Das halbe Leben : Ausstellung zum Thema Arbeit

Sinn und Sorge der Wertschöpfung: Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden widmet dem Phänomen Arbeit eine Ausstellung

Thomas Lackmann
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Wer sich bewegt, hat verloren. Ein Faultier in Aktion. Foto: p-a/ dpa

DresdenDas Faultier hängt an seinem Ast, hoch über den Stechuhren, die in allen Ausstellungsräumen dazu einladen, bedient zu werden. Frei-Raum heißt der grün getönte Eingangssaal. Rundherum stehen zahlreiche Würfelhocker zum Hinsetzen, für alle Büro-Opfer mit Rückenproblemen. Das Faultier kennt so etwas nicht. Zu Lebzeiten ist es nur einmal wöchentlich, für die Erledigung seines Geschäftes, runtergestiegen. Als Erwerbstätigkeit kann man das nicht bezeichnen. Das Faultier fasziniert durch Nichtstun.

Der weiße Babyrobbenroboter im letzten, pinkfarbenen Saal ist ein Produkt zwölfjähriger technologischer Entwicklung: Er schnüffelt, sieht niedlich aus, kuschelt. Das Kunsttier provoziert. Wo es einsamen Patienten Beziehungsarbeit oder gar erotische Zuwendung keimfrei simuliert, und so den unabkömmlichen, überforderten Menschen ersetzt.

„Arbeit. Sinn und Sorge“ heißt die Ausstellung des Deutschen Hygiene-Museums. Im Saal der Babyrobbe, wo unter dem Titel „Welt-Raum“ Zukunftsszenarien skizziert werden, flimmert eine lange Befragung an der Wand: Die Filmemacherin Bärbel Freund liest ihrem Bruder 696 Berufe von der Arbeitsamt-Liste vor. Der lethargische Junge könnte sich vorstellen, Journalist, Kunsthistoriker, Modedesigner zu werden; „Abfalltechniker?“ – „Nein“. „Zytologieassistent?“ – „Vielleicht“. Bemerkenswert die wiederkehrenden Ablehnungs-Argumente. Dafür sei er unbegabt. Das sei zu anstrengend, zu uninteressant. Der Film zeigt den Wandel des Arbeitsideals – vom vormaligen Brotberuf zur Projektionsfläche eines Selbstverwirklichungs-Vorhabens, das mangels Orientierung ins Leere läuft.

Dass die Arbeit in der Krise steckt und Vollbeschäftigung ein frommer Wunsch bleiben wird, ist die Ausgangsthese der Dresdner Unternehmung. Der Besucher darf sich an fortlaufenden Wanddiagrammen zu soziologischen Veränderungen, zum qualitativen Wandel des Verhältnisses „Arbeit – Leben“ schlau machen. Zum Beispiel darüber, wie viel Maloche 1949 oder 2009 für Verbrauchsgüter aufzuwenden war. Damals wie heute schaffte man gut zwei Stunden für ein Zeitungmonatssabo, damals drei Stunden 18 Minuten für ein Schweinekotelett, und heute nur 18 Minuten. Objekte spielen kaum eine Rolle: eine Turnschuh-Treppe zum Beispiel, die im rot grundierten Kapitalismus-Saal den Leistungs-Thrill illustriert, oder eine Halde blauer Küchenmeßbecher, die Konsumausgaben illustriert. Dominierend ist die Medien-Präsenz, Mini- Bildschirme begleiten die Storyline: Interviews mit Leuten, die berichten, wann sie aufstehen, inwiefern ihre Arbeit sie erfüllt und ob sie deren Verlust fürchten.

Ob ihre Arbeit die Welt verändert? Soldat: Wir verbessern Lebensumstände in Afghanistan, das trägt zum Großen bei. Pastor: Ich will gestalten in der Traditionslinie, wie vor mir Kirche gestaltet wurde. Koch: Ich möchte kein alltägliches Essen, sondern was besonderes schaffen. Blondine: Ich möchte, dass sich die Menschen im eigenen Körper wohler fühlen. Grafikerin: Wenn ich ein edler Mensch wäre, würde ich Formulare und öffentliche Einrichtungen neu gestalten, aber dazu habe ich keine Lust. Schnauzbart: An der Welt kann man nicht mehr viel ändern, vielleicht eine Türfarbe. Mädchen mit Brille: Ich kann anderen ein gutes Gefühl geben.

