Fotografie : Bauplan des Lebens

Schinkel, Persius, Stüler hießen Preußens Stararchitekten. Hillert Ibbeken fotografiert ihr Erbe. Er hat sein Handwerk erst nach seiner Pensionierung erlernt und es dennoch zu einer erstaunlichen Meisterschaft gebracht.

Michael Zajonz
Hillert_Ibbeken Foto: Thilo Rückeis
Kühles Auge. Hillert Ibbeken dokumentiert die schlichte Schönheit von Preußens Klassizismus. -Foto: Thilo Rückeis

Als der andere Fotograf, der, der ihn, den Fotografen, fotografieren soll, erscheint, kommt es zum fliegenden Ballwechsel. Wie bei einem Tennismatch. Brennweiten, Filmtypen, Größe und Gewicht von Kameras und Stativen – all die kleinen, entscheidenden Dinge, mit denen sich Fotografen von Anspruch beschäftigen und manchmal auch abplagen müssen. Elegant pariert Hillert Ibbeken Fragen und Einwürfe. Er zeigt stolz seine Dunkelkammer, schließt schließlich die Garage auf, um den selbst gebauten, luftbereiften Kamerawagen vorzuführen: ein graugrün lackiertes Gebrauchsmöbel für die 35 Kilogramm schwere Ausrüstung rund um seine Großformatkamera, Typ Linhof Kardan Bi, Baujahr 1962.

Hillert Ibbeken: ein Nordlicht, 1935 in Berlin geboren. Professor für Geologie a. D. steht auf seiner Visitenkarte. Und Architekturfotograf. Ihn Amateur zu nennen, bloß weil er erst nach der Pensionierung mit dem Fotografieren richtig losgelegt hat, verbietet sich mit Blick auf die Ergebnisse. Ibbeken komponiert seine Bilder auf klassische Art, selbst wenn der hochgewachsene 72-Jährige inzwischen immer häufiger zur handlicheren Digitalkamera greift. In einem selbst verfassten Text hat er einmal das umständliche, kraftraubende Procedere mit der Linhof beschrieben.

Ibbekens bevorzugtes Thema ist Baukunst, besonders die von Preußens großen Klassizisten Karl Friedrich Schinkel, Ludwig Persius, Friedrich August Stüler. Man kann das konservativ schelten. Doch Ibbekens Fotokunst entfaltet sich jenseits solcher Kategorien. Im Roten Saal von Schinkels Bauakademie, dem ersten und vorerst einzigen wiederaufgebauten Innenraum des künftigen Berliner Architekturmuseums, zeigt er nun über 50 Schwarz-Weiß-Aufnahmen: prominente und völlig unbekannte Bauten des Architekten-Trios. Selten hat man ein vergleichbares Kondensat räumlicher Schönheit in formal so zurückgenommenen Bildern gesehen.

42.000 Kilometer mit einem alten Passat

Der Fotograf lässt den Bauten ihre Würde, ganz gleich, wie vorbildlich restauriert oder verfallen sie sind. Um sie auf die postkartengroßen Negative zu bannen, hat Ibbeken – meist in Begleitung seiner Frau – zwischen 1998 und 2005 mit einem alten VW Passat 42.000 Kilometer zurückgelegt. Die Flüge nach Stockholm zu Stülers fantastischem Kunstmuseum und nach St. Petersburg für Schinkels zuckerbäckerhafte Alexander-Newsky-Kapelle nicht eingerechnet. Wer das auf sich nimmt, muss eine Mission haben. So steckt denn in Ibbeken auch die unruhige Seele eines Sammlers. Er hat (fast) alles fotografiert, was noch steht von den drei großen klassizistischen Architekten Preußens. Drei opulente, in der Edition Axel Menges publizierte Bildbände zeigen das „architektonische Werk heute“ – insgesamt 780 Aufnahmen.

Wie es dazu kam? Die Anekdote, die Ibbeken erzählt, klingt eher prosaisch. Im Weihnachtsurlaub in Italien wäre ihm das Schinkel-Büchlein von Heinz Ohff, dem langjährigen Tagesspiegel-Feuilletonchef, in die Hände gefallen. Auf dem Bett lesend hätte den Fotografen spontan die Gewissheit erfasst: „Das machst du.“ Was er damals noch nicht wusste: Der Staatsarchitekt Schinkel hat nicht nur in Berlin und Potsdam gebaut, sondern besonders viel in den preußischen Provinzen – vom Rheinland bis ins heutige Polen. Auf Polen lässt Ibbeken nichts kommen. Die dort zahlreich erhaltenen Kirchenbauten Schinkels und Stülers, oft in kleinen, entlegenen Dörfern, werden inzwischen von katholischen Gemeinden genutzt und gepflegt. Deutlich schlechter erhalten seien noch Ende der neunziger Jahre viele Baudenkmale in der ehemaligen DDR gewesen.

Ibbekens Architekturfotografie versucht, etwas über die Disposition und Struktur dreidimensionaler Gebilde mitzuteilen. Hätte er das Talent seines Großvaters geerbt, des Malers Hans von Volkmann, wäre er sicher wie dieser beim Realismus geblieben. Ibbeken sagt: „Es geht mir um das Bauwerk selbst, nicht um seine Inszenierung. Ein Kirchturm durch ein Portal hindurch fotografiert, ein Brunnen davor – das vermeide ich peinlich.“

Fotografie interessierte ihn schon immer

Der Künstler als Urpreuße. Und als Serientäter. Ohne „Projekt“ zur Linderung seines „Fotografierticks“ geht es für ihn nicht. Als Geologieprofessor an der Freien Universität drehte er wissenschaftliche Filme. Als Pensionär fotografiert er mittelalterliche Dorfkirchen im Fläming oder die Ornamente am und im Schloss Sanssouci. Macht er ein Buch, bemüht er sich um Essays von Spezialisten – selbst wenn er selbst gern schreibt. Dass er nicht auf heimische Gefilde abonniert ist, zeigt sein Fotoband mit Ansichten aus Kalifornien, die bereits 1980/81 während eines Forschungsaufenthaltes entstanden sind. Oder Aufnahmen aus dem ländlichen Ligurien, die die heimischen Wände schmücken. Zurzeit arbeitet Ibbeken an einer Serie über Kunst und Architektur der Weser-Renaissance: teils in Schwarz-Weiß mit der analogen Großformatkamera, teils digital und in Farbe. Und an einer Porträtserie, in der alle Lebensalter vom Säugling bis zum Moribunden vertreten sein werden.

Ein Gesicht ist wie eine Landschaft oder ein Haus, findet Ibbeken. Nur wenige Bauelemente – und keines gleicht dem anderen. Dem Bauplan des Lebens auf die Spur kommen, ist auch Ibbekens Traum. So fotografiert er begeistert Fossilien, als Hommage an den Pflanzen-Fotografen Karl Blossfeldt. Die Versteinerungen auf Ibbeken-Fotos wirken verblüffend lebendig. Die Werke der großen Versteinerungskünstler Schinkel, Persius und Stüler erst recht.

Ausstellung „Schinkel, Persius und Stüler. Das architektonische Werk heute“ im Roten Saal der Bauakademie, Werderscher Markt, bis 13. 10., Katalogheft 5 Euro.

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