Deutsches Historisches Museum : Die Kunst der Mächtigen

Das Deutsche Historische Museum zeigt, wie Mächtige sich mit zeitgenössischer Kunst schmücken

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Vorne Hertha. Hinten Kunst. Dazwischen Klaus Wowereit. Auf dem Foto sitzt der Regierende Bürgermeister an seinem Schreibtisch und hält die „BZ“ mit einer Fußballschlagzeile in den Händen. An der Wand hängt das moderne Gemälde „Großstadteingeborene“ von Helmut Middendorf. Klaus Wowereit zwischen den Polen Volkssport und Volkskunst? Der Eindruck drängt sich auf in der Ausstellung „Macht zeigen. Kunst als Herrschaftsstrategie“ im Deutschen Historischen Museum. Die zeitgenössische Kunst ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen: in Firmenbroschüren, wenn sich Vorstandsvorsitzende vor expressiven Ölgemälden ablichten lassen, auf den Gängen von Bankenzentralen, in der Tagesschau, wenn Frank-Walter Steinmeier vor der Willy-Brandt-Skulptur von Rainer Fetting gestikuliert, auf Fotostrecken in Magazinen, wenn Guido Westerwelle mit dem Künstler Norbert Bisky dessen neues Gemälde aufhängt. Zeitgenössische Kunst ist elitär und massenkompatibel zugleich.

Die Verbindung, die Kunst und Herrscher seit Jahrhunderten eingehen, bildet in der von Wolfgang Ullrich kuratierten Ausstellung den Anfang. Erzherzog Leopold Wilhelm, Statthalter in Brüssel, lässt mehrmals seine Kunstsammlung malen. Und Friedrich Wilhelm I. von Preußen versucht sich gar selbst mit dem Pinsel. Der Blick in die Kunstgeschichte führt direkt in die Gegenwart. Denn auch die Mächtigen einer Demokratie präsentieren sich nicht viel anders. Weiterhin beliebt ist der Besuch im Atelier des Künstlers, so wie ihn etwa Konrad Adenauer unternommen hat, als er mit Oskar Kokoschka auf das vollendete Porträt anstößt. Es ist eine großartige Szene, wie beide gleichzeitig einen kräftigen Schluck aus dem Whisky-Glas nehmen.

Die abstrakte Kunst, die in den nächsten Jahrzehnten zum Statussymbol schlechthin werden soll, entdeckt die Wirtschaft als erste für sich. 1951 gründet der BDI den Kulturkreis der Deutschen Wirtschaft und fördert vor allem Kunstrichtungen, die im Nationalsozialismus als entartet galten. Die Unabhängigkeit des Malers und Bildhauers passt zum freiheitlichen Selbstverständnis des Unternehmers. 

Ein deutscher Sonderweg sei das, heißt es in den Ausstellungstexten. Was auch die Fülle der Fotografien belegt. Wolfgang Ullrich, Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, hat sich aus etwa 1000 Zeitungs- und Zeitschriftenschnipseln seine Quellen zusammengesucht. Hinzukommen originale Gemälde oder Filmausschnitte. Und der Blick nach Frankreich verrät: Die Staatsmänner lassen sich hier immer noch gern vor einer Bücherwand mit französischen Klassikern nebst Trikolore porträtieren.

Die zeitgenössische Kunst als beliebtes Attribut der Macht funktioniert in Deutschland so lange, wie sie die Aura des Intellektuellen, des Modernen und Aufgeschlossenen umgibt. Gerhard Schröder vor dem abstürzenden Adler von Georg Baselitz: Die Ironie sitzt dem damaligen Kanzler im Nacken, schließlich könnte der Vogel auch der Bundesadler sein. Schröder zusammen mit Jörg Immendorff, zusammen mit Markus Lüpertz, zusammen mit Bernhard Heisig – am Ende einer langen Reihe: Diese Wahlkampfanzeige haben Künstler 2005 in der „Süddeutschen Zeitung“ geschaltet. Schröder ist der erste Künstlerkanzler. Doch auch Guido Westerwelle bekommt ein eigenes Ausstellungsabteil. Er ist der Diener der Kunst, hat sich für den Fotografen Markus Wächter auf den kalten Boden gehockt, kauernd fast mit herabgesenktem Kopf. Über ihm: Norbert Biskys „Treffer“. Wann wirft sich ein Politiker schon einmal in eine solch demütige Pose?

Natürlich gehört das mit zur Selbstinszenierung. Aber die Westerwelle-Pose ist auch der erste Moment in dieser 400 Exponate umfassenden Ausstellung, in der das Machtverhältnis etwas wackelt. Das Künstlerpaar Clegg und Guttmann, dessen Arbeiten am Ende der Ausstellung zu sehen sind, spielt genau damit. Es bittet die Politiker und Firmenbosse um bestimmte Kleidungsstücke und Gesten. Die Künstler bestimmen über eben jene Menschen, die es gewöhnt sind selbst zu bestimmen. So entlarven sie die Hörigkeit gegenüber der Kunst. Auch die Arbeit von Verena Landau, die den Titel des mit klugen, weiterführenden Essays bestückten Katalogs ziert, bricht mit der Inszenierung. Dargestellt ist Jürgen Kluge, Deutschlandchef von McKinsey, vor bunten Quadraten des Künstlers Robert Barry – überhaupt scheinen Vorstandsvorsitzende geometrische Kunst zu bevorzugen. Die Künstlerin Verena Landau hat das Motiv nach einer Fotovorlage kopiert. Sie macht Kunst aus Macht.

Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, täglich von 10 Uhr bis 18 Uhr, bis 13. Juni., Katalog 24 €.

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