Fotografie : Zionisten, Künstler, Konsumisten

Vier Generationen Israel: Die Fotografin Vardi Kahana zeigt in der Akademie der Künste das beeindruckende Porträt ihrer Familie.

Thomas Lackmann

Familie ist Vielfalt. Onkel und Tante im Badekostüm am schicken Bungalow-Pool. Die Nichte und ihr bärtiger Mann mit dem Erstgeborenen, ein folkloristisches Trio vor pathetischer Pionierlandschaft, heimgekehrt von Fernost-Experimenten als Anhänger einer streng religiösen Sekte. Der Neffe, ein glatzköpfiger Künstler, im schrillen Kopenhagener Atelier. Ein anderer Neffe, der im Auftrag einer gemeinnützigen Organisation legal Häuser von Arabern für jüdische Familien erwirbt, vor dem Felsendom. Die lachende zwölfköpfige Familie der Cousine am Campingbus; noch mal das Elternpaar, verhärmt – mit dem Foto des im Libanon gefallenen Ältesten. Die Tochter der Fotografin mit Skateboard und Batman-T-Shirt, Hände in den Taschen; der großäugige Sohn im Sportbecken, Schwimmbrille auf der Stirn.

Namen, Generationen, Orte, Milieus. Onkel David, Tante Esther und europäische Erinnerungsfotos an den Betten im Jerusalemer Altenheim. Der orthodoxe Yehuda vor Windrädern auf den Golanhöhen. Die hochschwangere Neta im Minirock küsst ihren uniformierten Mann, auf besetztem Gebiet. Die kleine Shira mit Rutsche und Spielzeugauto vor dem Haus bei Gaza, das im Zuge der Gebietsräumung abgerissen wird; und mit ihrer Mutter vor dem wilden Meer am Strand von Gaza, zu dem die Palästinenser keinen Zugang haben. Vater und Mutter in Tel Aviv am Abend vor der Operation, die sein Leben beenden wird. Familie bedeutet: Trennungen.

Vardi Kahana, Jahrgang 1960, hat vier Generationen porträtiert. Ausgangspunkt ist ein Foto von 1992: ihre Mutter Rivka mit den Schwestern Leah und Esther. Drei starke, unmerklich lächelnde Frauen, auf deren Unterarm die Nummern A-7760, A-7761 und A-7762 zu sehen sind. Als die Deportierten Leah (damals 22), Rivka (18) und Ester (15) im Frühjahr 1944 markiert wurden, wussten sie, dass ihre Eltern und zwei jüngere Geschwister bereits ermordet worden waren. In Israel trafen die Überlebenden der Familie sich wieder. Man hatte einander geschworen, nah beieinander die Häuser der großen Verwandschaft neu zu errichten. Schicksalsgemeinschaft wurde corporate identity. „Bei jeder Gelegenheit erzählten meine Mutter und ihre Schwestern uns Geschichten, wie sie in Auschwitz einander retteten.“

71 Enkel und Urenkel der drei Schwestern gibt es heute. So eng beieinander lebt man nicht: verstreut auf die Siedlungen rechter Ultrafrommer, auf sozialistische Kibuzzim, auf Städte mit säkularem Lifestyle, bis nach Holland und Dänemark. Die Fotografin fixiert kontrastierende Kontexte: ergraute zionistische Kollektivisten, erschöpfte Konsumisten, narzisstische Künstler und beseelte orthodoxe Siedler, ein Spiegelbild ihrer pluralistischen Gesellschaft.

Auf dem Panoramaporträt der zweiten Generation zeigen sich die Differenzen des Lebensstils vor allem im Outfit der gestandenen 40- und 50-Jährigen, im Unterschied zwischen Markenshirts, Allerweltsjeans und ästhetischer Designerdetails. Das Foto sechs kleiner Strolche der vierten Generation, aufgenommen vor der Mietshaus-Skyline der ausschließlich von orthodoxen Familien bewohnten Stadt Kiryat Sefer, fasziniert durch die Mischung aus fotogenem Lausbengel-Charme, halblangen Hosen, selbstbewussten Posen und Accecoires des Glaubens.

Explizit „Jüdisches“ manifestiert sich hier vor allem über Kippa und Schläfenlocken. Die Vermehrungsfreude der Religiösen wirkt in dieser Erzählung wie eine kreatürliche Antwort auf den Genozid; der Doppelkinderwagen verweist nicht auf häufige Mehrlingsgeburten, sondern auf jährliche Schwangerschaften. Dagegen erkennt der europäische Blick in den liberalen Israelis Selbstbilder: das Individuum der globalisierten westlichen Kultur. Wo der historisch-politische Kontext – wie auf einigen Kinderfotos – völlig verschwindet und die Protagonisten überall auf der Welt angesiedelt sein könnten, suggeriert unsere Sichtweise: Normalität.

2003 hat Vardi Kahana ihre Mutter, die Tätowierung ist zu sehen, mit den eigenen Kindern aufgenommen. Roni schaut verträumt, Gil stark und klar. Oma Rivkas Augen sind auf den fernen Punkt gerichtet. „Eine Art Selbstbildnis,“ sagt die Fotografin, „meine Vergangenheit und meine Zukunft.“ Ihre Ausstellung reflektiert Israel als auseinanderstrebende Familie, Familie als Bund der Überlieferung und Geschichtsgemeinschaft. Der Außendruck bestärkt noch, gegen die Zentrifuge der Fort-Bewegung, den schwindenden Zusammenhalt. Fast alle schauen frontal in die Kamerapupille. (Familien-)Geschichte ist Fleisch von meinem Fleisch, ich gehöre dazu, irgendwie, sagen ihre Bilder, bin keine Nummer.

Bis 20.4. in der Akademie der Künste (Hanseatenweg), täglich 10-20 Uhr

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