Ausstellungen : Der Aktentaschen-Held

„Ohne zu zögern“: eine Berliner Ausstellung über Varian Fry, den Fluchthelfer von Marseille

Thomas Lackmann

Die intellektuelle Boheme im Berlin der zwanziger Jahre hat Hans Sahl, geb. Salomon, als Entlanggewehte beschrieben. Der Literaturkritiker gehört dazu; er flieht 1933 vor den Nationalsozialisten nach Paris; wird dort bei Kriegsausbruch interniert. „Als es dunkel wurde, legten wir uns auf die Steinbänke der Fußballarena und schliefen ein, und als wir am Morgen erwachten, teilte man uns mit, wir wären Gefangene und würden abtransportiert.“

Sahl gelangt in jenen unbesetzten Teil Frankreichs, dessen Regierung mit dem „Dritten Reich“ kollaboriert. Er beschreibt Marseille als „Endstation einer Massenflucht“, das „Warten auf Gespensterschiffe, die niemals abfahren“ und den Fluchthelfer-Taubenschlag des „Centre Américain de Secours“ (CAS): „8.30 Uhr: der Warteraum ist überfüllt. ... 9.02 Uhr: der Boss! – Er bahnt sich einen Weg durch die Menge der Wartenden, die ihn mit Fragen, Bitten, Drohungen empfangen, und er verschwindet in seinem Arbeitszimmer, wo ihn zwei übermüdete Sekretärinnen, 14 Kabel und 50 SOS-Rufe aus allen Teilen der Welt erwarten. 9.13 Uhr: Etwa 60 Besucher warten auf ihre Vernehmung. … 3 Uhr: Der Boss, eine rote Nelke im Knopfloch, erscheint. Er hat mit dem siamesischen Konsul gefrühstückt und mit dem brasilianischen Konsul einen Aperitif genommen und scheint guter Dinge. ... 7 Uhr: Es erscheint Charlie und verkündet, dass ein bedeutender Dichter soeben zusammengebrochen sei, ferner sei die spanische Grenze gesperrt und das berühmte, heiß ersehnte Schiff würde ganz bestimmt nicht abfahren…“

Über Lissabon erhält Sahl im März 1941 seine Passage in die USA. 50 Jahre später, die wütendsten Jahrhundertstürme scheinen abgeflaut, bittet er Edzard Reuter, im Daimler-Benz-Quartier am neuen Potsdamer Platz eine Straße nach dem „Boss“ zu benennen. 1998 wird der Vorschlag realisiert. Seit 2004 erklärt eine Info-Tafel, wer jener unbekannte Namenspatron sei. Und nun setzt das Aktive Museum mit einer großen Ausstellung nach: „Ohne zu zögern. Varian Fry: Berlin – Marseille – New York“.

Wer war Varian Fry – ein Abenteurer? Einzelgänger. Jahrgang 1907. Bücherwurm. Häufige Schulwechsel. Gründung einer Literaturzeitschrift in Harvard. Chefredakteur der Zeitschrift für internationale Politik „The Living Age“. Reportageauftrag 1935: Deutschland. Beim Verlassen seiner Pension Stern, Ku’damm 217, wird Fry Zeuge einer SA-Aktion und sieht: blutige jüdische Passanten, zerstörte Geschäfte. In New York politisiert er sich. Als 1940, angesichts des „Mausefallen“-Dramas vieler Flüchtlinge in Frankreich, ein Hilfskomitee gegründet wird, fällt die Wahl auf ihn als Organisator vor Ort. Im Juli kommt er nach Marseille. Dem CAS wird es gelingen, rund 2000 Verfolgten mit Geld, echten und falschen Papieren, Kontaktvermittlung und Bürgschaften herauszuhelfen. Die US-Behörden werden skeptisch: zu viele linke Einwanderer! Fry verbringe „seine Zeit mit Anarchisten und empfängt sie zu Hause“.

Im August muss er Frankreich, im November Spanien verlassen. In New York dokumentiert er die CAS-Story als Buch. Überwirft sich mit Mitstreitern. Lebt unter FBI-Beobachtung. Wird Antikommunist. Macht Coca- Cola-Werbung. Heiratet ein zweites Mal, drei Kinder. Infarkt. Wieder Scheidung. Sechs Monate nach seiner Aufnahme in die französische Ehrenlegion stirbt er 1967.

Wer also war Fry? Eine Kreuzung aus Christopher Isherwood („Cabaret“), Bogarts Rick in „Casablanca“ und Oskar Schindler? Frys Vita bleibt leider im Katalog versteckt. Die Ausstellung selbst verwandelt zwar das Glas-Foyer und alte Ziegelgewölbe der Akademie der Künste mit verkanteten blau-schwarzen Labyrinth-Stellwänden in einen spannend belebten Erzähl-Ort. Doch aus Freude darüber, ihr Hauptthema „Exil“ zur großen Emigranten-Parade ausbreiten zu dürfen, wird versäumt, über Motive und Widersprüche des entlanggewehten Aktentaschen-Helden der Frage zu folgen, auf welchen Wegen Reflexion zum Handeln führt. Wie man dem pathetischen Anspruch genügt, sein Leben – für das Richtige! – in die Waagschale zu werfen. Und dabei den einzigen Moment nicht verpasst.

Akademie der Künste (Pariser Platz), bis 30. Dezember Di-So 11 bis 20 Uhr.

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