Fotografie : Das leere Haus

Auf der Suche nach dem Weltgeist: Fotos von Nina Fischer und Maroan el Sani bei Eigen + Art. Große Hallen erzählen von großen oder größenwahnsinnigen Plänen.

Claudia Wahjudi

Die alte Nationalbibliothek in Paris, der Palast der Republik, das Rundfunkgebäude in der Berliner Nalepastraße und zuletzt die Zentrale der Kommunistischen Partei Frankreichs mit ihrem riesigen Kuppelsaal, die Oscar Niemeyer entworfen hatte: Nina Fischer und Maroan el Sani haben in den vergangenen Jahren Hallen fotografiert und gefilmt, die von großen oder größenwahnsinnigen Plänen erzählen, die Welt in den Griff zu bekommen und notfalls neu zu erfinden.

In der Galerie Eigen + Art hängen nun zehn neue Farbfotografien, die das Berliner Künstlerpaar während eines Amsterdam-Stipendiums aufgenommen hat: Die Serie „A space former known as a museum“ zeigt Säle des Stedelijk Museums (C-Prints, Auflage: 3, je 7000 Euro). Seine Wände sind nackt bis auf die beschädigten Putz- und Farbschichten – die Sammlung mit Werken aus Moderne und Gegenwart fehlt, das Stedelijk wird derzeit umgebaut. Groß ist auch dieses Haus, doch fehlt ihm das ganz Große, das Utopische, das die Gebäude der vorangegangenen Arbeiten von Fischer und el Sani auszeichnet. Durch das nackte Stedelijk weht nur noch ein müder Nachklang Hegel’schen Weltgeistes. Akkurat und strebsam wirkt das Haus mit den sorgfältig verschraubten Bodenplatten, den vielen Ausbesserungen und Bohrlöchern im Putz, mit Oberlichtern, die an frühe Fabriken erinnern, und Saalfluchten, die an Paläste denken lassen – kurz: irgendwie sehr bürgerlich dank all der Zeichen von Fleiß und Aufstiegswillen, die Fischer und el Sani mit der Großbildkamera gestochen scharf herausgearbeitet haben.

Das Museumsporträt passt zu dem neuen Film, den Fischer und el Sani, seit März Professoren an der Universität von Sapporo, Anfang Juli im Arsenal aufführten. „The Rise“ zeigt einen Mann im dunklen Mantel, der an der Außenwand eines noch leer stehenden Büroturms eine schmale Nottreppe emporeilt, hoch hinaus über die Schwindel erregenden Baustellenschluchten eines neuen Gewerbeviertels, allein in Nacht und Schnee, verängstigt und entschlossen zugleich, nur, um auf dem Dach festzustellen, dass sich der Aufstieg womöglich gar nicht gelohnt hat (12 DVDs, je 2000 Euro).

Die drastische Parabel zählt nicht zu den stärksten Arbeiten von Fischer und el Sani. Ihr ungewohnter Fokus auf eine Hauptfigur und die nahezu lineare Erzählung lassen kaum Raum für Interpretationen. Ganz anders die Stedelijk-Serie. Hier entlarvt das milde Licht das Museum genauso als spätbürgerliches Repräsentationsstück, wie es dessen Inneres zu Kunst verklärt – zu einer einzigen großen Rauminstallation. Und kneift man die Augen ein wenig zusammen, dann sehen die aufgebohrten und mit Putz betupften Mauern fast so aus, als hätte mal ein Olaf Metzel, mal ein Niele Toroni die Wände bearbeitet.

Auguststr. 26, bis 25. August, Dienstag bis Sonnabend 11-18 Uhr

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