Filmmuseum : Radiergummi für Sorgenfalten

Da ist Musik drin: eine Berliner Ausstellung über frühe deutsche Tonfilme.

Frank Noack

Tonfilmoperette! Um 1930 war das ein Schimpfwort. „Radiergummi für Sorgenfalten“, nannte ein Kritiker das Genre. „Viele dieser Filme zielten darauf ab, den Arbeitslosen ihr Unbehagen zu nehmen“, schrieb nach dem Krieg Siegfried Kracauer. Den Schlager „Wir zahlen keine Miete mehr“ aus dem Film „Ein blonder Traum“ empfand der Kritiker als „Behauptung, die Unterprivilegierten seien mit ihrem Los völlig zufrieden“, wie er 1947 in „Von Caligari zu Hitler“ schrieb. Kracauers Epigonen erklärten Tonfilmoperetten gar zu „präfaschistischen“ Filmen, die 1933 unbehelligt weiter gedreht werden konnten. Die Nationalsozialisten sahen das anders: Sie trieben wichtige Vertreter des Genres ins Exil. Wer bleiben durfte, wie der Regisseur Reinhold Schünzel („Viktor und Viktoria“), sah sich in seiner Kreativität eingeschränkt.

Und kreativ waren sie, diese verkannten, vergessenen Tonfilme, die von 1929 bis 1933 überwiegend bei der Ufa entstanden. Zunächst dominierten zwar Einschränkungen: Kamerabewegungen und Montage hatten sich der Musik unterzuordnen, eine Nachvertonung war noch nicht möglich, geschnitten wurde, wenn eine Strophe zu Ende war. Die Ausstellung „Wenn ich sonntags in mein Kino geh’“ präsentiert nun im Filmhaus in vier Kabinen rund 160 Minuten Bildmaterial, aus dem deutlich hervorgeht: Es war mehr als nur statisch abgefilmtes Varieté, was den Kinozuschauern damals geboten wurde. Und von wegen unpolitisch! Die musikalische „Depressions-Komödie“ bildete ein eigenständiges Genre – mit gewagten Anspielungen auf Zeitphänomene. Allein der Umstand, dass diese Filme von links und von rechts attackiert wurden, spricht für sie.

Aus sechs Abschnitten besteht die Ausstellung: Der erste Teil befasst sich mit dem kuriosen Genre der Stummfilmoperette. Der zweite Teil zur Tonfilmoperette veranschaulicht mit Werkfotos und Originalgeräten die technischen Produktionsbedingungen. Auf inhaltlicher Ebene überrascht hier die Selbstreflexivität: Wiederholt erklären Künstler einem Theaterdirektor ihr Konzept, das sich natürlich mit dem des Films deckt. Ein typischer Satz: „Die Frauen, die zuhause Strümpfe stopfen, wollen das nicht auch noch im Theater sehen.“ Fortgesetzt wird dieser Gedanke im dritten Abschnitt „Krise“: Armut, Obdachlosigkeit und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz wurden in „Depressions-Komödien“ thematisiert, deren Optimismus ausschließlich aus den Figuren kam. Bessere soziale Verhältnisse wurden nicht versprochen. Der vierte Teil „Großstadtlichter“ dokumentiert die Modernität der Metropole Berlin in der ausgehenden Weimarer Republik. Man sieht Fitnessgeräte, Paul Hörbiger als Schönheitschirurg beim Rundgang durch seine überfüllte Praxis und Adele Sandrock als Vermieterin eines kahlen Zimmers, dessen Möbel per Knopfdruck aus der Wand fahren. Vergleichbaren Hightech-Schnickschnack gab es erst wieder bei James Bond.

Der fünfte Abschnitt zeigt Wienerisches, der sechste stellt Biografien von aus Deutschland verjagten Künstlern vor. In der begleitenden Filmretrospektive ist vorerst leider nur Bewährtes wie „Die Drei von der Tankstelle“ zu sehen – da sollte noch mehr kommen. Frank Noack

Bis 27. April im Filmmuseum Berlin, Potsdamer Str. 2

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