Fotoausstellung : Der Umweg ist das Ziel

C/O Berlin ehrt den Fotoreporter Thomas Hoepker mit einer Retrospektive.

Kai Müller
Thomas Hoepker Foto: Thomas Hoepker/MAGNUM Photos
Faible für Randfiguren. Die Aufnahme "Alte Dame auf einem Festwagen bei der Parade zum 4. Juli" entstand 1963 in San Francisco. -Foto: Thomas Hoepker/MAGNUM Photos

Das Bild, das ihm einen Platz im visuellen Gedächtnis der Gegenwart sichert, hat Thomas Hoepker spät gemacht. Es entstand zu einer Zeit, da dem heute 70-Jährigen das Schleppen der Ausrüstung schon schwerfiel und der Ehrgeiz, sich in Gefahr zu begeben, erlahmt war – was ein Grund dafür ist, warum Fotoreporter ihre besten Arbeiten meist in jungen Jahren abliefern. Das Bild zeigt eine Gruppe junger Menschen am Ufer des East River, sie unterhalten sich gelassen, während im Hintergrund eine Rauchsäule über den wolkenlosen Himmel weht. Die Asche des World Trade Centers.

Wie nebenbei zitiert dieses Zeugnis einer Schreckensstunde Brueghels „Sturz des Ikarus“, bei dem die Katastrophe ebenfalls an den Bildrand gedrängt wird und als Nebensache umso gespenstischer wirkt. Aber die Aufnahme sagt auch viel über die Schüchternheit Hoepkers, die dem einstigen Studenten der Kunstgeschichte und Archäologie die Dramen des Alltags festzuhalten erlaubte.

Die große Hoepker-Retrospektive, die nun mit 200 Bildern bei C/O Berlin zu sehen ist – zuvor wurde sie in Hoepkers Geburtsstadt München gezeigt –, zeigt nicht nur das opulente, fünf Jahrzehnte umspannende Lebenswerk eines Bildvirtuosen. Sondern auch, was sich auf der erdabgewandten Seite der Geschichte zuträgt. Denn Hoepker haben Schattenfiguren stets mehr interessiert als Lichtgestalten. Obwohl er oft genug im Scheinwerferlicht arbeitete. Er stand Pinochet gegenüber, als dieser die Macht in Chile an sich gerissen hatte, porträtierte politische Schwergewichte wie Adenauer und Brandt, kam dem Schah von Persien nahe. Als er 1966 Muhammad Ali begleitete, zog es den verheirateten Weltmeister immer wieder in eine Bäckerei, wo er mit einer Verkäuferin flirtete. Nicht mal Ali wusste, dass Belinda Boyd seine zweite Ehefrau werden würde. Hoepkers Foto aber verrät es.

Unter den deutschen Fotoreportern gilt er deshalb als „Künstler“. Ihm selbst behagte diese Bezeichnung nie. In einem Geschäft, in dem es um harte Fakten geht, werden Künstler als verzärtelte Außenseiter betrachtet, auf die man nicht zählen kann. So schauderte es ihn immer, wenn der mächtige „Stern“-Chef Henri Nannen ihn mit den Worten, „da kommt unser Künstler“ begrüßte. Er sei „ein Bilderfabrikant“, hält Hoepker dagegen.

Nannen aber wusste um den Einfluss der Bildjournalisten, wusste, dass ein gutes Foto tausend Worte ersetzt. Deshalb baute er in den sechziger Jahren mit Rolf Gillhausen eine starke Fotoredaktion auf und räumte Menschen wie Robert Lebeck, Stefan Moses, Max Scheler, Fred Ihrt und eben Hoepker lange Bildstrecken im Blatt frei für Geschichten, die die Fotografen oft ohne Auftrag anschleppten. Hoepker war in dieser Riege der stille Beobachter, „nicht so rau gebaut“ wie die Kollegen. Ein unsichtbarer Typ, dessen Gang etwas Schleichendes hat.

Als er 1976 mit seiner damaligen Frau Eva Windmöller als Fotokorrespondent in die DDR ging, kam ihm seine natürliche Distanz zugute. Ein „grauenhaftes, ärgerliches Dasein“ nennt der Augenmensch Hoepker heute diese Episode in einem Land, das ihm nur nichtssagende Fassaden zeigte. „Die DDR gab optisch einfach nichts her. Überall hat man die Bedrohung gespürt und gerochen. Aber die Privatsphäre der Menschen blieb mir verschlossen.“

Dass Hoepker 1986 die Seiten wechselte und Art-Director beim „Stern“ wurde, hatte mit dem Unbehagen zu tun, als Fotograf nie die Macht darüber zu haben, wie eine Geschichte schließlich „erzählt“ wurde. „Das Hauptproblem des Bildreporters ist, dass er eine halbfertige Ware abliefert“, sagt Hoepker. „Er kippt 300 Dias auf den Leuchttisch, und die Blattmacher rühren dann in dem Brei, um das Beste herauszupicken.“

Im Rückblick war Hoepkers Ära das goldene Zeitalter der Fotoreportage. Wenige Verlage sind heute bereit, mehrmonatige Recherchereisen zu bezahlen, wie Hoepker sie 1962 durch die USA unternahm, durch Äthiopien, durch Indien. Sie müssen es auch nicht. Die elektronische Verfügbarkeit von Bildern versetzt der Autorenfotografie den Todesstoß.

Eine ihrer letzten Bastionen ist die Magnum-Agentur. 1989 schloss sich der überzeugte „Auftragsfotograf“ Hoepker nach langer Umwerbungsphase und dem Ausscheiden aus „Stern“- und „Geo“-Diensten als erster Deutscher dem exklusiven Kreis unabhängiger Fotografen an. Da man den Deutschen für einen Manager hielt, wurde er prompt zum Präsidenten der Agentur gewählt – ein Posten, den Hoepker nun turnusgemäß abgibt.

Von Amts wegen weilte er am 11. September in New York, wo im Magnum- Büro eine Routinesitzung stattfand. Dann war die Sensation da, die Kollegen schwärmten aus, aber Hoepker hielt Distanz. Er fuhr mit dem Auto aus Manhattan heraus, hielt an einem Park in Williamsburg, machte ein Foto und fuhr weiter.

Dass Hoepker bei der Durchsicht seiner Negative zunächst das wichtigste übersah, passt zu ihm, der trotz seines milden Gemüts in der Fotografie „ein polarisierendes Medium“ sieht. Er hatte es nicht geschafft, die Untergangsstimmung einzufangen. „Es ist das Gegenteil von einem Schockbild.“ Der Umweg ist das Ziel.

Thomas Hoepker, Retrospektive, bis 23. September in der Galerie C/O Berlin im Postfuhramt (Oranienburger/Tucholskystraße, Mitte), Mo.–So. 11–20 Uhr.

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