Dukatenscheißer : Blaue Töne am Seil

Wie klingt die Krise? Was löst das Klimpern von Münzen aus, und wie hört sich das Prasseln eines Geldregens an? „Dukatenscheißer“ hat der amerikanische Komponist und Klangkünstler Douglas Henderson seine Tonskulptur genannt. Zu sehen in der Galerie Mario Mazzoli.

Simone Reber

Als Säule aus vergoldeten Abflussrohren steht sie in der Galerie Mazzoli. Im Innern gurgelt und grumpelt, klackert und klingelt es. Tonaufnahmen aus dem Berliner Kasino, aber auch vom türkischen Markt am Maybachufer hat Henderson in vielen Spuren übereinandergelegt. Auf zwölf Kanälen strömen sie und sprühen aus allen Öffnungen. Der Reichtum der Welt rauscht durchs Rohr und entlädt sich im tosenden Gebrüll der Gier (18 000 €).

„Ich sehe Klang“, sagt der 49-jährige Amerikaner. In seinem Kompositionsgewitter prallen die taube Materialität des Geldes und die subtile Wirkung des Tons aufeinander. Als Mario Mazzoli vor vier Monaten seine Galerie eröffnete, hatte er sich vorgenommen, einen Raum für die Vermarktung von Klangkunst zu schaffen. Der ausgebildete Musiker fand zeitgenössische Musik stets unangemessen präsentiert. Für Mazzoli gehört Klangkunst in die Galerie: „Ich möchte das Sammeln von Musikstücken wieder populär machen.“ So verkauft er nicht nur die Installationen, sondern auch die Partitur und die Zeichnungen. Henderson zum Beispiel entwickelt seine Arbeiten mit einem Storyboard, dabei entstehen witzige Skizzen. Mit Linien, Pfeilen und Spiralen gibt er die Richtung des Klangs vor. Der aufwendige Katalog zur Ausstellung unterstreicht die Ambition, dem Nischenmedium eine Bühne zu eröffnen.

Henderson, der auch für die Choreografin Meg Stuart komponiert hat, macht es Neugierigen leicht, sich diese Kunst zu erschließen. Er arbeitet visuell, schöpft aus der Populärkultur und der vertrauten Umgebung der Stadt. Für seine Installation „Fadensonnen“ wählte er ein Gedicht von Paul Celan als Vorlage. „Grauschwarze Ödnis“ beschwört der Lyriker. Trockene Schritte – auf dem Gleisgelände am Südkreuz aufgenommen – mischte Henderson mit dem Geraschel von Buchseiten und staubigem Flügelschlag. Dazu lässt er Schlüssel auf den Fliesen seines Badezimmers rasseln. An einem Hanfseil, das senkrecht in den Raum gespannt ist, winden sich nun blaue Lautsprecher mit roten Membranen bis zur Decke (15 000 €). Es braucht manische Energie, um die feine Materie Klang so zu verdichten, dass sie sichtbar wird. Stunden der Aufnahme, Monate der Montage, Tage des Aufbaus im Kampf mit Computer und Kabeln kondensieren sich zu Minuten des Hörens.

Beim Blick in das winzige Kino, das Henderson gemeinsam mit Stefan Bohnenberger in eine Zigarrenschachtel gebaut hat, lässt sich die Obsession leicht nachvollziehen. Es läuft „Romeo und Julia“. Die Schatten geometrischer Formen tanzen über den unendlich erscheinenden Horizont (3000 €). Mit profanen Materialien, Metallkugeln und einem Kamm, erzählt das Stückchen von der ultimativen Liebe. Auf kleinstem Raum, in kürzester Zeit erschaffen die flüchtigen Erscheinungen von Licht und Ton einen denkbar unpathetischen Moment von Ewigkeit.

Galerie Mario Mazzoli, Zimmerstr. 13; bis 17.10., Di–Sa 12–18 Uhr.

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