Ethnologisches Museum Berlin : Kaukasischer Feuerkreis

Eine Ausstellung im Ethnologischen Museum Berlin macht mit Geschichte und Kultur Aserbaidschans bekannt.

Moritz Gathmann

„Hiermit zeigen wir, dass wir kein Indianermuseum sind.“ Viola König, die Direktorin des Ethnologischen Museums, will mit der Aserbaidschan-Ausstellung „Land des Feuers“ beweisen, „dass wir uns auch mit Kulturen beschäftigen, die gar nicht so weit weg sind“. Geographisch mag das stimmen: Aserbaidschan liegt im Kaukasus, gleich neben Georgien. Aber weit weg ist es schon: Über Kultur und Bräuche der Indianer weiß man hierzulande mehr.

Gerade deshalb hat das Land viel Geld in ein aserbaidschanisches Kulturjahr 2008 in Deutschland investiert: Ausstellungen, Konzerte und Podiumsdiskussionen sollen das Interesse der Deutschen wecken - und wenn möglich nach Aserbaidschan locken. Es gibt dort mehr zu sehen als Öl und Gas.

Auch wenn die Bodenschätze wohl für den Namen des Landes verantwortlich sind: Aserbaidschan, vom altpersischen „azer“ (Feuer) abgeleitet, bedeutet „Land des Feuers“. Dass der Landesname einer anderen Sprache entstammt, kann als symptomatisch gesehen werden: Seit Menschen dort vor 10 000 Jahren zum ersten Mal Landwirtschaft betrieben, standen sie unter dem Einfluss fremder Mächte: Sassaniden, Araber, Mongolen, Perser. Immer wieder fielen Eroberer ein. Auf diese Weise kamen auch die Vorfahren der heutigen Aserbaidschaner ins Land. Im 11. Jahrhundert wanderten oghusische Stämme aus dem Osten ein. Von dieser Einwanderung berichtet das Epos „Dede Korkut“, quasi die Nibelungensage der Aserbaidschaner. In Schriftform existieren nur zwei Ausgaben, eine davon hat das Berliner Ethnologische Museum nun aus Dresden ausgeliehen.

Die Ausstellung versucht erst gar nicht mit verengter Sicht eine Kultur der Aserbaidschaner zu verfolgen, sondern präsentiert vielmehr die Produkte, die durch die vielen Einflüsse hervorgebracht wurden: kunstvoll verzierte Tonkrüge, farbenprächtige Teppiche, arabische Gesetzesbücher, Schmuck. Archäologisch besonders interessant sind die Bruchstücke aus der „Bailower Burg“. Die Festung in der Nähe von Baku wurde 1234 gebaut, versank aber schon Anfang des 14. Jahrhunderts bei einem Erdbeben in den Fluten des Kaspischen Meers. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts entdeckten Archäologen die Unterwasser-Festung und bargen hunderte Steine, die Tierdarstellungen und persische Schriftzeichen zeigen. Einige davon sind in der Ausstellung zu sehen – erstmals außerhalb Aserbaidschans, wie die meisten Objekte.

Im 19. Jahrhundert verleibte sich das russische Zarenreich den größten Teil des Landes ein. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts blühte besonders Baku auf, als westliche Ölfirmen das schwarze Gold zu fördern begannen. Aus dieser Phase der Express-Industrialisierung zeigt die Ausstellung sehenswerte Bild- und sogar Filmdokumente. Erst jetzt entwickelte sich auch eine eigenständige aserbaidschanische Kultur: In Baku entstand die erste Oper in einer islamischen Stadt, es gab Theater in aserbaidschanischer Sprache. In Tiflis wurde seit 1906 mit „Molla Nasreddin“ die erste islamische Satirezeitschrift gedruckt, auf Aserbaidschanisch, aber in arabischer Schrift. Die Zeichner waren übrigens lange Zeit Deutsche, weil muslimische Zeichner – wegen des Bilderverbots im Islam – erst ausgebildet werden mussten.

Nur kurz nach dem Ersten Weltkrieg war Aserbaidschan ein unabhängiger Staat, dann wurde das Land zur Sowjetrepublik. Für die Ausstellungsmacher bedeutet gerade diese 70 Jahre währende Periode eine Stärkung der nationalen Identität. Die Umsetzung der sowjetischen Nationalitätenpolitik – „National in der Form, sozialistisch im Inhalt“ – lässt sich an Propagandaplakaten ablesen: Da wird zur Teilnahme an den Wahlen in die Sowjets aufgerufen, aber auf dem Bild ist ein Schäfer zu sehen, mit dem traditionellen Fellhut „papaq“. Nur die Zeit seit der Unabhängigkeit 1991 kommt in der Ausstellung zu kurz.

Ein ungutes Gefühl bleibt, denn das aserbaidschanische Kulturministerium hat die Ausstellung fast vollständig finanziert. Ausstellungsmacherin Ingrid Schindlbeck wehrt Zweifel ab: „Ich hatte absolute kuratorische Freiheit.“ Die eigentlichen Probleme bestanden trotz der offiziellen Rückendeckung eher darin, die Ausstellungsstücke von den aserbaidschanischen Museen zu bekommen: „Die kennen das einfach nicht, dass etwas von dort im Ausland ausgestellt wird.“ Moritz Gathmann

Ethnologisches Museum SMB Dahlem, Lansstr. 8, bis 16. 11.; Katalog 29,80 €.

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