Fotografie : Alles im Fluss

Hommage an einen begnadeten Foto-Lehrer: Eine Ausstellung im Berliner Gropius-Bau würdigt die Arbeit von Dirk Reinartz und seiner Schüler.

Jens Hinrichsen
Bismarck
Eisern: Reinartz' "Bismarck, Goslar, 1989". -Foto: Dirk Reinartz/Courtesy Galerie m Bochum

Vieles lässt sich über Reaktorsicherheit sagen , dem deutschen Angst-Thema dieses Nachrichtensommers. Die Studenten in der Fotoklasse von Dirk Reinartz an der Kieler Muthesius-Hochschule haben diesem Thema mit der Kamera nachgespürt. Thies Rätzke widmete seine Diplomarbeit, einen Fotoessay, dem „Kontrollbereich“ im Kernkraftwerk Brokdorf: innerster Sicherheitsbereich, dort, wo man sonst nie hinkommt. Auch der Fotograf wurde bei der Arbeit verstrahlt. Und hat Verblüffendes zutage gefördert: einen druckluftgeblähten SuperheldenAnzug, in dem ein schwitzender Kernkraftarbeiter steckt. Ein bedrohliches Atemmasken-Testgerät hingegen sieht aus wie die Fratze in Edward Munchs berühmtem Gemälde „Der Schrei“.

Alles andere ist tatsächlich „Stille“: Der Ausstellungstitel passt gleich mehrfach für eine Schau, die sowohl die besten Schüler des passionierten Fotografen Dirk Reinartz präsentiert wie den Meister selbst würdigt, der 2004 im Alter von 56 Jahren starb. Reinartz war Schüler des legendären Otto Steinert, arbeitete als Reportagefotograf für „Stern“ und „Zeit Magazin“. Von den Scharfschützen der Zunft hob er sich wohltuend ab – der Blick aufs Randgeschehen, die leisen Momente prägen seine Serien: Als Flaneur mischte er sich unter New Yorker Passanten (1974), seine Reportage aus einem heruntergekommenen Hamburger Hochhaus (1980) zeigt nur Spuren menschlicher Anwesenheit: Nichts als Gespenster.

Fotografien aus beiden Serien sind im Gropius-Bau denen seiner Schüler gegenübergestellt – wie auch Beispiele aus den Zyklen „Kein schöner Land“ (1989) und „Innere Angelegenheiten“ (2003). „Reinartz hätte seinen eigenen Arbeiten sicher nicht so viel Platz eingeräumt“, sagt der Kurator Matthias Harder von der Helmut Newton Stiftung, der das nach dem plötzlichen Tod des Fotografen liegengebliebene Ausstellungsprojekt gemeinsam mit der Fotoredakteurin Christiane Gehner nun wieder aufnahm.

Ob man nun die stimmungsschwankende Selbstporträt-Sequenz von Heike Marie Krause nimmt oder Susanne Ludwigs Studien des Verfalls in einer verlassenen Stahlfabrik, Ralf Meyers Serie der Nachnutzung von Nazibauten oder Christoph Edelhoffs suggestiv fotografierten Computerschrott – vom Bildmaterial her funktioniert der Lehrer-Schüler-Dialog, weil das Fundament deutlich wird: Die „Reinartz-Schule“ lehnt das Dogma vom „entscheidenden Augenblick“ ab, setzt auf den Fluss der Serie statt auf die perfekt eingefrorene Momentaufnahme.

Kleine bis mittlere Formate entsprechen dieser Haltung – im Gegensatz zu den Monumentalformaten etwa eines Andreas Gursky. Am Kleinen, Feinen scheitert allerdings das dialogische Ausstellungskonzept im zentralen der vier Räume: Im quadratischen Riesensaal wird Serie an Serie gereiht, grelles Deckenlicht gibt der Präsentation den Rest. Ein Stockwerk tiefer im Haus lässt sich bei Cindy Sherman erleben, was kluge (aber teure) Lichtregie vermag.

Holger Stöhrmanns Reportage „Anonym“ (2003 – 2004) ist mit einigen Kollegen im Korridor platziert. Bei ihm spielt das Licht eine entscheidende Rolle, er fotografiert verlassene Orte, an denen sich sonst wildfremde Menschen zum Sex treffen. Bilder, die zwischen Trostlosigkeit und seltsamer Romantik oszillieren. Martin Lebioda führt die Street Photography seines Lehrers weiter, indem er in seinen Bilder-Patchworks Straßenszenen aus Bombay oder Kabul situationistisch kombiniert und ein undramatisches, gelassenes Unterwegssein vermittelt: AntiElendsfotografie. Nichts ist sicher, alles ist im Fluss. Aber die Sonne strahlt.

Martin-Gropius-Bau, bis 10. 9., Mo-So 10-20 Uhr, Katalog 25 Euro

0 Kommentare

Neuester Kommentar