Deutsche Guggenheim : Splitter und Schatten

US-Protestkunst in der Deutschen Guggenheim. Chefkuratorin Nancy Spector hat die amerikanische Multimediakünstlerin Collier Schorr mit einer Gruppenschau beauftragt, die eine Gegenkultur in Zeiten kriegerischen Engagements der USA vorführt.

Jens Hinrichsen

Ein besserer Ausstellungsführer lässt sich nicht denken. „The Guide“, David Altmeijds raumhohe Figur aus Spiegelstücken, steht schweigend da und gibt doch den Ton an. Als Sinnbild einer Existenz zwischen Unsichtbarkeit und scharfkantiger Abwehr wird sie zum Riesenmaskottchen einer Ausstellung, die mit tausend Facetten prunkt: Sehen und Gesehenwerden, Exhibitionismus und Scheu, brüchige Identitäten einer Supermacht im Krieg. Doch in der Deutschen Guggenheim werden (nicht nur) amerikanische Themen verhandelt.

Nachdem Douglas Gordon 2005 als Künstler-Kurator „The Vanity of Allegory“ postulierte, hat Chefkuratorin Nancy Spector nun die amerikanische Multimediakünstlerin Collier Schorr mit einer Gruppenschau beauftragt, die eine Gegenkultur in Zeiten kriegerischen Engagements der USA vorführt. Schorr antwortet mit einer „Collage“ aus Skulptur, Fotografie, Installation und Videokunst von Stars wie Bruce Nauman, Richard Prince oder Raymond Pettibon und weniger bekannten Künstlern. Die zwanzig Positionen erzählen vom Rückzug ins (vermeintlich) Private, den kleinen Gesten, die ein größeres Ganzes spiegeln. Schorr entwirft ein Tableau amerikanischer Gegenwartskunst, das sich von dem unterscheidet, was in der von Allen Ginsberg entlehnten Überschrift „Freeway Balconies“ anklingt: öffentliche Protestkultur, Agitprop, Anti-Vietnam-Demos, das war früher. Die Kunst ist stiller geworden. Und dunkler. Adam Pendleton malt zwei bewaffnete Akteure der „Black Liberation Front“ als Silhouetten vor düsterem Grund. Unklar bleibt: Verabschiedet sich die Gewalt der Straße oder kommt sie wieder anmarschiert?

Karen Kilimnik widmet sich Schauspielerinnen im Pressekreuzfeuer und schlüpft in die Rolle von Isabelle Adjani, die im TV beteuert, dass sie kein Aids hat. Die Schnappschüsse, die Fernsehdarstellerin Sara Gilbert 1995 von Leonardo DiCaprio am Set von „Romeo und Julia“ oder in der Achterbahn machte, wirken fehl am Platz, denn sie konterkarieren die Entscheidung der Kuratorin gegen ein Übermaß an Kunst-Celebrities. Provokant wirken ihre eigenen Fotoarbeiten mit deutschen Jugendlichen, die sie in Uniformen etwa der Waffen-SS steckte. Sie mache Kunst, weil sie die Konfrontation mit dem Betrachter suchte, so die 45-Jährige. „Das Aufregende am Kuratieren ist die Konfrontation mit anderen Kunstwerken.“ Jens Hinrichsen

Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13/15, bis 21. September; täglich 10-20 Uhr, Do bis 22 Uhr. Katalog 21 €.

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