Ausstellungen : Die Kraft der Nacht

Traumzeichnungen: Guillaume Bruère in der Galerie Andrae Kaufmann.

von
Im fragilen Gleichgewicht. Ein Blatt aus Bruères „Visionen“-Zyklus. Foto: Galerie
Im fragilen Gleichgewicht. Ein Blatt aus Bruères „Visionen“-Zyklus. Foto: Galerie

Was man träumt, bleibt höchstens als Nachbild erhalten. Als ferne, im Tageslicht verblassende Erinnerung an jene skurrilen Wesen, fantastischen Missfits und gespenstischen Gestalten, mit denen man die Nacht verbracht hat.

Von daher passt es gut, wenn Guillaume Bruère die Charaktere aus seinen Träumen mit schnellen, nervösem Umrisslinien zu Papier bringt. Sie tauchen verdoppelt, verzerrt und verschoben in den kleinen Blättern (je 2400 Euro) auf, die in dichter Folge von beunruhigenden „Visionen“ erzählen. Ein schreiender Mann wie einst auf dem berühmtesten Cover der Band King Crimson, mit einem Mund wie eine schwarze Höhle. Eine Herde winziger Schafe mit Strichen anstelle von Beinen oder ein gegrilltes Hähnchen, dessen roter Menschenmund von zwei Händen gehalten wird.

Es sind lauter surreale Momente, die die Galerie Andrae Kaufmann in ihrer ersten Einzelausstellung des Berliner Malers vorführt. Gezeichnete Petitessen, denen er trotz der zarten Ausführung intensive Momente abringt. Weil Bruère sie in extremem Tempo bewerkstelligt hat. Und weil man merkt, dass hier einer unter Aufbietung aller Kräfte festhält, was nach dem Aufwachen und damit bei der Rückkehr ins Bewusstsein schon auf dem Weg ins Vergessen ist.

„Visionen“ gehört zu den wenig bekannten Zeichnungen Bruères, der in Berlin inzwischen mehrfach ausgestellt hat. Doch auch wenn die stilistische Vielfalt zu seinen Prämissen gehört und neben den Zeichnungen kühn montierte Skulpturen, pastose Gemälde und noch einmal ganz differente Sägeschnitte entstehen, erkennt man die Sprache des 1976 im französischen Poitiers geborenen Künstlers sofort: Er nutzt Ölkreiden als Stifte in verschiedenen Breiten und in leuchtenden Farben, um das Sujet zu umfahren und mit schnellen, expressiven Strichen zu erfassen. Wie kräftezehrend die Vorbereitung auf diesen Moment der nur ein paar Minuten dauernden Vergegenwärtigung ist, lässt sich hingegen bloß erahnen.

Bruère investiert alle Kraft in die Linie. Wie Arnulf Rainer oder der späte Georg Baselitz verlässt er sich ganz auf ihre Dynamik und das Potential konzentrierter Reduktion. Häufig steht der Künstler in der Berliner Gemäldegalerie, im Wiener Kunsthistorischen Museum oder dem dortigen Naturkundemuseum, dem er ein eindrucksvolles „Bestiaire à la Giom“ abgetrotzt hat. Ausgestopfte Schildkröten scheinen zum Leben erweckt, während exotisches Federvieh den Betrachter unmittelbar anschaut. Als vermeintlicher Kopist umfährt Bruère die Kreuzigungsszenen alter Meister in leuchtendem Blau, Gelb oder Rot und verzichtet anschließend auf jede flächige Ausgestaltung. Die Konturen ersetzen die Kleider, überlagern die Körper und bleiben als Spuren jener künstlerischen Aneignung sichtbar, die Bruère auf höchstem Niveau betreibt. Nervös und voller Energie, aber auch im Zweifel, ob man dem Vorbild adäquat begegnet. Nicht ohne Grund tauchen manche Motive immer wieder auf, der innere Widerspruch gehört zum Wesen dieser eindrucksvollen Arbeit

Im August wird man im Marta Herford sehen können, wie breit und dennoch konzise das Werk des Künstlers ist – dann richtet ihm das Haus eine erste Museumspräsentation aus. Christiane Meixner

Galerie Andrae Kaufmann, Schröderstr. 14; bis 16. Juni, Mi - Sa 12 - 18 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar