Galerie Barbara Weiss : Achterbahn

Monika Baer und Thomas Bayrle kombinieren ihre Arbeiten in der Galerie Barbara Weiss.

Jens Hinrichsen

Fliegende Wurstscheiben taumeln im Nirgendwo, Menschen krabbeln über Baumblätter wie Insekten und in Jesu Adern fließt der Feierabendverkehr. Kein Gegenüber, kein Gesicht, nirgends ein Lächeln. In der Galerie Barbara Weiss kann man sich verloren fühlen zwischen den Gefrierfach-Gemälden von Monika Baer (10 000-14 000 Euro) und den kühn-kühlen Film- und Videoinstallationen von Thomas Bayrle (15 000- 30 000 Euro). Oder ausgesetzt wie ein Hund an der Autobahn: Sieh’ zu, wie du dich durchschlägst, Betrachter.

Beide, Baer und Bayrle, stimmen das Lied der Straße an. Krach, Schmutz und Anonymität herrschen draußen, doch auch ein Widerschein von Individualität und Abenteuer glänzt auf dem Asphalt. Bei Thomas Bayrle, dem großen Unbekannten der Postmoderne, wirken stets gegenläufige Kräfte. „Das Individuum ist der Faden, die Masse ist der Stoff“, hat der gelernte Weber einmal formuliert. Und wie ein Gewebe aus Millionen von Pixeln wirkt auch Bayrles Video-Loop „Autobahnkreuz“ von 2006: Das Digitalbild einer byzantinischen Jesusfigur wird aus der immer selben Szene eines fließenden Verkehrs zusammengesetzt. Dahinter steckt die Frage, wie man es heute hält mit der Religion. Heilsversprechen oszillieren wie schillernde Gewebe, Jesus ist mal nah, mal fern. Der Menschensohn als ein „Ornament der Masse“ (Siegfried Kracauer) – das ist, je nach Blickwinkel, sehr viel oder überhaupt nichts. Und je länger man drüber nachdenkt, desto tiefer hat man sich im dialektischen Bayrle-Netz verstrickt.

Schon in den Sechzigerjahren standen seine damals noch gemalten Bilderpuzzles, die „Superzeichen“, hoch im Kurs. Während Bayrles Zeit als Kunstprofessor an der Frankfurter Städelschule arbeitete er halb im Verborgenen, brachte aber einige erfolgreiche Künstler auf den Weg – zum Beispiel Tobias Rehberger. Nun aber, nach einer glänzenden Retrospektive vergangenes Jahr im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, wird Bayrle auch vom Kunstmarkt „wiederentdeckt“.

Die gute, weil glücklich umgesetzte Idee einer Doppelausstellung kam von Monika Baer, die auch an der aktuellen Documenta teilnimmt. Zwar studierte Baer bei Alfonso Hüppi in Düsseldorf, altersmäßig könnte die Wahlberlinerin (Jahrgang 1964) aber Bayrles Schülerin sein. Ihre mittleren bis kleinen Formate wirken wie unter Strom, weil sie an einer quietschgelben Tapetenwand mit seriell wiederholtem Herrenschuh-Motiv hängen, die der Künstlerkollege schon 1967 entworfen hat.

Die Motive der Malerin flottieren frei im wolkig-abstrakt gemalten Bildraum, der allerdings beim Gemälde „Street“ von 2007 mit einer Fahrbahnmarkierung versehen ist. Auf den Bildern trudeln verknitterte, akkurat gemalte Geldscheine und Euro- oder Centstücke (die sich manchmal als echte, aufgeklebte Münzen erweisen). Baers segelnde Bierschinkenscheiben ähneln ebenfalls Geldstücken, ihre fleischige Farbe suggeriert aber auch eine morbide Erotik. Geht es um Prostitution, um Fleischbeschau auf der Straße? Zumindest legt die Atmosphäre im Bild eine labilen Balance zwischen Öffentlichkeit, Käuflichkeit, Angst und Gewalt nahe. Und das „Fleisch“, um das sich das Geld hier schart, wird mit sandig-braunen Übermalungen sprichwörtlich in den Dreck gezogen. Jens Hinrichsen

Galerie Barbara Weiss, Zimmerstraße 88-91; bis 28. Juli, Dienstag bis Sonnabend 11-18 Uhr.

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