Galerien : Großes Stühlerücken

Kurz vor dem Art Forum entsteht in Berlin-Kreuzberg ein neues Quartier für Galerien. Es zieht sowohl Berliner als auch ausländische Kunsthändler an.

Matthias von Viereck
Galerie
Frisch gestrichen: In Edzard Brahms' Galerie arbeitet die Künstlerin Christine Rusche an einem Wandbild. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

BerlinMehr Bewegung war selten: Berlins Kunsthändler sitzen inmitten gepackter Umzugskartons, aus dem In- und Ausland kommen andere hinzu. Die Galerienlandschaft formiert sich aktuell neu. So ziehen Contemporary Fine Arts mit Künstlern wie Georg Baselitz, Daniel Richter oder Jonathan Meese aus den Sophie-Gips-Höfen in das neue Galeriehaus von Heiner Bastian an der Museumsinsel. Die erste Ausstellung auf insgesamt 700 Quadratmetern wird eine Retrospektive des Österreichers Walter Pichler sein. Zuvor aber laden zum Art Forum gleich zwei neue Galerienstandorte in Kreuzberg zu ersten Vernissagen.

Noch wird in der Lindenstraße 34/35 geschraubt und verlegt. Hier wollen sich, unweit vom Jüdischen Museum und der Berlinischen Galerie, mehrere Galerien niederlassen. Das um 1910 errichtete, vierstöckige Gebäude beherbergte einst eine Fluggesellschaft und ein Kaufhaus und stand in den letzten Jahren leer. Nun wird es wieder nutzbar gemacht. Der Galerist Claes Nordenhake, der seine Räume in der Zimmerstraße aufgibt, hat das Haus gekauft und eröffnet Ende September unter anderem mit Arbeiten der Künstler Hreinn Fridfinnsson und Sirous Namazi.

Mit von der Partie ist die Galerie Volker Diehl, die auf einer Ausstellungsfläche von 400 Quadratmetern am selben Tag mit Rina Banerjees Papierarbeiten startet, die Räume in der Zimmerstraße aber als „Diehl Projects“ weiterführt - für Projekte etwa mit jungen Kuratoren und ergänzende Ausstellungen. „Da meine Galerie wächst, ist das dringend notwendig“, begründet Volker Diehl den zusätzlichen Standort.

Auch die Galerie Gregor Podnar aus Ljubljana bezieht Räume in der Lindenstraße: „Berlin ist ein exzellenter Spot. Hier kommen die internationalen Sammler inzwischen regelmäßig hin", sagt Gregor Podnar. Ljubljana sei für einen permanenten, internationalen Austausch einfach zu klein. In seiner Berliner Dependance will Podnar Künstler wie Magnus Larsson oder Dan Perjovschi ausstellen.

Eine Adresse in der Hauptstadt besitzt in wenigen Wochen auch die renommierte Düsseldorfer Galerie Konrad Fischer, die hier unter anderem Matthew Buckingham zeigen möchte: „Wir wollen den Künstlern ein größeres Forum als im Rheinland bieten.“ Kurator Daniel Marzona soll die Galerie leiten, eröffnet wird mit Altmeister Carl Andre. Noch nicht entschieden hat sich die Galerie Niels Borch Jensen, die allerdings über einen Umzug in die Lindenstraße nachdenkt.

Zwei Straßenecken weiter weht ein rauerer Wind: Hinter Metallstahltüren, zwischen Lieferrampen, Discounter und Dönerbude eröffnet Ende September Aurel Scheibler mit einer Gruppenschau in den ehemaligen Räumen der Ullstein-Druckerei. Seine Galerie in Charlottenburg besteht weiter, in Kreuzberg plant er unter anderem Ausstellungen mit Erwin Wurm und Billy Sullivan. Architekt Hans Düttmann, der unter anderem für den Umbau der Kunst-Werke zuständig war, hat den 300 Quadratmeter großen Innenraum gestaltet, durch dessen teils gläsernes Dach viel Tageslicht in die sieben Meter hohe Halle fällt.

Andere Kunsthändler zieht es ebenfalls in das etwas unwirtliche Gewerbegebäude aus den sechziger Jahren. Alexander Hattwig, Mitarbeiter der Galerie Aurel Scheibler, spricht mit Blick auf den nahen Galeriespot in der Kochstraße gar von einem „industrial-looking Gegenpol“. Mit dabei ist Oliver Koerner von Gustorf, der zusammen mit Geschäftspartner Frank Müller in seinem künftigen Showroom „September“ Kunst zeigen möchte, die er selbst gut findet. Etwa von Dorothy Iannone. In Planung ist eine Schau mit Marc Brandenburg und Heinz Peter Knes, es beginnt aber erst einmal mit der vielversprechenden Malerin Kerstin Drechsel.

Koerner von Gustorf, Kunstkritiker unter anderem für die „Welt am Sonntag“ und das Kunstmagazin „Monopol“, nennt seinen Showroom „die spontane Neugründung eines Schreibers“. Nun wolle er das Schreiben „etwas einschränken“.

Auch die Wiener Galerie Charim interessiert sich für den neuen Standort. „Wir schauen aber auch in Mitte nach Orten für unsere Dependance“, meint Miriam Charim. Nur nach Berlin möchte sie auf jeden Fall, schließlich lebe hier die Hälfte der Künstler ihrer Galerie. Spannend an der Charlottenstraße findet Charim die Konzentration mehrerer Galerien: „So machen wir das in Wien auch.“

Erst einmal allein in die Wilhelmstraße ist „Realace“ gezogen. Neben dem Willy-Brandt-Haus setzt Galerist Edzard Brahms mit zwei Partnern auf „Fine Arts“ und „Real Estate Development“: Auf der knapp 400 Quadratmeter großen Etage des sechsstöckigen Bürogebäudes werden Ausstellungen präsentiert und daneben Immobilienprojekte ersonnen.

Brahms, der bis Anfang des Jahres die Villa-Grisebach-Gallery geleitet und davor mit dem Berliner Galeristen Mehdi Chouakri zusammengearbeitet hat, sieht „Realace“ als „Experimentierfeld zwischen Kunst und Architektur". Anfang September öffnet der Ausstellungsbereich mit Arbeiten von Stephen Craig, Künstler wie Adib Fricke oder Fritz Balthaus gehören zum Portfolio. Trotz des interdisziplinären Ansatzes bleibt der Ort „eine Galerie im ganz klassischen Sinn“, wie Brahms betont.

Bei all den Gründungen in Kreuzberg und anderswo in Berlin hört man momentan wenig von der Auguststraße, der mittlerweile etwas in die Jahre gekommenen Galeriemeile. Pionier Gerd Harry Lybke, der mit seiner Galerie Eigen und Art als einer der Ersten 1992 dorthin gezogen ist, sieht das gelassen: „Bis jetzt hab’ ich noch keinen Grund, umzuziehen.“ Er fühle sich in der Nähe der Kunst-Werke und der Sammlung Hoffmann sehr gut aufgehoben. „Man ist in der Auguststraße immer noch mittendrin.“ Er sei sehr für Bewegung und Entwicklung: „Aber dafür muss man ja nicht den Ort wechseln.“

Contemporary Fine Arts, Am Kupfergraben 10 (ab Herbst); Nordenhake, Volker Diehl; Konrad Fischer, Berlin, Gregor Podnar, Lindenstraße 34/35 (ab 27.9.); Scheibler, Mitte (ab 28.9.); September (ab 30.9.), beide Charlottenstraße 1; Realace, Wilhelmstraße 138 (ab 1.9.).

0 Kommentare

Neuester Kommentar