Daniela Comani : Die Schwestern Karamasow

Multiple Persönlichkeit: Daniela Comanis Werkstoff ist das Ich. Eine Begegnung mit einer selbstlosen Künstlerin.

Britta Weddeling

Dieses „Du“ ist keine Einladung. Als sie es ausspricht, verkriecht sich etwas in Daniela Comani, hinter die schwarzen Balken der Brille, die viel zu groß sind für das schmale Gesicht. Man fasst die blasse Hand der Künstlerin und spürt, dass man sie nicht wirklich greifen kann.

Manchmal, sagt sie leise, und der italienische Akzent verwischt die Worte, werde sie sich selbst ein wenig unheimlich. Wenn sie die Fotos aus der Serie „Eine glückliche Ehe“ anschaut etwa, auf denen der Alltag eines Paares zu sehen ist, das zusammen spazieren geht, einkauft, im Bett liegt. Erst auf den zweiten Blick irritiert die Symbiose: Beide Figuren sind dieselbe Person, nämlich Comani selbst. Die von Sigmund Freud behauptete Gewissheit, „ob man einen Mann oder eine Frau vor sich hat“, wird verneint in dieser Fotoarbeit der Wahlberlinerin. Comani zeigt Zweisamkeit als nachbearbeitete, digitale Montage, zeigt Identität als Wiederholung vorgelebter Verhaltensmuster, zeigt Geschlecht als Performanz: In der Rolle des Mannes sitzt sie breitbeinig, schaut ernst und wichtig. Als Frau lächelt sie scheu und hält sittsam die Beine zusammen.

Wie Cindy Sherman, die für ihre Fotos in Alltags- und Märchenrollen schlüpft, wie Sophie Calle mit ihren pseudoautobiografischen Texten, spielt auch Comani in ihrer Kunst mit der Nähe zur eigenen Biografie. Ob die fotografierten Alltagsszenen ein Vorbild haben in ihrem eigenen Leben oder der Verweis sind auf eine Leerstelle, eine Wunschvorstellung, lässt sie jedoch unbeantwortet. Nur so viel: „Diese Fotos sind meine persönlichste Arbeit.“ Dann steht sie abrupt auf, als sei das schon wieder zu privat. Die 42-Jährige trägt schwere lederne Bergschuhe und eine olivgrüne Wolljacke, trotzdem scheint sie zu frösteln. Ihr Arbeitsraum im ehemaligen Modehaus an der Alten Jakobstraße, in dem es weder Computer gibt noch Telefon, ist klirrend kalt. Die Heizung funktioniert nicht. „Wieder mal“, sagt Comani, die sich trotzdem wohlfühlt hier, vier Etagen über dem Brachland des ehemaligen Todesstreifens, einer bis heute verwaisten Gegend.

Der misanthrope Künstler, er ist ein Topos. Doch Comanis Arbeit haben auch etwas sehr Menschliches. Ihr aktuelles Werk „Ich war’s. In 32 Tagen um den Alexanderplatz. 1805–2007“, das derzeit in den Kunst-Werken in Mitte sowie auf dem Bahnsteig der U 2 am Alexanderplatz zu sehen ist, bindet die historischen Daten des ehemaligen „Paradeplatzes“ zurück an den Menschen. 32 Tafeln dokumentieren – schwarze Schreibmaschinenschrift auf weißem Grund – die 200-jährige Vergangenheit des Drehkreuzes, nicht als Zahlenreihe im Geschichtsbuch, sondern als Abfolge erlebter Ereignisse. „Die Geschichte sind wir, Täter und Opfer zugleich“, erklärt Comani die Idee hinter diesem öffentlichen Tagebuch.

Ein fiktives Ich notiert, fortlaufend nach Tagen, aber ungeordnet nach Jahren, historische Begebenheiten, als sei es selbst an ihnen beteiligt gewesen. „Ich überlebe im unterirdischen Bunker vom Alexanderplatz den letzten alliierten Luftangriff auf Berlin“, heißt es am 24. April. Am 27. August notiert der Schreiber: „Ich erkläre Österreich-Ungarn den Krieg.“ Ein historisches Puzzle, das der Betrachter zusammensetzt, indem er die Plakatwände abschreitet. Ausgerechnet auf diesem Bahnsteig, wo das Geschehen im 3-Minuten-Rhythmus der an- und abfahrenden Züge getaktet ist, wo Gespräche nur Fetzen und die Schritte hektisch sind und keine Zeit bleibt, erst recht nicht für Kunst, fordert Comani Entschleunigung ein. Aus der Linearität, der Kausalität der Geschichte, einem Gedankenkonstrukt der Aufklärung, bricht Comani nach eigenem Ermessen Ereignisse heraus und ordnet sie neu, anders. „Ich hatte das Bild eines Menschen vor Augen, der atemlos durch das 20. Jahrhundert läuft und alles erlebt hat“, sagt sie. Das fiktive Ich schlüpft an einem Tag in die Rolle des Opfers, des Kriegsflüchtlings, des Hartz-IV-Empfängers, um am nächsten Tag Nazi, DDR-Bonze, Täter zu sein.

Auch im „Tagebuch von 1900–1999“ eignet sich Comani die Biografie einer anderen Person an: „Ich habe mir heute Nacht das Leben genommen. Erst habe ich es mit einer Überdosis Tabletten versucht, bin aber im King’s College Krankenhaus gerettet worden, wo ich mich zwei Tage später mitten in der Nacht auf dem Klo erhängt habe.“ Der Eintrag beschreibt den Selbstmord der Amerikanerin Sarah Kane, die Comani bewundert, seit sie deren Dramen zum ersten Mal auf der Bühne sah. Obwohl sie öffentliche Veranstaltungen sonst eher meidet. „Mir macht diese Nähe zu Menschen Stress“, versucht sie zögernd eine Erklärung. Im Theater müsse sie immer ganz hinten am Rand sitzen. Manchmal schrecke sie allein schon „der Geruch der Körper“.

Comani wohnt allein. Am liebsten würde sie auch Weihnachten in Berlin verbringen, fernab von Geselligkeit. Doch weil die Mutter krank ist, reist sie doch ins heimische Bologna. Sie werde das schon irgendwie hinter sich bringen, sagt sie. Nach Weihnachten wird sie zurückkehren in ihr frostiges Atelier und weiterarbeiten an einem neuen Projekt. Ein paar manipulierte Buchcover von Klassikern des abendländischen Literaturkanons hängen bereits an den Wänden: „Die Schwestern Karamasow“ von Fjodor Dostojewski, Friedrich Nietzsches „Die Antichristin“ und „Die Fremde“ von Albert Camus. „Diese Bücher würde ich gern lesen“, sagt Comani. Und zum ersten Mal lässt ihre Stimme ein Lächeln erahnen.

Die Bergschuhe dröhnen, als sie durchs Atelier auf die Ausgangstür zugeht. Sie löscht das Licht, tritt halb in den Hof, die schmale Hand hält noch die Klinke umfasst, die andere schießt vor zur Verabschiedung. In der Dunkelheit ist Daniela Comanis Gesicht kaum zu erkennen.

Arbeiten von Daniela Comani sind bis 13.1. in den Kunst-Werken (Auguststr. 69, Mitte) sowie auf dem Bahnsteig der U 2 am Alexanderplatz zu sehen.

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