Design-Galerien : "Möbel sind keine Mode"

Berlins Galerien für klassisches und zeitgenössisches Design formieren sich – das Ergebnis ist ein erster gemeinsamer Auftritt

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Bauhaus Berlin. Die Galeristen Ulrich Fiedler (l.) und Clemens Tissi vor einer Vitrine von Marcel Breuer. Foto: Kitty...

Herr Fiedler, Herr Tissi, weshalb schließen sich Berlins Design-Galerien für einen gemeinsamen Rundgang zusammen? Fühlen sie sich allein zu schwach?

ULRICH FIEDLER: In Berlin liegt der Fokus vor allem auf zeitgenössischer Kunst. Dass es hier auch hervorragende Design-Galerien gibt, wird viel weniger wahrgenommen. Deshalb starten wir eine gemeinsame Initiative: mit zeitgleichen Eröffnungen und einem Faltblatt, auf dem man die Orte findet.

Ist das ein „Wir gegen den Rest der Kunstwelt“?

CLEMENS TISSI: Nee, nee. In anderen Großstädten ist das selbstverständlich und Teil der Kunstwelt.

FIEDLER: Es gibt dort natürlich auch größere Szenen. Berlin ist mit New York oder Paris nicht zu vergleichen. Dennoch hat sich in Berlin einiges getan. Nur ist das in der internationalen Wahrnehmung noch nicht so angekommen, wie wir uns das wünschen. Das Publikum kommt zum Art Forum und in die Galerien, um junge Kunst zu sehen. Dabei gibt es hier auch eine Szene für Design des 20. Jahrhunderts und Zeitgenössisches.

Berlins Sammler haben das aber schon mitbekommen …

FIEDLER: Den reinen Design-Sammler gibt es hier fast nicht. Die meisten kaufen auch Kunst. Was die Interieurs betrifft, sehe ich allerdings in Berlin eine gewisse Anspruchslosigkeit. Da herrscht eine andere Qualität als bei dem, was Sie an den Wänden finden. Vielen genügen Luxus-Secondhandmöbel. Dabei ist die Trennung von Design und Kunst im 20. Jahrhundert so gut wie aufgehoben. Es gibt zu jeder Bewegung der Kunst die entsprechende Ausformung im Design.

Wie ist Ihre Erfahrung, Herr Tissi? Sie sind schon ein paar Jahre länger in Berlin.

TISSI: Das Bewusstsein für die Wichtigkeit von gestalteten Gegenständen hat in der letzten Zeit schon zugenommen. Dennoch herrscht eine Diskrepanz zwischen der Bedeutung, die Berlin einmal als Ort der Architektur und des Möbeldesigns hatte und der Wahrnehmung heute. Wie viele beispielhafte Wohnungen es hier in den zwanziger und dreißiger Jahren gab, lässt sich in Büchern sehen. Ich fürchte aber, dass Design momentan eher als Luxus wahrgenommen wird.

FIEDLER: Wir wollen vermitteln, dass man mit einem Möbelstück dieselben kulturellen Erfahrungen machen kann wie mit einem Bild oder einer Skulptur.

TISSI: Ich habe schon auch Angst, dass diese Erkenntnis verloren geht und der Umgang mit Möbeln reine Mode wird.

Obwohl sie beide meinen, dass Möbel zum Leben gehören.

FIEDLER: Es ist ja nicht so, dass man die Dinge nicht benutzen darf. Natürlich passiert es, dass ein Sammler einen Stuhl kauft, ohne sich jemals daraufzusetzen. Er tut das mit derselben Intention, mit der er ein Bild ersteht – weil es ein wichtiges Stück seiner Sammlung ist und deshalb einen Stellenwert hat. Aber das ist nicht die Regel.

Auf dem internationalen Kunstmarkt ist Design in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden. Für Tische und Stühle wird ähnlich viel bezahlt wie für Gemälde.

FIEDLER: 22 Millionen Euro für den „Drachenstuhl“ von Eileen Gray, der im Februar bei Christie’s in Paris versteigert wurde – das ist schon okay. Warum sollen Möbel nicht genauso bedeutend sein wie ein wichtiges Bild?

