Galerie Scheibler Mitte : Schwarzmalerei

Eine Ausstellung in der Galerie Scheibler Mitte zur trügerischen Sicherheit der Ordnung.

Christiane MeixnerD

Was für ein höllisches Vergnügen! Kinder fahren Achterbahn, ein Knochenmann greift sich die kleine Gestalt im Wagen rechts außen und wirbelt sie durch das Bild von Michael Wutz. „Limbus Park“ heißt seine große Radierung (Auflage: 4, je 3500 Euro), auf der es wimmelt, wuselt und wirkt, als hörte dieser Jahrmarkt niemals auf.

Das tut er tatsächlich nicht. Denn der Limbus gilt der katholischen Theologie als Ort jener Seelen, die ohne Schuld sind und es dennoch nicht in den Himmel schaffen. Ungetaufte Kinder zum Beispiel. Ihnen gehört dieser Vorraum zur Hölle, den Wutz nebenan in der Filmbox noch einmal analog in Szene setzt. Sieben Minuten lang huschen Schattenwesen vorbei und senkt sich ein tieftrauriges Gefühl über den Zuschauer, der begreift, dass deren schaurige Zerstreuung für alle Ewigkeit ist.

So schwer wie Wutz geben sich die übrigen neun Künstler bei Scheibler Mitte nicht. Dennoch rekurriert die momentane Ausstellung „Shadow/Existence“ der beiden Kuratorinnen Rebeccah Blum und Jennifer Bork auf ein ernstes Thema – den Verlust von Sicherheit und Ordnung und damit einhergehende Ängste vor dem Chaos. Dass beides miteinander verwoben und eines ohne das andere nicht wahrnehmbar ist, gehört zu den alten Wahrheiten. Wie sehr allerdings die Arbeit eines Mark Lombardi, Neil Gall oder einer Jorinde Voigt aus diesem Kräftemessen schöpft, macht diese Sommerschau noch einmal sichtbar. Die Stärke ihrer auf Schwarz und Weiß reduzierten Bilder erwächst genau aus dem Versuch, endlich Ordnung ins Chaos zu bringen.

Dass ein Sujet dadurch völlig andere Gestalt annimmt, demonstriert Öyvind Fahlströms „Sketch for a World Map“ (Siebdruck, Edition: 150, je 6000 Euro). Der kritische Pop-Artist hat die Weltkarte in den siebziger Jahren neu vermessen und danach kartografiert, wie sehr die USA in den jeweiligen Ländern engagiert waren. Das Ergebnis ist eine Übersicht politischer Einflussbereiche und steht jenem geschlossenen System in nichts nach, das Mark Lombardi an der gegenüberliegenden Wand zu Papier gebracht hat. 1999, ein Jahr bevor der Künstler auf nicht ganz geklärte Weise umgekommen ist, hat der Künstler das undurchsichtige Finanzgebaren zweier US-Banken zeichnerisch in eine Form gebracht, in der auf einmal alles miteinander zusammenhängt. Genau wie bei Jorinde Voigt und ihrem großen, komplexen Tableau „WV 2009-010 bis 017“ (24 000 Euro je Blatt): der Versuch, eine mathematische Figur mit zeichnerischen Mitteln zu (er)fassen. Hier aber erweist sich die Handschrift, die stets nur annähernd perfekt sein kann, als konstruktiver Störer.

„Shadow/Existence“ heißt die Ausstellung, die sichtbar macht, was sonst im Abstrakten verborgen bleibt. Nico Glaenzel hat mit „Affektenraum“ eine akustische Installation aufgebaut, deren Töne konkrete Emotionen hervorrufen sollen, wie es der Musiktheorie im Barock möglich schien. Vielleicht aber folgt Glaenzel auch den Ansichten von Igor Strawinsky, der der Musik jedes Ausdrucksvermögen absprach. Ihre Aufgabe sei es, „eine Ordnung zwischen den Dingen herzustellen“, meinte der Komponist.

Welcher von beiden Ansichten der junge Klangkünstler zuneigt, wird nicht klar. Dafür aber, dass er die Widersprüchlichkeit auszuhalten gewillt ist. Christiane Meixner

Scheibler Mitte, Charlottenstr. 2; bis 29.8., Di-Sa 11-18 Uhr. Am 28. August findet von 18-21 Uhr eine Finissage statt.

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