Cranach-Schau : Das vergiftete Paradies

Genie mit Geschäftssinn: Das Frankfurter Städel zeigt Meisterwerke von Lucas Cranach dem Älteren.

Michael Zajonz
Cranach-Brunnen
Der Brunnen vor der Alten Oper ist unter dem Motto "Cranach der Berauschendere" weinrot eingefärbt. -Foto: dpa

Es waren zwei Herzogskinder, die hatten einander so lieb. Seit 500 Jahren können sie voneinander nicht lassen. Mit großen, wissenden Augen schaut uns der kleine Prinz an, den mit Perlen durchwirkten Bräutigamskranz, der seine Verlobung anzeigt, schräg aufs seidig gewellte Blondhaar gedrückt. Seine Schwester, ein oder zwei Jahre älter, starrt abwesend und traurig in sich hinein. Im realen Leben wird sie ihn fortan vermutlich vermissen. Im Ideal der Kunst sind beide bis heute vereint: in feinen Hofkleidern von rötestem Rot vor leuchtend schwarzem Grund. Virtuos auf dünnes Lindenholz gemalt, um 1512 von Lucas Cranach dem Älteren. Einmal die Luft anhalten. Und schauen, schauen, schauen. Was für ein Maler!

Normalerweise hängen die unbekannten, wahrscheinlich sächsischen Fürstensprösslinge in der Washingtoner National Gallery. Nun sind sie bis Mitte Februar im Frankfurter Städel zu bewundern: zusammen mit 111 weiteren Gemälden, Zeichnungen und Druckgrafiken Cranachs. Nur ein Teil von ihnen wird anschließend in die Londoner Royal Academy weiterwandern. Eine exquisite Auswahl, wie man sie zuletzt vor dreißig Jahren in Basel sehen konnte - obwohl es seither etliche Cranach-Ausstellungen gegeben hat. Und womöglich in dieser dezidierten Ansammlung von Meisterwerken auch nicht wieder sehen wird. Zu empfindlich reagieren die betagten Holztafeln auf Transporterschütterungen und selbst kleinste Klimaschwankungen. Für die großen Künstler der Welt muss man normalerweise Weltreisen planen. Nun genügt ein Bahnticket nach Frankfurt.

Bodo Brinkmann, Altmeisterspezialist und Kurator der Ausstellung, verteidigt sein Projekt mit dem Argument, dass man viele wissenschaftliche Probleme nur angesichts der sonst weltweit verstreuten Originale diskutieren kann. Und führt als schlagendes Beispiel sogleich zwei Porträts vor grünbraunem Fonds an, der Mann heute im New Yorker Metropolitan Museum, die Frau im Kunsthaus Zürich. Dass sie als Paar und als die beiden Flügel eines Klappaltärchens einst zusammengehörten, lässt sich erst im direkten Vergleich beweisen.

Für das große Publikum, das die Ausstellung anlocken wird, dürfte die Begegnung mit Cranach selbst zum Ereignis werden. Späte Wiedergutmachung an einem, den man immer unterschätzt hatte. Schon zu Lebzeiten stand der ältere Cranach im Schatten des Generationsgenossen Albrecht Dürer. Im Städel wird man nun eines Besseren belehrt. Mehr noch: Man erlebt, wie ein zähes Vorurteil unter den leuchtenden Farben und delikaten Konturen eines Meisters schwindet.

Mit den Projektionen klassischer Künstler-Rollenbilder kommt man Cranach allerdings nicht bei. Er war nun einmal kein bitterarmer, verkannter, aber genialer Sonderling, der nur seiner höheren Berufung lebte, sondern ein Geld und Anerkennung scheffelnder Großunternehmer. Erst der moderne Kunstbetrieb mit seinen Marktkriterien hat für Künstler wie ihn den passenden Begriff geprägt. Cranach war ein Superstar.

