Frieze Art Fair : Maß voll

London rüstet sich für eine frenetische Messewoche und hofft, dass die Ausstellungen, Auktionen und Messen um die "Frieze Art Fair" das Ende der Talfahrt signalisieren. Aber in Wahrheit regiert die Skepsis.

Matthias Thibaut

„Ich bin mir keineswegs sicher, dass wir über den Berg sind“, gibt Christie’s neuer Contemporary Chef Francis Outred zu. Andere glauben, dass es nie wieder sein wird wie früher, weil die Zeiten der Giga-Boni vorbei sind und eine neue Moral den Kunstgenuss bescheidener macht. Der junge Galerist Emanuel von Baeyer zeigt unter dem Titel „Schatten und Räume“ eine kleine Ausstellung von Brancusi bis Blinky Palermo und stellt die „intime Ausstellung“ in seiner Werbung frech in einen „erfrischenden Kontrast zur krassen Kunst der Frieze Art“.

Mancher Stammhändler der Frieze hat abgesagt und wurde durch Nachwuchs ersetzt. Statt edler und teurer zu werden, macht die Frieze nun der „Zoo Art“ Konkurrenz, die bisher das Monopol auf neueste Kunst hatte und ihrerseits auf reiselustige Galerien aus Übersee verzichten und ins billigere East End ausweichen muss. Am teuren Ende des Spektrums wird der Kunstgenuss traditioneller: Am Berkeley Square, wo die Hedgefunds angesiedelt sind, setzt der Pavilion of Art & Design als Gegen-Frieze-Messe auf edle, klassische Moderne. Auch die Auktionen haben ein kleineres Format und nähern sich im Umfang und Preisniveau den alten „Mid Season Sales“ vor dem Frieze-Wirbel an. Die teuerste Schätzung hat ein großes Peter-Doig-Gemälde, das letztes Jahr in der Tate zu sehen war und nun 1,5 bis 2 Mio. Pfund kostet. Bei Christie’s und Sotheby’s wird das Contemporary-Angebot durch italienische Nachkriegskunst veredelt, die sich seit Jahren mit unerschütterlicher Stabilität verkauft: Sie ist absolut cool, aber schon von kunstgeschichtlicher Würde geadelt und war im Preisniveau immer vernünftig. Die Installation „Tavola a spirale“ von Mario März (1982) kann man ab 400 000 Pfund haben.

Christie’s bietet mit Martin Kippenbergers erstem „Paris Bar“-Gemälde von 1991 Berliner Lokalgeschichte an: Auch hier ist der Schätzpreis von 1,2 Mio. Pfund maßvoll, wenn man bedenkt, wie stark Kippys Renommee in den letzten Jahren gestiegen ist. Verkauft wird das Bild von Charles Saatchi, der es 2004 erworben und in der Ausstellung „The Triumph of Painting“ gezeigt hat. Davor hing das Gemälde in der „Paris Bar“, wo Lokalbesitzer Michel Würthle dem Künstler nach einem ersten Kunstgeschäft freie Kost gewährte. 1991 zeigte Kippenberger dort seine Sammlung – als Gegenaktion zur „Metropolis“-Ausstellung im Gropius Bau, für die er nicht gefragt wurde. Es gibt noch weitere Varianten: 1993 malte Kippenberger für eine Ausstellung im Centre Pompidou eine Version, in der das nun versteigerte Motiv von 1991 an der Wand hängt und der „Bild im Bild“- Effekt eine Ebene weiter gedreht ist. 2007 wurde es bei Phillips von Francois Pinault für 636 000 Pfund ersteigert.

Kippenberger könnte der Star der Londoner Auktionen werden: Christie’s hat noch „Kellner des“ mit schiefer Straßenlaterne im Angebot, das Saatchi 2003 bei Sotheby’s für 196 000 Pfund kaufte. Nun kostet es mindestens 500 000 Pfund. Phillips verkauft einen Block von vier Arbeiten Kippenbergers, den der Grazer Galerist Alexander Bleich-Rossi einliefert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar