Geschlechterfragen in Iran : Das Ich in Stiefeln

Berliner Ausstellung über Genderfragen in Iran: Die Kunstwerke sind in der Wahl ihres Mediums wie in ihrer Auseinandersetzung mit den Rollen von Frauen und Männern vielfältig und kontrovers.

Eva Kalwa

Dreizehn der fünfzehn Baby-Skulpturen, die auf kleinen Nagelbrettern liegen, sind glatt poliert. Ihre goldfarbene, rote, blaue, weiße und schwarze Haut glänzt, die kleinen geschlechtslosen Körper wirken unberührt. Nur an der Spitze des Dreiecks liegt eins aus Lehm, eins aus zerbrochener Terrakotta: Der gesellschaftliche Druck zerstört den Einzelnen, auch in seiner ursprünglich freien Geschlechteridentität. So könnte die wenig optimistische Botschaft der Installation „Creche“ der iranischen Künstlerin Bita Fayyazi lauten. Sie gehört zu den Künstlern der Ausstellung „Naqsh – Einblicke in Gender und Rollenbilder in Iran“ im Museum für Islamische Kunst Berlin.

Die Kunstwerke sind in der Wahl ihres Mediums wie in ihrer Auseinandersetzung mit den Rollen (persisch „Naqsh“) von Frauen und Männern vielfältig und kontrovers. So stellt zum Beispiel das Video „Variation“ der nach zehn Jahren Aufenthalt in Paris wieder in Teheran lebenden Künstlerin Neda Razavipour eine intime Auseinandersetzung mit der eigenen Körperlichkeit dar, wie sie im Iran zurzeit nicht gezeigt werden dürfte. Zugleich irritiert sie den Betrachter mit der bewussten Überschreitung der Grenzen westlicher Sehgewohnheiten.

Diese ironisiert auch die mehrteilige Fotoarbeit „Behnam“ der in Offenbach lebenden Iranerin Parastou Forouhar. Darin entpuppt sich eine in einen Tschador gekleidete gesichtslose Frau als die Rückenansicht eines haarlosen Mannes. Forouhar macht deutlich, wie eng gesellschaftliche Wirklichkeit und automatische Zuschreibungen miteinander verbunden sind und dass Gender-Konstruktionen teils auf Projektionsflächen entstehen – auch im Westen. „Viele junge Frauen gehen jeden Tag im Iran große Risiken ein, um ihre Individualität leben zu können. Sie wollen von Europa nicht immer nur als hilflose Opfer wahrgenommen werden“, sagt Melanie Nazmy- Ghandchi, die Initiatorin der Ausstellung, und gibt ein Beispiel: „Obwohl vor kurzem die Mode, Jeans in den Stiefeln zu tragen, von der iranischen Regierung verboten wurde, sieht man viele junge Frauen auf den Straßen, die sich diesem Verbot vor den Augen der Sittenwächter widersetzen.“

Der dokumentarische Teil ergänzt die Ausstellung um Hintergrundinformationen, insbesondere über die Arbeit säkularer und islamischer Feministinnen. Die Audio-Interviews, eins davon mit einem transsexuellen Mann, wurden im Iran aufgezeichnet. Nach Thailand weist der Iran die höchste Rate an Menschen auf, die sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen haben. Oft wird dieser Weg genutzt, um straffrei aus der heterosexuellen Norm der Gesellschaft auszubrechen: Während Homosexualität unter Strafe steht, wird Transsexualität medizinisch und juristisch „nur“ als Krankheit angesehen.

Die Video-Interviews wurden unter anderem mit der in Berlin lebenden Frauenrechtlerin Shahin Nawai und der Aktivistin Roja Bandari in der Diaspora gedreht. Bandari berichtet über das für Frauen rigide iranische Scheidungsrecht und darüber, dass Mädchen im Iran schon mit neun Jahren, Jungen aber erst mit 15 Jahren voll straffähig sind. Die in Los Angeles lebende Studentin der Ingenieurwissenschaften hat eine Offensive gestartet, für die iranische Feministinnen zurzeit selbst in den entlegensten Dörfern des persischen Hochlandes werben. Die Kampagne heißt: „Eine Million Unterschriften für Gleichberechtigung“. Eva Kalwa

Pergamonmuseum, Bodestr. 1–3, bis 7. 9.; So–Mi 9–18 Uhr, Do–Sa 9–22 Uhr.

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