Fotografie : Ikonen des Protests

Heiliger Dutschke: Michael Ruetz’ 68er-Fotos in der Berliner Akademie der Künste.

Bernhard Schulz
Polizist
Verkappt. Ein Polizist verbirgt sein Gesicht bei einem Protest an der FU 1967. -Foto: Ruetz

Fotografie als Zeitgenossenschaft hat zur Voraussetzung, den richtigen Moment zu erkennen, ja zu erspüren. Nur so entstehen aus beliebigen Aufnahmen Bilder, oder um mit dem griechischen Begriff zu sprechen: Ikonen.

Die Fotografien von Michael Ruetz sind die Ikonen der 68er-Zeit. Sie waren es von Anfang an. Es gibt keine anderen Zeitdokumente, die ihnen an Gehalt, an Verdichtung und Beispielhaftigkeit gleichkommen. Das liegt nur vordergründig daran, dass Ruetz – Jahrgang 1940 – als Teilnehmer dabei war und dadurch zu Blickwinkeln kam, die den bei den Studenten verhassten Zeitungsreportern verschlossen blieben. Ruetz konnte ungehindert auf Vollversammlungen und in Demonstrationszügen fotografieren, ohne als Polizeispitzel verdächtigt zu werden.

Doch das ist nur die eine Seite. Die andere ist sein stupendes Vermögen, den richtigen Augenblick zu erkennen und zu einem Bild zu verdichten. Rudi Dutschke mit der Aura, die ein Scheinwerfer seinem Kopf spendet; der verängstigte Polizist, der die Hände vor dem Gesicht zusammenschlägt, um nicht erkannt zu werden; Fritz Teufel und Rainer Langhans als Bohemiens auf einem Tisch – das sind Bilder, in denen die 68er-Zeit geronnen ist und in die kollektive Erinnerung Eingang fand. Die Akademie der Künste stellt von heute an einen Querschnitt durch Ruetz’ Werk des Jahrzehnts um 1968 vor, sorgsam und würdevoll präsentiert und begleitet von einem ebensolchen Katalogbuch des renommierten Verlagshauses Steidl.

Die Ausstellung am Pariser Platz bildet Auftakt und verbindende Klammer des Akademie-Programms „Kunst und Revolte. Das künstlerische Erbe von ’68“, das eine Fülle von Diskussionsveranstaltungen und „Langen Nächten“ umfasst. Die Akademie, so ihr Präsident (und Zeitzeuge) Klaus Staeck bei der gestrigen Präsentation, vereine in ihrer Mitgliedschaft „Veteranen und solche, die damit gar nichts zu tun hatten“; das Programm sei darauf gerichtet, „möglichst viele einzubeziehen, die damals beteiligt waren“.

„Ich bin kein 68er“, erklärte Staeck, und Michael Ruetz – im Freizeithabit eines gutsituierten Pensionärs – folgte ihm mit denselben Worten. „68“ wirke auf ihn „wie ein Witz, den ich zu oft erzählen musste“. Es wurmt Ruetz, immer auf die 68er-Bilder von Vietnam-Demos, überfüllten Hörsälen und stockschlagenden Polizisten angesprochen zu werden, „so dass man nicht wahrnehmen musste, was ich danach gemacht habe“. Danach – das sind Bilder aus dem Portugal der „Nelkenrevolution“ von 1975, aus dem Afrika der Entkolonialisierung, aber auch vom „schwarzen Riesen“ Helmut Kohl, den er 1970 vor der Kulisse von Mainz inszenierte. Da arbeitete Ruetz als „Stern“-Fotograf, und seine aus Zufall und Eingebung gewonnene Ästhetik der Studententage verflacht – man muss es so sagen – zur Reporterroutine. Ein Bild wie das des Demonstrantenhäufleins gegen den Fluglärm im Hunsrück vom Juli 1969, das sich auf der regennassen Landstraße spiegelt – ein solches Bild mit der Ikonografie des Bauernkriegs kann keine Routine herbeizaubern. Wie genau Ruetz hinzuschauen vermag, zeigen seine Bilder aus der DDR, als Pendant zu den 68er-Ikonen: den Alltag eines Staates, dessen unvermeidliches Ende schon damals jedermann ins Auge hätte springen müssen, wenn sich nur irgendwer für das „andere“ Deutschland interessiert hätte. Die West-Studenten jedenfalls nicht: Sie sammelten für den Vietcong und schwenkten dessen Fahnen, glaubten in den Notstandsgesetzen „den Faschismus“ wiederzuerkennen und schrieben „Studium ist Opium“ an die Tafeln der Hörsäle.

Was wissen wir heute noch von den Ereignissen dieser Zeit? Schon der beherrschende Begriff „Apo“, „Außerparlamentarische Opposition“, ist in Vergessenheit geraten. Ruetz’ Bilder werden in der Akademie als Bilder präsentiert, als Kunstwerke, wie ihr Autor sie heute verstanden wissen will. So bleibt es dem Sammeleifer Klaus Staecks vorbehalten, mit einem im Eingangssaal ausgebreiteten Ausschnitt aus seiner Sammlung von Flugblättern, Druckschriften und Plakaten das Klima der Zeit wachzurufen. Freilich blickte Staeck stets auf die kulturelle Seite, nicht auf die politische oder auch nur scheinpolitische. So vermitteln Ausstellung und Begleitbuch, alles in allem, das Bild einer Kulturrevolution westdeutscher Bürgerkinder, in denen der politische Anspruch nur als Folklore auftaucht. Oder eben als Heiligenschein, der den Kopf des charismatischen DDR- Übersiedlers Rudi Dutschke umflort.

Akademie der Künste, Pariser Platz 4, bis 27. Juli. Katalog bei Steidl, in Ausstellung und Buchhandel 40 €. – Veranstaltungsprogramm unter www.adk.de.

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