Don McCullin : Die Geisterwunde

Veteran des Krieges: Don McCullin war überall, wo es hässlich wurde. Nun sind seine Fotos im Postfuhramt zu entdecken.

Kai Müller

Was der Krieg mit einem Fotoreporter anstellt, ist am besten auf den Bildern zu sehen, die er zur Erholung macht. Don McCullin hat sich auf Landschaftsaufnahmen verlegt. Nach all den Jahren, die er auf den Schlachtfeldern von Vietnam, Kambodscha, in Biafra, Beirut und auf Zypern sowie im Kongo verbrachte, zog er sich in ein altes Landhaus in Somerset zurück. Im Winter ist der Boden schwer, die Bäume erstarren zu kahlen Gerippen, und über allem führt ein gnadenloser Himmel Lichtregie. McCullin dachte, dass Felder, Wiesen und Hügel genau das richtige Mittel wären, um seinen Dämonen beizukommen. Aber seine Naturbilder beweisen das Gegenteil. Sie sind voller Geister.

Don McCullin ist 74 Jahre alt und zählt zu den besten Kriegsfotografen der Welt. Als eine Reporterin des „Guardian“ den Einzelgänger in Somerset besuchte, lachte er über die Geister in seinem Haus. Und er führte sie in jene Kammer, aus der sie gekrochen kämen. 4500 Fotos lagerten darin. McCullin hat sie von seinen Trips in die Krisengebiete der letzten 50 Jahre mitgebracht. Beim Durchblättern der Schwarz-Weiß-Abzüge, von denen jetzt eine Auswahl im Postfuhramt ausgestellt ist, sprudelte es aus ihm heraus: „Das war im Libanon, die palästinensische Frau war eben erst auf offener Straße ermordet worden ... Dieses Kind geriet zwischen die Fronten, ein Granatsplitter riss ein Stück aus seinem Kopf, der Soldat hob es auf und ging mit ihm davon ... Das ist ein schrecklicher Ort gewesen, ein Hügel in Vietnam. Der Vietcong hatte großkalibrige amerikanische Waffen erbeutet, mit denen er zurückschoss ... Und dieses Bild mag ich besonders, der Junge weint um seinen toten Vater, der an Aids gestorben ist.“ Ein Gruselkabinett menschlicher Grausamkeiten.

Es wartet darauf, entdeckt zu werden. Denn in Deutschland ist der gebürtige Londoner weitgehend unbekannt. Es gibt keine deutschsprachige Monografie seiner Arbeiten. Auch seine Autobiografie mit dem Titel „Unreasonable Behaviour“ ist bislang nur auf Englisch erschienen. So kommt c/o Berlin das Verdienst zu, einen Veteranen der Kriegsreportage ins Rampenlicht zu rücken, der dem Credo Robert Capas, dass man immer nah dran sein müsse, etwas anderes Wesentliches hinzugefügt hat: „Wenn du das, was du siehst, nicht fühlst, wirst du andere nie dazu bringen, etwas zu fühlen, wenn sie deine Bilder betrachten.“

McCullin bezahlt einen hohen Preis für diese Haltung. Auch Jahrzehnte nach seinem letzten Kriegseinsatz – 1991 ist er noch einmal kurz in den Irak aufgebrochen – bekommt er die Schreckensbilder nicht mehr aus dem Kopf. „The Impossible Peace“ lautet denn auch der Titel der Retrospektive. Auch für den Betrachter seiner tiefdunklen Bilder ist es schwer, all die zerfetzten Körper zu vergessen, das Blut, die aufgeblähten Bäuche von Hungernden, die fassungslose Trauer der Witwen und Kinder, den GI, der wie betäubt sein Gewehr umklammert und ins Nichts starrt. Selbst die wachsende Erregung vor Exekutionen hat McCullin festgehalten.

Es gab eine Zeit, da konnte McCullin gar nicht genug bekommen. „Ich bin hinter Kriegen her gewesen wie ein Alkoholiker hinter einer Büchse Bier“, gesteht der Brite. Immer wenn es hässlich wurde an einem Ort, packte er seine Kameratasche und fuhr hin, in Regionen, in denen die zivilisatorische Ordnung zerfiel, lange bevor der Begriff der asymmetrischen Kriege erfunden wurde. Einmal lenkte seine Kamera eine Kugel von ihm ab, ein andermal explodierte eine Granate dicht neben ihm, verletzte ihn aber nur am Bein. Man könnte den Mann für einen todessüchtigen Abenteurer halten, wenn er den Krieg nicht so sehr hassen würde.

McCullin wuchs unter ärmlichen Umständen im heruntergekommenen Norden von London auf. Als 1940 die Luftschlacht tobte, wurden er und seine Schwester evakuiert. Er kam auf einer Farm unter, wo er geschlagen und gedemütigt wurde. Daher rühre seine „lebenslange Zuneigung zu den Erniedrigten“, wie er sagt. Mit 14 verlor er seinen asthmatischen Vater und musste fortan die Familie versorgen. Dann wurde er eingezogen, geriet in die Fotoabteilung der Royal Air Force. Selber fotografieren durfte er nicht, sondern verdingte sich während der Suez-Krise in der Dunkelkammer. Immerhin kaufte er sich in Aden für 30 Pfund eine eigene Kamera. Als er sie später für einen Bruchteil dessen wieder loswerden wollte, schritt seine Mutter ein – und rettete ihm die Karriere.

Die begann mit einem Polizisten, der 1958 in Finsbury Park erstochen worden war. Er hatte in einem Streit zwischen rivalisierenden Banden vermitteln wollen. McCullin kannte die Straßengangs. Eine von ihnen, The Guvnors, hatte er fotografiert. Der „Observer“ druckte das Bild. Und so kam es, dass McCullin ohne Schulbildung zum gefragten Fotostar aufstieg. Er reiste mit Edna O’Brien nach Kuba, portätierte die Beatles und war so unerschrocken, vom Sechstagekrieg und Zypernkonflikt zu berichten. Immer wieder bereiste er für finstere Reportagen auch seine Heimat, wo schwarz rauchende Schornsteine wie Armutsfahnen im Wind hingen.

McCullin ist sich der moralischen Zweifelhaftigkeit seiner Zunft immer bewusst gewesen. Um vom Leiden zu berichten, braucht es Adrenalinjunkies wie seinesgleichen, die sich an Orte ohne zivilisatorische Ordnung wagen. McCullin erzählt, dass er den Menschen oft in die Augen schaue und sie zurückblickten, so dass es zu einer „Begegnung der Schuld“ komme.

Don McCullin, The Impossible Peace, Postfuhramt (Oranienburger Str. 35/36, Mitte), bis 28. Februar, täglich 11–20 Uhr

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