Fotografie : Menschen und Masken

Wiederentdeckung: Eine Ausstellung feiert Frieda Riess, die große Porträtfotografin der Weimarer Republik.

Eva Kalwa
Asta_Nielsen
1925 fotografierte Riess die Filmdiva Asta Nielsen -Foto: Ullstein

Den Kopf zur Seite gedreht, die Hände in den Taschen verborgen, vermeidet er jeden Blickkontakt. Nur ein kaum wahrnehmbares Lächeln umspielt seine Lippen. Liegt in Gottfried Benns Pose des Selbstschutzes gegenüber der Kamera ein Hauch Ironie? Das lange Zeit unbeachtet im Deutschen Literaturarchiv Marbach verwahrte Porträt des Schriftstellers entstand 1924 in einem Atelier am Kurfürstendamm. Fotografiert hat es Frieda Riess, „die Riess“, wie die erfolgreiche Porträtfotografin von ihren Zeitgenossen respektvoll genannt wurde.

Über Jahrzehnte war die in den zwanziger Jahren berühmte und von der Presse gefeierte Berliner Gesellschaftsfotografin so gut wie vergessen. Nun gibt eine Retrospektive, die der Verein „Das Verborgene Museum“ in der Berlinischen Galerie zeigt, auf der Grundlage von rund 300 wiederentdeckten Presseabzügen und einigen Zeitdokumenten erstmals Einblick in Leben und Werk der Künstlerin. Über ihr Leben sind nur Bruchstücke bekannt: 1890 im polnischen Carnkov geboren, kam die Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie in jungen Jahren nach Berlin. Sie besuchte die Fotografische Lehranstalt des Lette-Vereins und eröffnete 1918 ein Atelier am Kurfürstendamm 14/15.

Schauspieler, Tänzer, Schriftsteller, Künstler und Boxer gehen hier genauso ein und aus wie Diplomaten, Aristokraten, Bankiers und Politiker. Man trifft sich zu Abendgesellschaften, die für ihre erotisch aufgeladene Atmosphäre im Chambre Separée bekannt sind. Bei diesen „Einladungen zum Tee“ präsentiert Riess Aufnahmen von ihren Reisen nach Frankreich, England und Italien. Dazu zählt ein Porträt von Benito Mussolini, dem die sich stets unpolitisch gebende Riess attestiert, „der bedeutendste Mensch“ zu sein, dem sie je begegnet sei.

Die Riess ist ehrgeizig und beherrscht die Kunst der Selbstvermarktung. Im Berlin der Weimarer Republik boomt der Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt, sie arbeitet für die illustrierten Wochenbeilagen des „Berliner Tageblatts“ und der „Vossischen Zeitung“ und Magazine wie „Der Querschnitt“, „Uhu“ oder „Koralle“. Porträts sind gefragt, die Leser wollen sich ein Bild machen von den Berühmtheiten der Stunde. Die Riess liefert diese Bilder, oft arbeitet sie auch im Auftrag der Porträtierten. Drei Jahre lang, von 1919 bis 1922, ist sie mit dem Schriftsteller, Lektor und Kommunisten Rudolf Leonhard verheiratet, er nennt sie wegen ihrer Wandlungsfähigkeit „Eidechse“. Die Ehe öffnet der Riess Türen, sie porträtiert Gerhart Hauptmann, Claire Goll, Emil Jannings, Leni und Ernst Lubitsch, Marc Chagall und Asta Nielsen.

Mit Gottfried Benn verbindet Frieda Riess eine Liebschaft. Bei der Vorbereitung der Ausstellung entdeckten die Kuratoren ein bisher in allen Werkausgaben fehlendes Widmungsgedicht Benns an die Fotografin, eine kleine literarische Sensation. Das Gedicht ohne Titel befindet sich im Katalog zu einer Einzelausstellung im Jahr 1925, es ist Benns einzige Auseinandersetzung mit dem Medium der Porträtfotografie. Benn war wenig begeistert von den Möglichkeiten der Fotografie, er drückt seine ganze Skepsis gegenüber der Authentizität einer Kunst aus, die vorgäbe, „auf die Platten die Iche“ zu bannen und nur „Masken im Zwange“ zeige, ohne „das eine Gesicht“, das wahre Ich, abbilden zu können.

„Tuschend mit Hilfe des Lichts“, so skizziert der Dichter die besondere Arbeitsweise der Fotografin. Die Riess ist keine Avantgardistin, nie geht sie so weit, mit dem vorherrschenden Kundengeschmack und den ästhetischen Konventionen ihrer Zeit zu brechen, die das Malerische und die Wirklichkeitsnähe eines Porträtfotos verlangen. Die Experimente der künstlerischen Moderne, speziell der Ausdruckswille des Expressionismus beeinflussen sie dennoch, und der „fromme Tanz“ (Klaus Mann) der Berliner Bohème scheint auf ihren Fotografien wie in einer Atempause eingefangen.

Riess akzentuiert physiognomische Besonderheiten, retuschiert Hintergründe, drapiert Kleidung und Accessoires. Sie lässt Augen kokett oder schwermütig und Hände selbstbewusst oder sinnlich sprechen. Oft schwingen, wie in den Aufnahmen von Tänzerinnen, den wenigen Aktfotos von Box-Sportlern und einem Selbstbildnis mit Papagei, erotische Konnotationen mit. Sie nutzt Körperdrehungen, Unter- und Aufsichten und die Betonung der Diagonale, um Individualität und Emotionalität auszudrücken. Enthusiastisch schrieb der Dichter Max Hermann-Neiße über sein Porträt, das ihn als kritischen Denker feiert: „Wer dies Bild sah, wird mich erkennen. Und so voll Erkenntnis sind fast alle Porträtphotos der Riess.“

Im Dezember 1925 versammelt eine Ausstellung in der Galerie des Berliner Kunsthändlers Alfred Flechtheim fast 200 ihrer Porträts, ein Triumph. Flechtheim schwärmt: „Ich habe die Riess um eine Ausstellung ihrer Photographien gebeten, weil sie mit Objektiv und Gummiball Kunst macht.“ Mit dem Gummiball, muss man wissen, wird damals der Auslöser an den Plattenkameras betätigt. 1932 zieht Riess nach Paris, vermutlich folgt sie ihrem Geliebten, dem französischen Botschafter Pierre de Margerie. Ihre Spuren verlieren sich. Sie tritt als Fotografin nicht mehr in Erscheinung, wie sie die deutsche Besatzung überlebt, ist unbekannt. Frieda Riess stirbt Mitte der fünfziger Jahre, vermutlich in Paris. Ihr Nachlass gilt als verschollen.

Die Riess, Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128 (Kreuzberg). Di bis So 10-18 Uhr.

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