Fotografie : Glaubenssache

Kirchen zu Moscheen: Fotografien von Johanna Diehl in der Galerie Tolksdorf.

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Porzellanwaschbecken stapeln sich in einer Ecke, daneben eine weiße Schleiflack-Kommode mit einem Wasserspender aus Plastik. Der Fußboden ist mit dicken Teppichen ausgelegt. Kreppstreifen markieren die Gebetsrichtung Mekka. Eher nachlässig haben Muslime im Norden Zyperns eine griechisch-orthodoxe Kirche zur Moschee umfunktioniert. Haben die dunklen Wände weiß gestrichen, die Kanzel für den Imam aufgebaut, eine Gebetsnische auf die Wand gemalt. Weil die christlichen Kirchen nicht nach Mekka ausgerichtet sind, nutzen die Betenden die Architektur gegen den Strich.

Die Fotografin Johanna Diehl hat während eines Daad-Stipendiums auf Zypern verlassene Kirchen besucht und solche, die zu Moscheen umgewandelt wurden. Steinerne Zeugen für die Umsiedlung der Bevölkerung nach der türkischen Besetzung Nordzyperns 1974. Bis heute erinnern auf der ganzen Insel verlassene Höfe und Gotteshäuser an die Teilung.

„Displace“ heißt ihre Ausstellung in der Galerie Wilma Tolksdorf. Die 33-Jährige hat in Leipzig bei Timm Rautert studiert und ist Meisterschülerin bei Tina Bara. Sie interessiert sich in ihrer Fotografie für die Spuren des Abwesenden. In einer frühen Schwarz-Weiß-Serie hat sie die Zimmer von Verstorbenen festgehalten: die Frisierkommode, den Morgenmantel, die Leselupe. Gegenstände, an denen die Körperabdrücke der Toten haften. „Gefrorene Räume“ heißen diese Blicke auf ein Leben, das bereits zu Ende ist.

Für ihre Serie aus Zypern schält sie mit der Großbildkamera die Spuren der Vergangenheit aus der Gegenwart. In ungerührten Totalen vom Inneren der Gotteshäuser sucht sie nach Anhaltspunkten für den menschlichen Glauben. Mitunter wirken diese Bilder von zerstörten Kirchen in ihren gedämpften Pastelltönen wie die Aufnahmen einer Kriminalistin vom Tatort. Das Holzgestühl ist umgekippt, auf dem Boden häuft sich Taubendreck, die Gesichter der Fresken sind zerkratzt. Ein bisschen spooky erscheinen diese gottverlassenen Orte in den lakonischen Großformaten (4500 Euro). Die Menschen sind nur durch ihre Zerstörungsakte präsent. Wurden die Kirchen zu Moscheen umgewandelt, lugt hinter der islamischen Einrichtung noch immer das christliche Bauwerk hervor: das Gewölbe, die Empore für den Chor, die traditionelle Gliederung in Schiffe. Eine Serie mit kleineren Formaten zeigt die Kanzeln in den Moscheen (je 1400 Euro). Die hölzernen Treppen mit dem überdachten Türmchen stehen in der Regel neben der Gebetsnische. Der Imam predigt von der zweiten Stufe, der obere Teil ist dem Propheten vorbehalten. In den schlichten Holzkonstruktionen ist also die Vorstellung von Mohammed präsent.

Die Bilder zeigen keine Menschen, sie führen die Absurdität des Menschenkampfes vor Augen. Die Christen schicken ihre Gebete zum Himmel, die Muslime verbeugen sich nach Mekka. Um in ihren Gotteshäusern Nächstenliebe zu predigen, vertreiben sie sich gegenseitig. Gewalt und Glaube – die Fotos von Johanna Diehl belegen die Widersprüche der Religionen.

Galerie Wilma Tolksdorf, Zimmerstr. 88; 5. - 21.April, Di-Sa 11-18 Uhr.

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