Fotokunst : Der Schleier hebt sich

Drinnen und draußen: Die Berliner Cicero-Galerie zeigt eine Fotoausstellung „Made in Teheran“

Karin Erichsen
Teheran
Fotokunst aus Teheran gastiert in Berlin. -Foto: promo

Berlin Sie sind ausgezogen, die Vorstellungen der Europäer über das Leben der Frauen im Iran zu korrigieren: Nein, es sei nicht so, dass die iranischen Frauen von ihren Männern unterdrückt würden, dass sie im gesellschaftlichen Leben ihres Landes kaum eine Rolle spielten und ängstlich wie schwarze Gespenster durch die Straßen schlichen, ärgert sich Newsha Tavakolian über das Bild, das die „einseitige Berichterstattung ausländischer Medien“ immer wieder vermittele. Die 26-jährige Fotoreporterin aus Teheran ist eine von sechs jungen Fotografinnen, die in der Cicero-Galerie für politische Fotografie in Berlin unter dem Titel „Made in Teheran“ ihre Arbeiten präsentieren.

Tatsächlich irritieren die großformatigen, farbenfrohen Bilder der Journalistin, die im vergangenen Jahr mit dem 1. Preis beim Foto-Award der National Geographic Society ausgezeichnet wurde: Sie zeigen stark geschminkte junge Frauen mit lässig übergeworfenem Schleier Zigarette rauchend im Café, Jugendliche, die um ein Feuer herum ausgelassen miteinander feiern, oder eine Friedensdemonstration, bei der eine selbstbewusste junge Frau direkt in die Kamera sieht und mit der Hand das Peace-Zeichen formt.

Auch die Fotoserie „Zourkhaneh“ („Das Krafthaus“) der 27-jährigen Mehraneh Atashi liefert ungewöhnliche Einblicke. Sie zeigt verschwitzte Männer mit freien Oberkörpern in einer Sportstätte. Nicht gerade ein Motiv, das man von einer jungen islamischen Fotografin erwarten würde. Zumal Anlagen wie diese eigentlich nur für Männer geöffnet sind. Die Künstlerin hat sich durch monatelanges Zureden Zutritt verschafft. Raffiniert inszeniert sie sich selbst auf den Bildern, indem sie die maskuline Muskelschau durch Wandspiegel ablichtet. Der Gegensatz zwischen der bekleideten Frau mit Schleier und Fotoapparat und den halb nackten Männerkörpern wirkt grotesk.

In ihrer zweiten Fotoserie „Kindheit“ begibt sich die Künstlerin auf die Suche nach der eigenen Identität. Im Stehen hat sie auf dem Boden liegende Bilder aus dem Familienalbum zusammen mit ihren nackten Füßen aufgenommen. Die unterschiedlichen Farben des Nagellacks auf den Zehen symbolisieren die wechselnden Gemütszustände von grün bis schwarz, von der Hoffnung bis zur Resignation. Ab dem neunten Lebensjahr – wenn nach iranischem Gesetz ein Mädchen erwachsen ist, verheiratet werden kann und den Schleier tragen muss – zeigen die Fotos den krassen Gegensatz zwischen häuslicher Sphäre und öffentlichem Raum. Einerseits sieht man ein fast nacktes Mädchen fröhlich auf dem heimischen Sofa toben, andererseits ein ernstes Kind mit schwarzem Kopftuch auf einem amtlichen Pass- oder Schulfoto.

Die Trennung zwischen privatem und öffentlichem Leben prägt auch die Arbeiten der anderen Künstlerinnen. So fotografiert Ghazaleh Hedayats, die in Teheran und San Francisco studiert hat, in ihrer Serie „Peepholes“ („Gucklöcher“) persönliche Gegenstände oder Dokumente wie den Fingerabdruck in ihrem Pass durch den Spion der Haustür, also der Pforte, welche die Außen- von der Innenwelt trennt. Auch die 28-jährige Gohar Dashti sucht die Spuren der Vergangenheit. In der Reihe „Kanevadgi“ („die Familie betreffend“) hat sie Schwarz-WeißAufnahmen beschriftet und fotografiert.

Hamila Vakili hat den Krieg zwischen dem Iran und dem Irak als Schülerin miterlebt. In ihren Bildern vergleicht sie sich mit der heutigen Schülergeneration, die sich offenbar viel freier und sogar mit westlichen Symbolen auf Taschen und Jacken bewegen kann. Auch Vakili stellt mittels Collagentechnik ihre in eine öffentliche und eine private geteilte Persönlichkeit vor: Ein amtliches Porträtfoto mit Kopftuch ergänzt sie durch Hosenbeine und nackte Füße in Badelatschen.

Künstlerisch beeindruckt vor allem die Serie der international bekanntesten Fotografin Shadi Ghadirian. In tänzerischen Bewegungen formt eine ganz in schwarz gekleidete Frau ein Dutzend der weltweit bekannten Symbole nach, die sich auf der Benutzeroberfläche fast aller Computer befinden. Vor dem schwarzen Hintergrund sieht man allerdings nur ihre nackten Füße, die Hände und das Gesicht sowie die Zeichen, die bunt hervortreten.

Die Fotografin bezieht sich damit auf das Medium, das in der aktuellen iranischen Kunstszene von überragender Bedeutung ist: das Internet. Es baut nicht nur die Brücke zwischen privatem und öffentlichen Raum, sondern es ist auch das wichtigste Instrument für den Austausch iranischer Künstler mit der internationalen Avantgarde. Und es liefert eine Plattform für die Kunst, ersetzt die Galerie dort, wo es sonst nicht möglich ist, zeitgenössische Werke zu zeigen.

So gelingt es den Iranern, die Kunst aus dem sakralen Zusammenhang zu lösen und künstlerische Impulse nach Europa zu senden, anstatt nur die europäischen Trends zu zitieren. Die iranischen Frauen, die trotz politischer und juristischer Benachteiligung in wissenschaftlicher, gesellschaftlicher und künstlerischer Hinsicht längst zur Elite gehören, haben daran einen bedeutenden Anteil.

Cicero-Galerie für politische Fotografie, Rosenthaler Str. 38, bis 16. Januar, Eintritt frei. Infos: www.artefakt-berlin.de

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