Ethnologisches Museum : Humboldts Weckruf

Das Ethnologische Museum besitzt eine Afrika-Sammlung von Weltrang. Nach und nach kommt sie nun ans Licht.

Anna Pataczek
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Der Stolz Nigerias. Die prächtige Ijele im Ethnologischen Museum. Foto: Ilona Studreilona Studre

Gemessen am Umfang und an der Bedeutung seiner Sammlung, hat das Ethnologische Museum in Dahlem nicht die Besucheraufmerksamkeit, die es verdient. Das wird vielleicht einmal anders, wenn die Sammlung in die Mitte der Stadt rückt, ins geplante Humboldt-Forum auf dem Schlossplatz. Das Museum besitzt 500 000 Objekte aus der ganzen Welt, darunter allein 75 000 Objekte afrikanischer Kunst und Kulturgegenstände. Die Mehrzahl der Schätze schlummert im Magazin, nur ein Bruchteil der Bestände kann dem Besucher präsentiert werden. Das Museum hat nun seine Afrika-Abteilung um vier neue Themenschwerpunkte bereichert. Nicht nur, dass seit Donnerstag etliche Exponate zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg wieder gezeigt werden können – die Erweiterung bietet auch einen ersten Vorgeschmack darauf, wie sich die Sammlung zukünftig im Humboldt-Forum, präsentieren könnte, kündigt Kurator Peter Junge an.

Des Königs Njoyas Thron, über und über bestickt mit bunten Glasperlen, steht immer noch in der vor vier Jahren eröffneten Dauerausstellung „Kunst in Afrika“. In jenen Räumen, die so geheimnisvoll ins Dunkel gehüllt sind und in denen einzelne Objekte dramatisch schön als Kunstwerke von allgemeingültigem Wert aufleuchten.

Die Geschichte dieses Thrones wird nun in einer der vier neuen Ausstellungen mit dem Titel „Bamum, Tradition und Innovation im Kameruner Grasland“ erzählt: 1908 schenkte Njoya seinen Machtsitz dem deutschen Kaiser Wilhelm II. Es war ein Zeichen der guten Beziehung zwischen Bamum und der Kolonialmacht. Njoya ließ sich nicht unterdrücken, sondern nutzte den fremden Einfluss für entscheidende Neuerungen in seinem Königreich. Er entwickelte eine Schrift, ließ preußisch anmutende Uniformen für seine Landsleute produzieren – wobei er nicht darauf verzichtete, die Orden mit Perlen zu besticken, wie es in Bamum üblich war. Als Projektionsfläche für eine fremde, exotische Welt funktionierten solche Gegenstände nicht. Für die Kolonialherren hatten sie keinen Wert.

Das Ethnologische Museum will aber genau diese Geschichte Afrikas erzählen, die bestimmt war von einem aktiven Wechselspiel zwischen den beiden Kontinenten – und in der Afrika häufig aktiver Handelspartner war. Deshalb greift es hier auf historische Schwarz-Weiß-Fotografien zurück und lässt nicht allein die repräsentativen Holzgefäße und perlenbestickten Trinkhörner sprechen. Die Glasperlen stammten übrigens schon im 17. Jahrhundert aus Manufakturen in Venedig, Böhmen oder Amsterdam.

Von Handelsbeziehungen künden auch die Wände voller Reliefplatten in dem Ausstellungsraum zur Geschichte des westafrikanischen Königreichs Benin. Auf den Messingtafeln aus der Zeit der Kriegerkönige zwischen dem 15. und dem 17. Jahrhundert sind neben Tierfiguren wie Schlangen oder Krokodile auch Menschen abgebildet – Portugiesen. Aber nicht als Feinde der afrikanischen Herrscher, sondern als Partner im Sklavenhandel. Benin tauschte Menschen, meist Gefangene, gegen Messing oder Korallen aus dem Mittelmeer. Aus diesen Rohstoffen fertigte man Kunstgegenstände für den Königspalast. Dahlem besitzt eine der umfangreichsten Sammlungen dieser Schätze weltweit. Einige der 300 ausgestellten Objekte zeigt das Museum in dieser Breite zum ersten Mal.

Vor allem die modernsten Stücke machen die Marschrichtung gen Humboldt-Forum fest. Gleich am Eingang der neuen Räume stößt der Besucher auf eine Ijele. Bunte Bänder, Stoffpuppen und -vögel schmücken ein deckenhohes, zeltartiges Gestänge mit einem Sockel aus Patchworkarbeiten. Es ist das Werk eines zeitgenössischen nigerianischen Künstlers, eine Maske – wobei diese Bezeichnung etwas irreführend ist für hiesige Besucher. Der Träger schlüpft komplett unter diesen bunten Aufbau. Die stolze Ijele wird nur zu außergewöhnlichen Festen präsentiert. Nach Dahlem ist sie als Leihgabe des nigerianisch-deutschen Vereins „Ikuku Berlin“ gekommen, der es als Zeichen des kulturellen Austausches verstanden wissen will. Das heutige Afrika soll auch im Humboldt-Forum noch weiter in den Fokus rücken. Neben der imposanten Ijele macht eine Reihe von Neuankäufen zeitgenössischer Kunst den Anfang.

Die Fotoserie „Honey Collectors“ (Honigsammler“) des Südafrikaners Pieter Hugo lockt den westlichen Betrachter in die Klischeefalle. Auf den Bildern sind mit schwarzen Plastiktüten vermummte Männer zu sehen. In den Händen tragen sie Fackeln oder große Blätterfächer. Gezeigt wird hier jedoch nicht ein traditioneller Aufzug eines Rituals, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern Männer in Arbeitskleidung. Sie schützen sich so vor den Stichen der Bienen.


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