Dort kauft er ein Scrapbook (etwa: "Fetzenbuch"), ein Album, in dem Bilder, Notizen und Fotos zu einem kunstvollen Ganzen zusammengefügt werden können. Er klebt seine Bilder im Format neun mal zwölf Zentimeter zur besseren Präsentation ein.

Dornröschenschlaf

Später bliebt das Scrapbook in Cartier-Bressons Pariser Besitz. Nach 40 Jahren Dornröschenschlaf, versteckt vor neugierigen Augen, tauchte das Album Ende der 1980er Jahre wieder auf. Später zerlegte der Fotograf die brüchig gewordenen Seiten, bevor seine Frau Martine Franck das einzigartige Ensemble fotografieren konnte. "Er murmelte von Zeit zu Zeit, dies sei (...) sein kostbarster Besitz und dass ich behutsam damit umgehen solle", sagt Franck, heute Präsidentin der Cartier-Bresson-Stiftung in Paris. "Ich hatte seit jeher gewusst, dass das Scrapbook existierte - zunächst in einem alten Koffer aus der Wohnung von Henris Mutter, später dann in den Tiefen unserer Bücherregale, allzu neugierigen Blicken weitgehend entzogen."

Nur sieben Blätter sind noch im Originalzustand erhalten. Viele Bilder fehlen, waren verschenkt oder Teil der Moma-Ausstellung von 1947 geworden. Aufwendig rekonstruiert stellt die Fondation Henri Cartier-Bresson jetzt die restaurierte Fassung vor (Verlag Schirmer/Mosel, München). Es sind 346 Aufnahmen von 1932 bis 1946, handverlesen von einem der großen Meister der Reportagefotografie des 20. Jahrhunderts. Das Scrapbook ist die persönliche Bilanz seiner ersten 15 Jahre der Fotografie und seines bereits damals bewegten Lebens.

Markenzeichen

Dieses wird von der Direktorin der Stiftung, Anges Sire, anhand des Albums nacherzählt, bevor der Fotografieprofessor Michel Frizot die Bilder, ihre Entstehung, HCB's künstlerischen Werdegang und seine Sichtweise erläutert. Dem folgen zahlreiche Bildstrecken, geordnet nach den originalen Seiten des Albums.

Etwa jene von 1937, als HCB von den Feierlichkeiten zur Krönung von König Georges VI. berichtet - ohne ein Bild des Monarchen zu zeigen. Dieses Phänomen entwickelte sich zu einem Markenzeichen des Fotografen. Mit an langen Stöcken montierten Spiegeln verfolgen die Menschen aus der Menge heraus das Geschehen. Andere Blätter zeigen Bressons Arbeit 1945 in Deutschland, etwa die Befreiung eines Deportiertenlager in Dessau. In diesem und im Folgejahr entstehen auch inzwischen berühme Porträts von Louis Aragon, Simone de Beauvoir oder Jean-Paul Sartre. (mit dpa)

Henri Cartier-Bresson: "Scrapbook - Photographien 1932-1946", Vorwort von Martine Franck, Verlag Schirmer/Mosel, München, 264 S., 346 s/w-Bilder, 78 Euro, ISBN 978-3-829602808 (Achtung: Aus rechtlichen Gründen kann dpa hierzu kein Bild anbieten. Kontakt zum Verlag: Anna Grefe, Tel.: 089/212 670-0, mail@schirmer-mosel.com; Internet: www.henricartierbresson.org)


 

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