Immerhin, ein paar mythentaugliche Geheimnisse bietet auch Cranachs Lebenslauf. Seine künstlerischen Anfänge vor 1501 liegen weitgehend im Dunkeln. Damals wurde der 1472 im fränkischen Kronach geborene Malersohn erstmals greifbar: als „fertiger“ Maler im Kreis des Wiener Humanisten Konrad Celtis. Die wenigen Werke, die in den nächsten vier Jahren entstanden und bis heute erhalten blieben, sind nun fast alle in Frankfurt versammelt. Allen voran der 1502 datierte „heilige Hieronymus in der Wüste“, ein Prunkstück des Wiener Kunsthistorischen Museums. Mit den phantastischen, Nah- und Fernsicht verhakelnden Ausblicken hinter dem büßenden Kirchenvater – halb Urwald, halb Alpeneinöde – erfand Cranach en passant die kunstvoll gekräuselte Landschaftsmanier der Donauschule, die Meister wie Altdorfer zur Vollendung geführt haben.

Gut zwanzig Jahre später hat Cranach den Heiligen erneut gemalt: in der Wüste, umgeben von bizarrem Getier, und – in gleich zwei erhaltenen Fassungen – seinen damaligen Großauftraggeber Kardinal Albrecht von Brandenburg in der Gestalt des Hieronymus in der Studierstube. Damals war Cranach schon der gefeierte Hofmaler des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen, zudem Drucker, Apotheker, Gewürz- und Weinhändler, Wittenberger Stadtkämmerer und Freund Martin Luthers. Cranachs große Wittenberger Werkstatt hatte begonnen, nach seinen Vorgaben auf Hochtouren Bilder zu produzieren – für Anhänger der Reformation und für Altgläubige. In Frankfurt sieht man, bis auf wenige Ausnahmen, ausschließlich Eigenhändiges. Übrigens nicht nur Tafelmalerei, sondern auch Entwürfe zu Wandmalereien, die springende Hirsche und Füchse mit geraubtem Federvieh zeigen. Hofkünstler waren auch fürs Dekor der Schlösser und Feste zuständig.

Zu den Ausnahmen von der Eigenhändigkeit gehört das wunderbare Skizzenbuch mit Silberstiftzeichnungen, das Cranachs älterer und talentierterer Sohn Hans auf seiner Italienreise begonnen hat. Auf dieser Reise ist er in Bologna gestorben. Sein Bruder, Lucas Cranach der Jüngere, wird später die Wittenberger Bildermanufaktur und den Motivschatz des Vaters übernehmen. Der folgt ein Jahr vor seinem Tod dem abgedankten Kurfürsten Johann Friedrich nach Weimar, wo er 1553 stirbt. Auf der Grabinschrift wird Cranach der Ältere als Pictor celerrimus gerühmt, als schnellster Maler. Ein Lob seiner Kunstfertigkeit und seines Geschäftssinns.

Cranach betrieb als geschickter Unternehmer eine Werkstatt, die nicht nur wahlweise explizit „katholische“ Themen wie den zum Mitleiden auffordernden „Schmerzensmann“ oder neue „protestantische“ Bilderfindungen wie Allegorien der christlichen Nächstenliebe „Caritas“ liefern konnte. Als im zweiten Jahrhundertdrittel die konfessionellen Streitereien und Verunsicherungen weiter zunahmen und der Bedarf an religiösen Bildern vorerst gesättigt schien, verlegte sich der Meister auf erotische Kabinettstücke.

Oft sind es kleinformatige Werke, manchmal deftig, oder mit moralischem Unterton. Wer all die Nymphen, heidnischen Göttinnen und antiken Tugendheldinnen sieht, wie sie posieren mit ihren transparenten Schleierchen, versteht mühelos, worum es geht: um die Feier entblößten Fleisches, schöner Körper, idealer Frauen, so porzellanfein vornehm, das sie selbst splitternackt noch Hut tragen. Es ist ganz und gar nicht mehr das Ideal einer wiederbelebten, aus der Natur gewachsenen Antike, das noch Dürer umgetrieben hatte. Selbst wenn Cranach wie bei seinem Bilderpaar von Adam und Eva aus Besançon sichtbar Maß nimmt am großen Nürnberger. Cranachs Paradies ist ein vergiftetes, vielleicht endgültig verlorenes. Die Moderne wirft ihre Schatten voraus.

Städel Frankfurt/Main, bis 17. 2. Der Katalog (Hatje Cantz) kostet im Museum 34,90 €, im Buchhandel 45 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar