Cindy Sherman : Botox, dein Retter

Cindy Shermans großartige Fotoausstellung in der Galerie Sprüth Magers ist der Berührungspunkt zwischen den Feldststudien der "Konsumforscherin" und ihrer Fotografie, die der klassichen Porträtmalerei Tribut zollt.

Jens Hinrichsen
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Schön gemacht. Das Bild „Untitled #466“ (2008). -Foto: Sherman, Metro Pictures & Sprüth Magers

Sie ist überall und nirgends. Wer Cindy Sherman sucht, wird vorerst nur an den Wänden der Galerie Sprüth Magers fündig. Lauter gut situierte Damen mittleren Alters geben sich auf den großformatigen Fotos die Ehre. Hinter allen Verkleidungen steckt Cindy Sherman. Sie soll an diesem Vernissage-Abend auch persönlich anwesend sein. Nur, wie erkennt man diese Frau Doktor Mabuse der Fotokunst? Wie sieht die Künstlerin wirklich aus, deren unzählige Masken dem Publikum vertrauter sind als die Frau dahinter?

Für Neugierige wird der Abend zum Suchspiel – wenn man sich denn losreißen kann vom fesselnden Panoptikum gediegener bis gewagter Garderoben, vom Mienenspiel beherrschter bis fast entgleister Gesichtszüge. 14 Farbporträts, in kunstvoll von Hand gefertigte Rahmen gefasst, sind erstmals in Europa zu sehen (Auflage: je sechs, 250.000–320.000 €).

„Sie hat das Zeug zu einer richtigen Schauspielerin“, attestierte ihr einst Andy Warhol. Shermans Spieltrieb, ihr unglaubliches Talent zur Mimikry bis in den kleinsten Mundwinkel, hat keinen Deut nachgelassen. Dabei sind ihre schwarz-weißen „Untitled Film Stills“, die ihr den Durchbruch verschafften, bis zu dreißig Jahre alt. In den neunziger Jahren machte sich Sherman als eigenes Modell ihrer Bilder rar, in dieser Phase inszenierte sie ein Theater der Grausamkeit mit Puppen und Körperprothesen. Diese „Sex Pictures“ und „Horror Pictures“ erinnerten zugleich daran, dass Sherman stets als Regisseurin, Kamerafrau, Kostümdesignerin und Maskenbildnerin in Personalunion agiert. Auch wenn die Selbstinszenierungen glauben machen, dass ein komplettes Team hinter der Kamera steht.

Seit einigen Jahren ist die New Yorkerin wieder öfter als Menschendarstellerin im Einsatz. Die präsentierten Arbeiten stammen von 2008. Sie zeigen Sherman at her best. Sie arbeitet mit Perücken, falschen Zähnen, Perlenketten, Hüftpolstern, dickem Make-up und setzt Mimik und Gestik zielgenau ein. Sherman hüllt sich in einen blau-goldenen Kaftan, spreizt dem Betrachter einen Fuß entgegen und dreht den Oberkörper zugleich von der Kamera weg, den Kopf im Dreiviertelprofil. Fertig ist die schlohweiße Diva. Mit stolzer Herablassung zeigt sich die Gefeierte noch einmal dem Publikum. Dann wünscht sie sich zurückzuziehen.

Eine eisern-schmallippige Lady fixiert uns vor dem Hintergrund einer Eichenallee: Scarlett O’Haras Ur-Urenkelin vielleicht, für die es wohl zur Familienehre gehört, dem Alter die Stirn zu bieten. Shermans Frauentypen lassen sich meist ziemlich genau auf der USA-Karte lokalisieren. Hier die verblühte Südstaatenschönheit, dort die selbstgewisse, blondierte Texanerin mit Cowboyhut. Knallige Blumenmuster schmücken das Schwesternpaar aus Miami (Sherman in einer Doppelrolle). Im braun-beigen Ambiente präsentiert eine New Yorker Millionärswitwe Botoxglätte, eine schmal gehobelte Nase und graue Löwenfrisur. Als Reminiszenz an Shermans abgründige Clowns-Serie (2003/04) irritiert hier ein grotesk breiter Mund. Falls er sich öffnet, spricht er garantiert Kündigungen aus.

Es sind kleine, böse Schwiegermütterfilme, die uns Cindy Sherman in den Kopf projiziert. Nur einmal trägt sie zu dick auf, als Möchtegern-Carmen in blutrotem Seidenkleid, die unter ihrem Fächer wohl einen spitzen Dolch verbirgt. Was stört, ist der allzu fratzenhafte Gesichtsausdruck. Nur hier will sie sich nicht einstellen: die kurzlebige Illusion, das fotografierte Gegenüber könnte wahrhaftig sein. Dieser Hauch von Authentizität, der mit dem zweiten Blick auf dicke Puderschichten und expressionistische Brauenbögen wieder verweht. Shermans Bilder zielen letztlich auf Desillusion.

Sie ist eine begnadete Gesichtermalerin. Den Computer nutzt sie nur, um ihre Figuren mit separat fotografierten Hintergründen zusammenzubringen. Ansichten aus Europa, vorzugsweise fürstliche Fassaden oder Interieurs, vor denen sich die Pseudo-Aristokratinnen in Szene setzen.

Die Protagonistinnen der „Untitled Film Stills“ waren jung und entstammten der Mittelklasse. Für ihre reifen Frauenfiguren orientiert sich Sherman vorwiegend an der Oberschicht. Allerdings herrscht zwiefache Unsicherheit: Ist die Haut noch straff? Bleiben die Aktien stabil? Ob man sich im negativen Fall auf den Mäzenatengeist der Ladys noch verlassen kann, steht ebenfalls infrage. Dass die Künstlerin nicht zuletzt jene gesellschaftliche Klasse porträtiert, auf die die Kunstwelt in Krisenzeiten zählt, ist offensichtlich.

Die Künstlerin selbst kreuzt nur kurz den Publikumsverkehr vor ihren Bildern. Überraschend klein und zierlich wirkt Cindy Sherman. Den Eindruck, um keinen Preis auffallen zu wollen, macht sie im kurzen Anthrazitkleid mit rosa Punkten allerdings nicht.

Cindy Sherman will jetzt nicht über ihre Bilder reden. Sie will shoppen. Dazu hat sie im Obergeschoss der Galerie Gelegenheit. Der „Smockshop“ von Andrea Zittel bietet Kunst von der Stange. Die parallel zu Sherman ausstellende Künstlerin hat ein Kittel-Grundmodell entworfen. Diverse am Projekt beteiligte Schneider entwickeln den Prototyp zu fantasievollen, aber tatsächlich tragbaren Frauenkleidern weiter (350–950 €). Polizeihemden werden eingearbeitet, andere Kittel mithilfe extravaganter Häkelapplikationen verschönert. Uniform? Mode? Beides. Seit 20 Jahren erprobt Zittel mit ihren Gebrauchsobjekten (die zugleich Kunst sind) Alternativen zum Zwangsindividualismus kapitalistischer Gesellschaften. Eigentlich könnte die Schere nicht größer sein – zwischen den Feldstudien der kalifornischen „Konsumforscherin“ und Cindy Sherman, deren Fotografie nicht zuletzt klassischer Porträtmalerei Tribut zollt.

Aber sie berühren sich doch. Insofern ist die Damenkombination bei Sprüth Magers eine erhellende Angelegenheit in Sachen (weiblicher) Identitätsbestimmung. (Außerdem ist noch ein Kleinskulpturen-Kabinett der Südafrikanerin Gerda Scheepers zu sehen). Zittel beweist, dass Reduktion auf das Wesentliche ein Nährboden kreativer Freiheiten sein kann. Sherman zeigt das andere Ende der Kleiderstange. Üppige Garderoben. Ausgefeilte Posen. Die Sucht, sich von der Masse abzuheben – und die Tragödie, gerade deshalb immer wieder in stereotypen Mustern zu erstarren.

Galerie Sprüth Magers Berlin, Oranienburger Straße 18; beide bis 10. April, Di–Sa 11–18 Uhr.

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