Ausstellungen : Der wahre Wert der Fotografie

Armut und Ästhetik: der kanadische Künstler Jeff Wall über die verborgenen Dramen der Stadt

Mr. Wall, fast alle Ihre Bilder entstehen in Vancouver. Könnten Sie sich vorstellen, in Berlin Aufnahmen zu machen?

Ich habe es bereits versucht, konnte aber das Projekt aus verschiedenen Gründen hier nicht zu Ende bringen und habe es dann an einem anderen Ort realisiert.

Also können Sie überall arbeiten?

Ja, denn eigentlich sind die meisten Städte interessant, aus den gleichen Gründen: weil sie so komplex sind und es in ihnen eine unentdeckte Welt gibt, unsichtbare Dinge, die faszinieren, sobald man ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Städte sind letztlich eine Verdichtung von Menschen und Situationen. Meine Bilder entstehen zumeist in Vancouver, weil ich dort lebe. Es geht mir nicht um ein Porträt der Stadt. Mag sein, dass am Ende eine Art Mosaik von Vancouver herauskommt. Geplant ist das nicht, denn ich versuche jedes Bild so einzigartig wie möglich sein zu lassen.

Zwischen den Bildern, die jetzt in Ihrer Ausstellung in der Deutschen Guggenheim Berlin zu sehen sind, besteht eine weitere Verbindung: die Darstellung sozialer Probleme. Woher kommt dieses Interesse?

Das ist ebenfalls eher Zufall. Ich verfolge kein Konzept, sondern reagiere nur auf das, was mich gerade berührt. Ich versuche offen zu bleiben. Manchmal verändert sich während der Arbeit sogar noch das Motiv. Es gibt für mich also keine Themen, auch wenn ich eine Menge Bilder von Menschen gemacht habe, die erfolglos, arm sind, versagt haben.

Was reizt Sie an diesen Figuren?

Menschen, die kämpfen, sind faszinierender. Sie befinden sich in einem dynamischen Prozess. Das gilt auch für uns selbst: Wenn du kämpfst, bist du auch für dich selbst interessanter. Wenn es für Dich gerade gut läuft, findest Du Dich auch nicht sonderlich spannend. Die von mir fotografierten Personen machen mich also nicht unbedingt betroffener als jeden anderen Durchschnittsmenschen, vielleicht sogar noch weniger.

Demnach wäre das Etikett Moralist oder politischer Künstler für Sie grundverkehrt, auch wenn es anders aussieht.

Politische Künstler sind wichtig, aber ich gehöre nicht dazu. Für mich wäre es eher unethisch, wenn ich weniger gute Bilder machen würde, als ich könnte. Das ist meine Ethik: Das Leben der Menschen, die ich als Motiv ausgewählt habe, wirklich zu würdigen. Ich bin empathisch in dem Moment, in dem ich das Bild mache, aber im Alltag würde ich am gleichen Menschen vielleicht achtlos vorübergehen. Für mich ist letztlich wichtig, dass das Bild eine Bedeutung besitzt.

Sie stellen Leiden hochästhetisch dar. Besteht darin kein Widerspruch für Sie?

Ich möchte, dass sich der Betrachter an den Bildern erfreut. Alle Kunst ist dafür gemacht, sie ist ein Geschenk. Der Betrachter genießt das Bild und nicht das Thema. Durch das Thema könnte er sich auf die ein oder andere Art zum Handeln genötigt fühlen, aber bei der Betrachtung eines Bildes geschieht dies gerade nicht. Anders als es im realen Leben, wenn wir einem Bettler begegnen und uns schuldig fühlen, goutieren wir bei derselben Person, sobald sie abgebildet ist, die Farben und Formen. Gleichzeitig denken wir, das sei falsch und fühlen uns schon wieder schuldig. Das ist auch das Charakteristische moderner Kunst. In den autoritären Gesellschaften wurde Kunst nur für die Regierenden zur Selbstdarstellung gemacht. Seit Gustave Courbet werden auch die Armen auf eine großartige Weise dargestellt.

Tatsächlich wirken Ihre Fotografien so komplex wie Malerei. Wie viel steckt davon in Ihrer Fotografie?

Ich habe zwar nur bis zu meinem 20. Lebensjahr als Maler gearbeitet, aber die Liebe zur Malerei ist geblieben. Die Art, wie ein Gemälde entsteht, hat auch meine Fotografie beeinflusst. Ich habe die Prozesshaftigkeit, die permanente Möglichkeit, auf der Leinwand etwas zu verändern, zu improvisieren wie ein de Kooning, in meine Arbeit übernommen.

In München haben Sie sogar ein bereits in der Sammlung befindliches Bild im Nachhinein wieder am Computer verändert.

Ich war mit diesem Bild nie wirklich zufrieden. Wenn ich könnte, würde ich das immer wieder machen mit Bildern, die mir nicht gefallen. Das ist auch der Grund, warum ich so langsam arbeite: damit sich die Dinge immer verändern können. Viele glauben, ich arbeite nach Konzept, aber ich besitze so etwas gar nicht.

Aber wie können dann Ihre Bilder entstehen, wenn Sie keinen Plan haben?

Es gibt es unendlich viele Möglichkeiten, die Dinge neu in ein Verhältnis zueinander zu setzen. Es kann sich immer wieder alles ändern: der Kamerastandort, das Licht, die Darsteller, das, was sie tragen. Das ist wie bei einem Gemälde, bei dem man bestimmte Passagen übermalt, wenn sie einem nicht gefallen. Es ist wie bei einem Spiel, bei dem sich immer wieder Regeln ändern. Erst spielt man mit einem Ball, dann ist es ein Schuh, dann eine Blase und schließlich der Zweig eines Baumes.

Das klingt nach der Arbeit eines Regisseurs. Sie selbst haben sich einmal als Kinematograph bezeichnet. Warum?

Im Kino gibt es den gleichen Sinn für all diese Dinge, mit denen man so lange jongliert, bis sie zueinander passen. Dort führen all diese Anstrengungen am Ende zu wunderschönen Fotografien. Zum Beispiel bei Antonioni: Seine Filme sind eine Summe hervorragender Einzelbilder.

Bei Ihnen ist jedes Bild hunderttausende Dollar wert. Wie sehen Sie den Markt?

Malerei ist immer noch sehr viel teurer als Fotografie. Es hat eben so lange gedauert, bis die Fotografie beweisen konnte, dass sie als Kunstform genauso anspruchsvoll ist wie Malerei und Skulptur. Die Malerei hatte dafür 3000, die Fotografie gerade 160 Jahre Zeit. Als ich junger Künstler war, hätte ich nie gedacht, dass ich je etwas dafür bekommen würde. Vielleicht hat die Fotografie jetzt erst ihren wahren Wert erreicht. Früher war sie zu billig.

Welche Fotografen haben für Ihr Werk Bedeutung?

All die guten. In Berlin: Heinrich Zille.

Man kann tatsächlich eine Verwandtschaft in Ihren Bildern sehen – die Brachen, das Soziale, der harte Realismus.

Ich wünsche mir, dass alle Fotografen, die ich schätze, auch eine Prägung in meinem Werk hinterlassen haben.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn.

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