Galerie : Stickstoff

In einer höchst unikaten kleinen Ausstellung schafft Lina Jonike Bilder aus Fäden und Fotos. Die Verwandlung fotografischer Objekte wirkt wie ein übermütiges Spiel.

Hans-Jörg Rother
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Fadenkunst. Besticktes Foto aus der Serie "Lie-Tu-Va" (2005). -Foto: Galerie Giedre Bartelt

Fotografien per Computer zu bearbeiten, ist heute fast keine Kunst mehr. Sie jedoch mit farbigen Stickereien zu verzieren, darauf kann jemand vielleicht nur in Litauen kommen, wo das Sticken im ländlichen Raum noch immer gepflegt und an der Kunsthochschule in Kaunas sogar erforscht und gelehrt wird. Lina Jonike macht ihren Studenten vor, wie man auf Bildern die Nackten bekleiden oder sie sogar in die Nationalfarben hüllen kann. In ihrem Triptychon „Lie-Tu-Va“ (2005), drei schmalen Hochformaten, bilden ein in ein goldgelbes Badetuch gewickeltes Baby, ein Mann mit grünem Handtuch und eine Frau mit einem leuchtend roten Tuch im Haar die heilige oder besser: die nationale Familie.

Bei diesem im Wortsinn bestickenden Versuch hängen die Fotografien (die wie alle Vorlagen der Künstlerin von fremder Hand stammen) unter drei mit feinen Fäden verzierten, durchsichtigen Folien. Meist aber hat Lina Jonike die Fotos, die nun in der Giedre Bartelt Galerie zu sehen sind, auf farbige dünne oder gröbere Stoffe reproduziert, in die sie ihre Muster webt – zuweilen mit so dünnem Faden, dass man mit dem Finger darüber fahren muss, um den Unterschied zu spüren. Anregungen für die Motive erhält sie aus dem reichen Fundus der litauischen Folklore wie aus ihrer Phantasie. Den breitschultrigen nackten Mann, der in zweifacher Ausführung schwermütig den Kopf in die Hand stützt, mag der Westeuropäer mit Rodins „Denker“ assoziieren. Litauer denken bei dem Anblick an den „Schmerzensmann“ der christlichen Folklore, dem Lina Jonike hier nun, nicht ohne Ironie, mal ein rotes, mal ein beigefarbenes Badetuch zum Aufwärmen geschenkt hat.

Grüne und rote Luftblasen aus dem Mund zweier Frauen und Kinder

Diese stickende Verwandlung fotografischer Objekte wirkt wie ein übermütiges Spiel, das dann auch bei den grünen und roten Luftblasen aus dem Mund zweier Frauen und Kinder übermütige Formen annimmt. Doch am Ende dieser höchst unikaten kleinen Ausstellung erwartet den Besucher noch einmal in Gestalt einer uralten Waldhütte und eines milde lächelnden Mütterchens ein erdenschweres, nationales Motiv. Darüber hat Lina Jonike eine feine Goldbordüre aus glänzenden kleinen Blüten in den Stoff gewebt, die fast wie ein Heiligenschein wirkt.

Seit Jahrhunderten wollen Stickereien Gebrauchsgegenstände kunstreich verzieren. Hier nun zieht eine neue Meisterin ihres Faches nüchterne Fotografien in die Welt des schönen Scheins hinüber, wo alles Kunstfertigkeit und Natur zugleich ist. Die Preise liegen entsprechend zwischen 1500 Euro für das Einzelstück und bis 7000 Euro für Gruppen.

- Giedre Bartelt Galerie, Linienstraße 161; bis 31.10., Mi-Sa 14-18 Uhr.

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