Filmchen und Filme, Diashows und Monitor-Kabinette bestimmen die mit Information und Reflexion aufgeladene Erzählung. Ein leeres „Bildschirmpapier“ als skulpturelles Riesenpiktogramm versinnbildlicht den epochalen Wandlungsprozess der Zeichenproduktion: „die vielleicht einflussreichste Distanznahme des Menschen von der Natur“. In diesem Sinne präsentiert sich der Weg durch Arbeits-Felder als work flow abrufbarer Bilder – weitgehend entdinglicht. Man wolle eben kein sozialhistorisches Panorama, verzichte deshalb weitgehend auf museologische Exponate, begründet Museumsdirektor Klaus Vogel die Entscheidung für eine solche Darstellung. Man blicke auf Arbeit heute als „Brücke zwischen Selbst und Welt“, als „Einlassung auf die Welt“.

Dass jedoch der homo faber selbst als degenerierter Schreibtischtäter leibhaftig bleibt, dass Arbeit außerhalb des Paradieses schweißtreibend, sinnliche Erfahrung und immer auch Körperarbeit ist, vermittelt sich über den Rundumschlag didaktischer Abstraktionen kaum. In Berlin hatten die Kuratoren Nicola Lepp und Daniel Tyradellis zuletzt eine „Freud“- Ausstellung gemacht; deren verspielte Frechheit hätte dem Dresdner Kopf-Projekt ebenfalls gut getan.

Zudem zeigt ein schwarzer Geschichts-Würfel, dass dieses Thema ohne Korrespondenz mit ideologischen Herkunftserzählungen schlecht zu verorten ist. Auf jeder Seite des Kubus ist der Wortschatz einer Weltanschauung notiert. Durch die Kapitalismus-Collage „Glück / Lotto / Million / Villa / unabhängig / Urlaub“ – schauen wir auf Geld, durch das NS-Wortfeld „Bestrafung / Leistung / Häftlinge / Lagerkommandant“ auf einen im KZ gefundenen Domino-Stein. Zwischen den DDR-Begriffen „Produktion / Werktätige / Erfüllung / SED / Kampf“ sehen wir auf die Prämie der 2. Bestarbeiterkonferenz Anno 1978, ein Braunkohlenbrikettchen. Inmitten frommer Vokabeln „Wille / Mühsal / Schmerz / selig“ erblicken wir einen Grabstein: „Dein Leben war Arbeit, deine Liebe unser Glück“. Für das marxistische und das christliche Heilsprogramm ist Arbeit – darum macht sie Geschichte – Teilnahme an (Wert-)Schöpfung und Welt-Erlösung.

Das mag Sisyphos etwas anders verstehen. Für den Mythos des antiken Strafarbeiters, der seinen Stein bergauf wuchtet, werden Zukunfts-Lösungen angeboten: 1. Stein geht kaputt, kann gesplittet im Team hochgeschafft werden. 2. Sisyphos baut ’ne Rollbahn zur Verschönerung der Landschaft. 3. Sisyphos plättet den Berg. 4. Stein wird abgenutzt, passt nun in die Tasche. 5. Maschine rollt den Stein hoch, Sisyphos schubst ihn runter. 6. Sisyphos schafft’s und hängt sich auf. Dass durch Werktätigkeit („Arbeiten und nicht Verzweifeln!“) Identität entsteht, erwähnt die von der Agentur für Arbeit geförderte Ausstellung durchaus. Doch eine kritische Würdigung alltäglicher Sisyphosiaden – auf dem Arbeitsamt oder im Millionengrab jener potemkischen Fortbildungs- und Umschulungsbranche, die alle Statistiken verschönt – entfällt. Ist Arbeitssuche Arbeit? Wie viel wert ist einer, der sich ehrenamtlich engagiert oder sich faultiergleich aufs Vegetative reduziert? Als Ausstellungsbesucher irrt Sisyphos von Stechuhr zu Stechuhr. Sein Stein ist ein Knopf zum Drücken. Was fehlt, ist die Stempelkarte. Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.

Deutsches Hygiene-Museum Dresden, bis 11. April 2010

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