Ed Kienholz : Vom Licht der Liebe

Nicht nur Kunst ist käuflich: Ed Kienholz’ Bordell-Installationen in Berlin und London.

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Versuch’s mal mit Gemütlichkeit. Edward Kienholz’ Roxy’s, Environment von 1960/61. Foto: El Sourdog Hex

Die Amerikaner waren schockiert. Ein Bordell als Kunstwerk! Und dann so ein grausames. Skandal.

Roxys, 1961 entstanden, war Ed Kienholz erstes Tableau, mit dem er auch in Deutschland berühmt wurde. 1968 wurde die Installation auf der documenta gezeigt. Roxys war auch die erste große Arbeit, die der Sammler Reinhard Onnasch kaufte – und passenderweise ist es nun die letzte, die er in seinem Kreuzberger Ausstellungsraum El Sourdog Hex zeigt. Roxys zeigt Ed Kienholz at his best, seine völlig eigenwillige Mischung aus sozialem Realismus und finsterster Groteske. Ob es nun stimmt, dass Roxys von seinem eigenen Horror bei einem Bordellbesuch als Jugendlicher erzählt oder nicht: Der Schreck sitzt offensichtlich tief. Und man weiß nicht, was man grausamer finden soll, die schäbige, zugleich rührende kleinbürgerliche Einrichtung des Freudenhauses, die patriotischen Sprüche aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs oder die zusammengestückelten Figuren wie die Madam mit dem Eberschädel.

Gestatten: Miss Cherry Delight, Cockeyed Jenny, Five Dollar Billy, die rücklings auf einer alten Nähmaschine liegt, und mit einem Fußtritt hochgeschubst werden kann. Bei einem Rundgang stellt Nancy Kienholz die horrenden Figuren wie uralte Bekannte vor, auch wenn sie vor ihrer Zeit entstanden sind. Ed, Jahrgang 1927, auf einer Farm aufgewachsen, hatte ein paar Monate lang das College besucht und sich dann zum Künstler erklärt; er war maßgeblich daran beteiligt, in Los Angeles eine moderne Kunstzene zu etablieren. Seit 1972, als sie sich auf einer Party in Los Angeles verliebten, haben Ed und Nancy Kienholz unter ihrer beider Namen zusammengearbeitet.

Die fünfte Frau des barocken, 1994 verstorbenen Künstlers hat es sich auf dem Sofa des Bordells bequem gemacht und füllt den Aschenbecher mit weiteren authentischen Stummeln. Dabei erzählt sie, was sie für den eigentlichen Skandal hält: dass Prostitution nur in zwei amerikanischen Bundesstaaten legal sei, im winzigen Rhode Island und in Nevada, aber auch da nur außerhalb von Las Vegas.

Nancy Kienholz ist hier zu Hause, pendelt noch immer zwischen Berlin, Texas und der weiten Landschaft von Hope, Idahoe. 1973 war das Paar mit seinen drei Kindern hierhergekommen, auf Einladung des DAAD-Künstlerdienstes, dessen Bedeutung für West-Berlin kaum überschätzt werden kann in jener Zeit, in der die internationalen Künstler noch nicht von sich aus in Scharen nach Berlin strömten. Den Kienholz’ gefiel es so gut, dass sie blieben. Hier hatten sie ein großes Atelier und Flohmärkte, auf denen sie reichlich Material für ihre Objekte fanden. Von hier aus war es auch nicht weit nach Amsterdam, wo sie durchs Rotlichtviertel zogen und – gegen Bezahlung – die Räume der Nutten fotografierten. Zurück in Berlin, arbeiteten sie dann fünf Jahre lang an jenem großen Tableau, mit dem sie sich nun gemeinsam dem Thema Prostitution und Voyeurismus widmeten.

Die „Hoerengracht“, nur einen Buchstaben von der ehrwürdigen Herengracht entfernt, ist zur Zeit in der Londoner National Gallery zu sehen. Man läuft durch Gassen, vorbei an den lebensgroßen, traurigen Gestalten, wie sie in den Haustüren und hinter Fenstern wieder in heimeliger Einrichtung sitzen, hört ihre Musik. Glibber tropft über die Schaufensterpuppengesichter und die gemusterten Tapeten, als sei die ganze Szene mit Sperma überzogen. Dass die Hoerengracht dennoch weniger grotesk, realistischer, ja auch milder als Roxys wirkt, liegt nicht nur an den Figuren, für die Berliner Freundinnen Modell standen, sondern, so erklärt Nancy Kienholz, auch an ihrem weiblichen Blick, der mehr Empathie als Schrecken verlangte.

Das moderne Kunstwerk ist eine Art Kuckucksei in der alten National Gallery. Im Vorraum hängen ein paar kleine Gemälde alter holländischer Meister mit ähnlichem Sujet. Es ist der Versuch, ein jüngeres Publikum anzulocken und der alten Malerei eine Art Frischzellenkur zu verpassen, ihr die inhaltliche Brisanz zurückzugeben, die ihr der zeitliche Abstand genommen hat. Denn so romantisch und malerisch, wie die Gemälde auf den ersten Blick erscheinen mögen, sind sie nicht unbedingt. Auch bei Vermeer und de Hooch geht es um käufliche Liebe. Allerdings ist der Versuch der Annäherung dann doch etwas zaghaft ausgefallen, ein paar Gemälde mehr hätten es schon sein können.

Andersherum funktioniert die Kombination vielleicht besser – die malerische Qualität des Tableaus, in rötlich warme Farben getaucht, kommt nun deutlicher heraus. Das Licht: Das, hat Ed Kienholz gesagt, sei es gewesen, was ihn am Amsterdamer Rotlichtviertel wie bei der Arbeit an der Hoerengracht am meisten fasziniert e.

Was in der National Gallery allerdings auch zum Ausdruck kommt: dass die Hoerengracht selber Geschichte ist. Nicht zufällig wird sie anschließend im Amsterdamer Historischen Museum gezeigt. Vor ein paar Jahren hat die Stadt angefangen, im Rotlichtviertel aufzuräumen, sich neue Mieter zu suchen, vorzugsweise Künstler und Designer. Jetzt sieht man immer weniger Nutten in den Fenstern, stattdessen coole Möbel, Mode und Schmuck. Und in den Räumen, in denen noch Prostituierte arbeiten, sieht es ganz anders aus. Wegen neuer Hygienevorschriften flogen die Sessel und Tapeten und Teppiche raus, mit denen die Frauen es sich kuschelig gemacht hatten, und wurden durch Kacheln ersetzt. Jetzt ist alles clean.

Roxys, El Sourdog Hex, Zimmerstraße 77, bis 31. Januar, danach nach Anmeldung, Tel. 206 091 60 www.elsourdoghex.org. The Hoerengracht, National Gallery London, bis 21.2., vom 20.3. bis 29.8. im Amsterdamer Historischen Museum.

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