Fotografie : Auf Demontage

Der Berliner Martin-Gropius-Bau würdigt Alexander Rodtschenko. Der sowjetische Fotograf zählt zu den bedeutendsten Kamerakünstlern des 20. Jahrhunderts.

Bernhard Schulz
Brik
Lilja Brik macht Reklame für Bücher.; Collage von 1924. -Foto: Katalog

Ein Fluss strömt durch die karelischen Wälder, liebevoll handkoloriert; ein Bild des Friedens. Es beschließt die Ausstellung von Alexander Rodtschenko, die heute Abend im Martin-Gropius-Bau eröffnet wird, und die dem Fotografen, Fotomonteur und Gestalter gewidmet ist. Rodtschenko (1891–1956) ist nicht nur einer der großen der sowjetischen Fotografie, er zählt überhaupt zu den bedeutendsten Kamerakünstlern des 20. Jahrhunderts. Und gerade weil er sich stets als politischen Künstler verstand, ist das Politische von seiner Arbeit nie zu trennen; nicht nur da, wo es seinen Intentionen entsprach, sondern auch dort, wo er zu Zugeständnissen sich zwingen ließ.

Die karelischen Bildmotive von 1933 sind ein solches Zugeständnis. Denn die unberührte Wildnis des Nordens wurde in jenem Jahr vom Bau des Bjelomor-Kanals, des Weißmeer-Ostsee-Kanals erschüttert, einer der gewaltigen Stalinschen Baumaßnahmen, die nicht nur den hypertrophen Traum von der Formbarkeit der Natur verwirklichen sollten, sondern ganz profan durch den Einsatz von Gulag-Häftlingen bewerkstelligt wurden. Rodtschenko hat die Zwangsarbeiter fotografiert. Er musste.

1933 stand Rodtschenko längst unter der Beobachtung der Ideologen des „Sozialistischen Realismus“. Als „Formalist“ hatte er sich in den wenn schon nicht gänzlich unbeschwerten, so doch unvergleichlich freieren Jahren zuvor hinlänglich zu erkennen gegeben. Nun arbeitete er für die Propagandazeitschrift „SSSR na strojke“, die auch in einer deutschen Ausgabe unter dem Titel „USSR im Aufbau“ erschien und vom allseitigen Sieg des Sozialismus kündete. Die entsprechende Ausgabe mit dem Weißmeer-Kanal wird in der Ausstellung nicht gezeigt; unverständlich eigentlich. Stattdessen ist nur ein einziges, spätes Exemplar der Zeitschrift ausgestellt, für das Rodtschenko Fotos vom Zirkus lieferte, unscharf und mit Glanzlichtern übersät; ein melancholischer Abgesang auf die Reportagefotografie, in der er so großartige Leistungen vollbrachte.

Ja, die vom Moskauer Haus der Fotografie übernommene Wanderausstellung ist nicht ohne Tücken. Den ganzen Rodtschenko präsentiert sie nicht. Sie zeigt in ihrem besten Raum die bekannten Portraits, die er von seinen Dichter- und Künstlerfreunden anfertigte, von Sergej Tretjakow, von Lilja Brik und immer wieder vom markanten, stets wie zum Sprung bereiten Wladimir Majakowski. Der Frühstückstisch, an dem Majakowski mit aufgekrempelten Hemdsärmeln sitzt, seine Freunde um ihn herum, vor allem Rodtschenkos gleichermaßen kreative (und in dieser Ausstellung wieder einmal sträflich vernachlässigte) Ehefrau Warwara Stepanowa, dazu die eben mal verkorkte Flasche in der Mitte: Da spürt man hautnah die hitzigen Diskussionen, die sich die Enthusiasten der Revolution um die Zeitschrift „Lef“ („Linke Front“) lieferten, als noch nicht alles unter der Diktatur Stalins zertreten war.

Und dann doch, ganz gegen die ohnehin nicht strikte Chronologie des Ausstellungsrundgangs, eine wenig bekannte Serie, zu der Rodtschenko nicht die (belanglosen) Fotografien, sondern die parteifromme Gestaltung geliefert hat, von Rotarmisten mitsamt Volkskommissar (und Stalin-Spezi) Kliment Woroschilow. Die Serie fehlt im Katalog, der besser und umfangreicher ist als die Ausstellung selbst. In ihm sind alle Ikonen abgebildet, die sich mit dem Namen Rodtschenkos verbinden, vor allem die zahllosen Alltagsbilder, mit denen der Fotograf gegen die verhasste „Bauchnabelperspektive“ zu Felde zog. Stattdessen probierte er als „die interessantesten Blickwinkel die von oben nach unten und von unten nach oben und ihre Diagonalen“ aus, vom Balkon des Hauses an der Mjatznitzkaja-Straße über den Theaterplatz bis zum Hof der Kunstschule „Wchutemas“. Das Ginsburg-Gebäude, als das es in der Ausstellung beschildert wird, ist im übrigen das seit Jahren in ruinösem Zustand befindliche Narkomfin-Haus des zum „Lef“-Kreis zählenden Moisej (nicht, wie im Katalog: Marc!) Ginsburg; Nachlässigkeiten, gewiss, doch dem Gropius-Bau unwürdig.

Immerhin kann man die berühmten Fotomontagen aus der Nähe betrachten; mit ihren bescheidenen PappEinklebungen, wie die Moskau-New -Yorker-Collage für Majakowskis Poem „Pro eto“ („Darüber“) von 1923, oder die Umschlaggestaltungen wie jene wunderbare Arbeit mit dem blauen „Lef“-Schriftzug als Straßenschild von 1927. Bescheiden gedruckte Zeitschriftenumschläge ergänzen die Auswahl, gestaltet aus Schwarz-WeißFotografien mit ein bisschen Farbe drumherum. Und immer wieder das „Mosselprom“-Gebäude als einer der wenigen Avantgarde-Bauten der Zeit oder die Elektrozentrale „Moges“, die noch heute ihren Dienst tut, oder das mit Schriftbannern übersäte Haus der „Iswestija“.

Schöne Fotos, liebgewordene Bekannte, Ikonen der Fotografiegeschichte; aber eben doch nicht all das, was man hätte zeigen können und zeigen müssen und was die unübertroffene Retrospektive des New Yorker Museum of Modern Art 1998 schon einmal zusammengetragen hatte.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, bis 18. Oktober; Katalog bei Nicolai, 224 Seiten, 30 €, im Buchhandel 39,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar