Chapman : Komm zu Papa

Für ihre Berliner „Shitrospective“ bauen die Chapman-Brüder die eigenen Werke aus Pappe nach. In Ohnmacht fällt heute niemand mehr, wenn er sich die Miniatur-Retrospektive der beiden arrivierten Künstler bei Contemporary Fine Arts (CFA) ansieht. Die Augen der Besucher glitzern vielmehr angesichts ihrer ersten Einzelausstellung in der Berliner Galerie.

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Die Dame ist in Ohnmacht gefallen. Sie hat in der Londoner „Sensation“-Ausstellung die Werke von Jake und Dinos Chapman gesehen. Kastrierte Soldaten, die am Baum hängen. Mutierte Kinder, denen Geschlechtsorgane im Gesicht wachsen. Neugierig drängen sich die Besucher um die Figuren, keiner nimmt Notiz von der Bewusstlosen.

„Sensation“ heißt die Szene, mit der die Brüder Chapman noch einmal zurückblicken auf ihren Aufsehen erregenden Auftritt mit den Young British Artists aus der Sammlung Saatchi – im Modellformat und aus Pappmaché rekonstruiert. 1997 mussten die Besucher der Royal Academy of Arts in London tatsächlich tief Luft holen, als sie vor den monströsen Geschöpfen standen. Beim Gastspiel der Ausstellung im Hamburger Bahnhof waren die Berliner schon vorgewarnt und gaben sich cool.

In Ohnmacht fällt heute niemand mehr, wenn er sich die Miniatur-Retrospektive der beiden arrivierten Künstler bei Contemporary Fine Arts (CFA) ansieht. Die Augen der Besucher glitzern vielmehr angesichts ihrer ersten Einzelausstellung in der Berliner Galerie. Ein komplizenhaftes Grinsen macht sich auf den Gesichtern breit. In ihrer „Shitrospective“ kann man Jake und Dinos Chapman ins Herz schließen. Die beiden Brüder werden die Vorstellung hassen. Denn eigentlich wollen sie einen Zustand „moralischer Panik“ erzeugen. Aber bei diesem Rückblick geben sie sich entspannt.

Ein freundlicher Bauernhof füllt im Erdgeschoss den ganzen Raum. Schafe, Hunde, Katzen aus Styroporbällchen und Klopapierrollen sehen aus, als seien sie in der Bastelstunde einer Kindertagesstätte entstanden. „Two legs bad, four legs good“ heißt die Arbeit, die auch bei der Zahl der Beine fünf gerade sein lässt. Ameisen krabbeln durch hohe Gräser, ein Fliegenpilz schießt aus dem Boden und eine dunkelblaue Katze räkelt ihr Gesicht in der Sonne. Der Farmer – auf zwei Beinen – winkt herzlich. Selbst das Standardmotiv der Chapmans, der Galgenbaum, zeigt sich hier von seiner heiteren Seite. Eine Schnecke kriecht über den Ast, Osterglocken wachsen um den Stamm. Nur die schwarzen Vögel, die über der Szene flattern, sorgen für leichte Beunruhigung. 500 000 englische Pfund kostet die Installation, ein selbstbewusster Preis für Arbeiten aus Karton. Für Käufer könnte das empfindliche Material zum Albtraum werden. Für Betrachter aber macht es den außerordentlichen Reiz der Ausstellung aus.

Die Bricolagen wirken wie die Kehrseite der sensationsheischenden Schreckensvisionen der britischen Brüder. In der Regel sind die verstümmelten, gequälten oder deformierten Leiber ihrer Figuren aus schimmerndem Plastik und beziehen aus diesem haar- und porenlosen Stoff ihre Obszönität. „Pornographic surrealism“ hat der britische Kunstkritiker Christopher Turner diese Technik genannt. Der Pappkarton aber bleibt fragil. Zerrissen offenbart er seine gewellten Rippen. Die ausgefransten Ränder besitzen nicht die fürchterliche Perfektion des Kunststoffs. Mit dem Material schwindet die sarkastische Fassade, die zum leicht abgenutzten Markenzeichen der Chapmans geworden ist. Zu oft haben die Brüder den beabsichtigten Schock durch einen Overkill an Grauen unterminiert.

Der erste Stock der Galerie bietet einen Rückblick auf das Oeuvre – die berühmtesten Werke, nachgebildet als Pappmodell. Vom „Fuck Face“ (45 000 $) bis zu „Mommy and Daddy Chapman“ (20 000 $) ist die gesamte Monster-Familie vertreten. Komplett wird sie dank „Migraine“, dem Totenschädel, der zur Hälfte von Würmern zerfressen ist (30 000 $). Sensiblen Naturen dürfte er augenblicklich giftige Kopfschmerzen bereiten.

Da steht auch wieder der Galgenbaum. Entstanden aus der jahrelangen obsessiven Beschäftigung der Chapmans, die beide am Royal College of Art studierten und anfangs dem britischen Künstlerduo Gilbert und George assistierten, mit Goyas Radierungszyklus „Desastres de la Guerra“. Ab 1810 hat Goya die Gräueltaten des napoleonischen Krieges aufgezeichnet. Die Szenen wurden zu seinen Lebzeiten nie veröffentlicht. Das Blatt: „Große Taten! Gegen die Toten!“ zeigt drei verstümmelte Soldaten, die am Baum hängen. Wiederholt haben Jake und Dinos Chapman dieses Motiv bearbeitet, haben Clownsgesichter in Goyas Radierung gezeichnet, den Baum in Kunststoff geformt, die Intensität und den Grimm des Originals ins Groteske verzerrt. Jetzt aber in Pappe gefaltet hängt da der arme Affe Mensch. Zerfleischt von seinesgleichen. Weiß bemalt nimmt der Karton auf unheimliche Weise die Rauheit der Knochen an und reduziert das Werk aufs Wesentliche.

In diesem Reich herrscht das animalische Gesetz, nach dem der Stärkere den Schwächeren frisst. Es bleibt das kalte, leere Nichts – ein zynischer Witz. Das Werk aber, so kindlich es auftritt, wird von glühender Wut getragen. Bisher haben die Chapmans uns vor den Kopf gestoßen und sich selbst ins Fäustchen gelacht. Hier bringen sie die Besucher zum Grinsen und Zittern vor Zorn. Da wird klar: Jake und Dinos Chapman sind Clowns. Die traurigsten Clowns der Gegenwart.

Contemporary Fine Arts, Am Kupfergraben 10; bis 16.1., Di-Fr 10-18 Uhr, Sa 11-16 Uhr (Pause 13-14 Uhr).

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