Aber Möbel des 20. Jahrhunderts wurden doch in hohen Auflagen produziert.

TISSI: Nicht immer. Oft sind die Exemplare an einer Hand abzählbar. Der „Drachenstuhl“ ist sogar ein Einzelstück.

FIEDLER: Die Vitrine von Marcel Breuer, die ich in der Ausstellung zum Rundgang zeige, gibt es auch bloß einmal.

Kostet sie ähnlich viel wie der „Drachenstuhl“?

FIEDLER: Sie ist nicht mehr zu verkaufen, ist aber für eine siebenstellige Summe versichert und geht im Oktober ins MoMa in New York. Das Stück gehört einem Berliner Sammler, der es mir für die Schau geliehen hat. Es gibt also nicht nur im Segment des Art Déco wie von Eileen Gray solche Bewertungen. Designgeschichte ist Kunstgeschichte, da wird nicht mehr zwischen Kunst und angewandter Kunst getrennt. Bei Breuers Vitrine handelt es sich meiner Ansicht nach um eine konzeptuelle Plastik.

Haben alle Design-Galerien des Rundgangs solche Schätze zu bieten?

FIEDLER: Das Angebot ist weit gefasst. Trotzdem haben wir unsere Kriterien. So müssen die Galerien Design nicht nur verkaufen, sondern auch Ausstellungen zum Thema vorweisen.

Und weshalb findet der Rundgang parallel zum Art Forum statt und nicht während des „Designmai“ im Frühjahr?

TISSI: Weil der Designmai eine große Werbeveranstaltung ist. Wir befassen uns mit Design, bei dem durch den Zeitabstand seiner Entstehung schon eine Einordnung in die Kunstgeschichte stattfinden kann. Oder mit Dingen, die so neu sind, dass man sie ins Spiel wirft, um damit vielleicht Geschichte zu schreiben

FIEDLER: Es gibt weit weniger wichtige Designobjekte im 20. Jahrhundert als wichtige Kunst. Corbusier hat in seinem Leben zehn bedeutende Möbel gemacht, die Geschichte geschrieben haben. Marcel Breuer blickt auf zehn Jahre Designarbeit zurück. Dann war Schluss, und er hat als Architekt gearbeitet.

Gibt es Vorbilder für den Designrundgang?

FIEDLER: Das ist schwer zu vergleichen. Die „Passagen“ in Köln, die wir in den neunziger Jahren gegründet haben, waren ähnlich. In Paris gibt es ein Faltblatt für die ganze Stadt und dann natürlich die Rue de Seine als Designstraße Europas, die vom Art Déco bis zu Möbeln der sechziger Jahre alles abdeckt.

Acht Design-Galerien für einen Rundgang sind ja noch nicht allzu viele.

FIEDLER: Erst waren wir sogar nur zu viert, haben uns dann aber für eine Erweiterung entschieden, um vielfältiger zu werden. Jetzt sind wir acht relevante Galerien, und nächstes Jahr können es schon zehn sein – wer weiß.

Der jährliche Rundgang soll eine feste Größe im Kalender werden. Was können Sie sich für die Zukunft noch vorstellen?

FIEDLER: Ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten Jahren ein größeres Projekt daraus machen und dass der Auftakt jetzt ein Ansporn ist. Für das nächste Mal könnten wir uns vorstellen, mit Institutionen wie dem Kunstgewerbemuseum zusammenzuarbeiten. Und vielleicht gibt es irgendwann noch die Party zum Rundgang.

Wann ziehen die Geschäfte mit Design in Berlin an?

FIEDLER: Das wird dauern. Es gibt ja auch wenige wichtige Galerie für Klassische Moderne oder bedeutende Antiquitäten. Momentan ist Berlin die Stadt der zeitgenössischen Kunst. Aber es muss schon noch etwas dazuwachsen, damit Berlin die Bedeutung bekommt, die sie als Kunsthandelsplatz vor 1945 hatte. Die Stadt verfügt schon über eine große Attraktivität. Kulturell und kunstgeschichtlich muss sie sich aber wieder verankern.

Interview: Christiane Meixner

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