DER SAMMLER : Gesang der Stubenfliege

Der Sammler Ivo Wessel lebt für die Kunst – und gestaltet mit ihr sogar seine Software-Ratgeber.

Jens Hinrichsen

Berlin Um Kunst muss man sich kümmern. „Jeden Tag brennt eine Birne durch“, erzählt der 42-jährige Sammler Ivo Wessel und deutet auf die Leuchtschrift an der Wand: Das Kunstwort „Revolutionsbedarf“ hat Marcel Bühler aus farbigen Lämpchen zusammengesetzt. Es liest sich wie ein Ladenschild und lenkt den Blick sogar tagsüber zur großen Fensterfront im Hinterhof – und ins Schaufenster hinein, dorthin, wo es nichts zu kaufen gibt.

Seit Januar lebt und arbeitet Ivo Wessel in Berlin-Mitte. Seine Privatsammlung mit Konzept- und Installationskunst, Video- und Fotoarbeiten sowie konkreter Malerei zog mit ins neue Domizil in der Chausseestraße: Drei Etagen eines verglasten Seitenflügelneubaus zwischen Backsteinfassaden. Kunstwerke hängen, stehen und flimmern überall, in der Küche und im Büro. Showroom im eigentlichen Sinn soll nur der Parterrebereich sein. „Aber ich bin kein Wohn-Typ“, bemerkt Wessel, und bald turnt er mit dem Gast treppauf, treppab, um möglichst viele Sammlungsstücke und ein Maximum an Kunstreflexion pro Minute unterzubringen. „Mein größtes Kapital ist Zeit, nicht Geld“, das Zitat von Marcel Duchamp hat der Softwareentwickler einem seiner Computerhandbücher vorangestellt. Sogar in diesen Ratgebern bringt Wessel „seine“ Künstler unter, lässt Zeichnungen von Ottmar Hörl oder Via Lewandowsky abdrucken und beauftragt Lieblingsautoren wie Eckhard Henscheid oder Max Goldt fürs Nachwort. Die Literatur ist seine andere große Leidenschaft.

Im Nebenzimmer präsentiert er Videoarbeiten von Björn Melhus oder Stefan Panhans nicht nur als Wandprojektion, sondern auch auf einem kleinen Touchscreen. Die Software für die Festplattenvideothek hat Wessel – natürlich – selbst entwickelt. Besonders freut ihn, dass die Künstler die Erfindung loben, „obwohl deren Arbeiten doch für die Großprojektion entworfen sind“. Das Verhältnis beschreibt Wessel als „herzlich, aber von respektvoller Distanz geprägt“. Vor allem mit Via Lewandowsky setzt er sich auseinander, was sich in der Sammlung niederschlägt: Das Parterre ist vom Summen einer unsichtbaren Stubenfliege erfüllt (eine Surround-Sound-Installation von Lewandowsky); im Büro stehen zwei Hälften eines Vogelkäfigs inklusive eines zersägten Wellensittichs. Titel der Arbeit: „Geteilte Freude ist doppelter Spaß“. Vom ersten Atelierbesuch an spürte Wessel die „gleiche Wellenlänge“. Trotzdem siezen sich Sammler und Künstler.

Schon 1986, zu Beginn seines Informatikstudiums in Braunschweig – das nach 35 Semestern ohne Diplom endete – gründete Wessel sein Einmannunternehmen, das ihm auch heute ein Pendeln zwischen Vita activa und Vita contemplativa erlaubt: Tagelange Lesereisen im Bett, Unterwegssein in Sachen Kunst und immer wieder notwendige Unterbrechungen für den Brotberuf: „Ich muss arbeiten für das, was ich für die Kunst ausgebe“, betont Wessel, dem nach eigenen Aussagen nichts ferner läge, als mit Kunst sein Vermögen zu mehren. „Ich bin kein Investment-Sammler.“ Weiterverkauf komme grundsätzlich nicht in Frage, eher würde er Arbeiten an Künstler zurückgeben, wenn die darum bäten.

Seine heimische Präsentation sieht Wessel dementsprechend auch als eine Art verlängertes Depot der Künstler. Als Sammler – Wessel würde lieber die Bezeichnung „Sucher“ etablieren – sehe er sich verpflichtet, die Arbeiten einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Interesse wächst. Bis Jahresanfang lebte er mit seiner Kunst in Kreuzberg, in sein dortiges Loft kamen nicht allzu viele Besucher: „Wer in Berlin Kunst ansehen und sich mit Galeristen und Sammlern unterhalten will, beschränkt sich meist auf Mitte.“ Auch er ist froh, dass sich der Weg zu Lieblingsgalerien wie Mehdi Chouakri oder Amerika in der Brunnenstraße deutlich verkürzt hat.

Ins hauptstädtische Kunstmekka kam der Quereinsteiger erst 2000. „In Braunschweig führte ich eine Nerd-Existenz“, sagt Wessel, für den der Umzug nach Berlin ein Schritt in die Öffentlichkeit war. Im September 2004 fand er sich neben Peter-Klaus Schuster auf dem Podium der Akademie der Künste wieder, als Diskutant in Sachen Flick-Sammlung. Schuster fragte: „Wessel? Muss man den kennen?“ Wessels Flick-kritische Diskussionsbeiträge waren Antwort genug.

Die Frage einer Zweckehe zwischen Sammler und Museum stellt sich für Wessel nicht: „Meine Sammlung ist nur für meine Lebenszeit von Bedeutung, nicht für die mindestens 100 Jahre Kunstgeschichte, die ein Museumseinkäufer antizipieren muss.“ Er meidet die Institutionen nicht, doch er zieht Kunstorte „in der Diaspora“ vor. Derzeit präsentiert er zum Beispiel im Kunstverein Göttingen Teile seiner Sammlung zum Thema „Kunst und Wissenschaft“.

Und was passiert zu Hause in Berlin? Der Kunstherbst naht, also verschickt Ivo Wessel demnächst Einladungen für die erste Showroom-Vernissage in der Chausseestraße. Für alle Fälle wird er wohl noch ein paar bunte Ersatzbirnen besorgen.

PERSON

1965 in Paderborn

geboren, studierte

Ivo Wessel in Braunschweig Informatik. Heute ist er in Berlin

als selbstständiger Softwareentwickler und

Computerbuchautor

tätig.

KUNST

Wessel sammelt seit der Schulzeit. Figurative Malerei interessiert ihn weniger, er bevorzugt konzeptuelle und konstruktivistische Kunst sowie Minimal Art. Er schreibt auch Texte für Kunstkataloge und

kuratiert gelegentlich Ausstellungen. Die Schau „Diplopie – Werke aus der Sammlung Ivo Wessel“ ist noch bis zum 19. August im Kunstverein Göttingen zu sehen.

SAMMLUNG

Wessel besitzt Arbeiten von über 100 Künstlern, darunter Werke von

Via Lewandowsky, Sven Johne, Stefan

Panhans, Frank Hesse, Karin Sander, Björn

Melhus
, Ottmar Hörl und Anton Stankowsky. Besuche in Wessels „Private Space“ in der Chausseestraße sind nach Terminabsprache per E-Mail möglich (email@ivo-wessel.de). Unter dieser Adresse können sich Besucher auch für die Vernissage am 30. September anmelden.

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